Über das Vermissen: Wenn die wichtigsten Menschen weit weg sind

Fernbeziehung, Fernfreundschaft, Fernelternschaft – eine Endlosschleife des Vermissens. Na gut, das letzte Wort klingt ein bisschen schräg. Was ich sagen will, ist, dass die Menschen, die ich am meisten liebe, nicht hier bei mir sind. Sie sind nicht in der Stadt meiner Träume. In der Stadt, in der ich mich zuhause fühle.
Meine Eltern und mein Partner sind in meiner Heimat und meine beste Freundin in England. In einem halben Jahr wird sie auf unbestimmte Zeit nach Australien ziehen. Und ich bin hier. Hier in Hamburg. Hier ist es schön. Hier fühle ich mich wohl. Mein Master-Studium ist hier. Mein Job ist hier. Und fast alle restlichen Freund*innen sind hier – Aber eben nicht die Menschen, die mir am nächsten stehen. Nicht die Menschen, vor denen ich mein Innerstes ausbreite. Nicht einer von ihnen ist hier.
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Manchmal vermisse ich die Geborgenheit meines alten Zuhauses.
Von meinen Eltern getrennt zu sein ist in Ordnung. Es ist der Lauf der Dinge, dass Kinder erwachsen werden und bei den Eltern ausziehen – nicht selten auch in eine andere Stadt. Aber manchmal vermisse ich die Geborgenheit meines alten Zuhauses. Die Liebe, mit der meine Mutter unser Haus schön eingerichtet hat. Ich vermisse, dass jemand mir Tee kocht, wenn ich krank bin oder manchmal auch einfach nur so, aus Fürsorge.
Ich vermisse die gemeinsamen Fernsehabende. Das gemeinsame Einkaufen oder Ausgehen. Selbst als ich dann schon in meiner eigenen Wohnung (im gleichen Ort) wohnte, waren meine Eltern zumindest immer noch in Reichweite.
Wesentlich krasser und schmerzlicher als die natürliche Abkopplung von den Eltern, empfinde ich die Trennung von meiner besten Freundin. Die drei Jahre unseres gemeinsamen Bachelor-Studiums waren wir ein perfekt eingespieltes Team, das sowohl berufliche Projekte als auch sämtliche universitären Gruppen- und Partnerarbeiten gemeinsam stemmte.
Wir haben uns fast jeden Tag gesehen. Alltag geteilt. Während unseres gemeinsamen Auslandssemesters zusammengewohnt. Alle, die uns kannten, haben uns scherzhaft als altes Ehepaar bezeichnet. Andere dachten sogar, dass wir heimlich ein Paar sind. Ein Paar im romantisch-sexuellen Sinne waren wir nie.
Wir waren Seelenverwandte, die einander blind verstanden.
Jedoch waren wir füreinander die jeweils wichtigste Bezugsperson. Wir waren Seelenverwandte, die einander blind verstanden. Und jetzt sind wir getrennt. Haben keine gemeinsamen Projekte und keinen gemeinsamen Alltag mehr. Ich vermisse, wie wir gemeinsam Serien schauen oder bis in die Endlosigkeit zusammen sitzen und über das Leben philosophieren.
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Ich vermisse, wie wir gemeinsam Probleme lösen und Pläne schmieden. Wie wir gemeinsam auf etwas hinarbeiten. Noch immer stehen wir täglich im Kontakt, aber erzählen dann von einem Leben, mit die andere nichts mehr zu tun hat. Es ist die Aneinanderreihung von Erzählungen aus einem fremden Leben, denn es gibt kein gemeinsames Leben mehr.
Ich vermisse meine beste Freundin hier bei mir. Ich vermisse gemeinsames Kochen, Einkaufen gehen, ja selbst Wäschewaschen. Ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass unser gemeinsames Leben endete und ich realisiere erst jetzt, wie groß die Lücke ist, die sie hinterlassen hat.
Oft denkt man, eine Fernbeziehung sei schlimmer als eine Fernfreundschaft. Ich persönlich finde, es verlangt einem beides gleich viel Stärke ab. Und es ist wirklich mühselig, dieses Vermissen. Es kann auch mühselig sein sich mit seinen Freund*innen zu treffen, deren Partner*innen auch vor Ort wohnen.
Gedanken zu teilen geht hingegen immer, aber das Telefon kann nur emotionale Wärme übermitteln, keine körperliche.
Ich vermisse das Unmittelbare: Sich nach einem langen Tag gemeinsam gemütlich auf dem Sofa einzukuscheln. Gemeinsam Dinge zu erleben und nicht nur in dem kleinen Zeitfenster, in dem man sich alle paar Wochen sieht. Gedanken zu teilen geht hingegen immer, aber das Telefon kann nur emotionale Wärme übermitteln, keine körperliche. Immer wieder neu Abschied nehmen kann grausam sein. Aber immer wieder willkommen heißen ist umso schöner.
Das Vermissen der wichtigsten Menschen ist bittersüß, denn es erinnert daran, dass es da draußen Menschen gibt, mit denen man eng verbunden ist. Wäre es anders, dann würde man sie nicht vermissen. Das Vermissen ist quasi das Indiz für die bestehende Bindung. Und solange ich vermisse, liebe ich auch. Deswegen ist in diesem Zusammenhang mein Synonym für Liebe ab jetzt das Vermissen.
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