Meditationstrend: Alles, was du über Klangbäder wissen solltest

Foto: Sara Auster.
Als ich im William Vale Hotel in Williamsburg (Brooklyn) ankomme, werde ich mit einem heißen Kamille-Vanille-Tee begrüßt. Dann geht es in den Festsaal im Keller, in dem im Winter die Sound-Bath-Meditationen stattfinden. In den warmen Monaten meditiert man auf dem Dach, aber das wäre im bitterkalten Dezember nicht ganz so gemütlich.
Im großzügigen, von Kerzen beleuchteten Zimmer liegen bereits um die 100 Handtücher für die Teilnehmer*innen bereit. Arrangiert wurden sie um ein Tablett mit Stimmgabeln, Klangschalen, Triangeln und einer Shrutibox. Gongs in verschiedenen Größen gibt es auch. Als wir in den Raum hineinkommen, werden wir gebeten, unsere Jacken, Taschen und Schuhe an der Seite abzulegen. Manche haben ihre eigenen Yogamatten, Augenmasken und Gewichtsdecken mitgebracht, die ihnen dabei helfen sollen, besser zu entspannen.
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Was sind Sound Baths?

Wie du dir bestimmt schon selbst zusammengereimt hast, hat ein Sound Bath nichts mit Wasser zu tun. Vielmehr baden die Teilnehmer*innen im übertragenen Sinne in Tönen, Klängen oder Geräuschen verschiedener Frequenzen, die durch Instrumente wie Klangschalen entstehen. Das Ziel ist, durch die Klänge einen Zustand tiefer Meditation zu erreichen und Stress abzubauen.
Es ist schwer zu sagen, wann genau Sound Baths zum Mainstream wurden, aber in Zeitschriften und Magazinen tauchen sie seit etwa 2015 immer wieder auf. So bezeichnete sie die New York Times beispielsweise als „vibrierende Medizin“. Das heißt allerdings nicht, dass es die Meditationsart erst seit vier Jahren gibt. Wie der Klangtherapeut Monte Hansen der Washington Post erzählte, nutzen Tibetaner „schon seit mehr als 2.000 Jahren Instrumente im Sinne der Schallfrequenz-Technologie“.
Ob Sound Bath, Klangbad, Klangtherapie, Klangschalenmassagen oder Sound Healing: Für eine Sitzung musst du mit Kosten um die 35 Euro pro Stunde rechnen. Das Systemische Institut für Achtsamkeit in Berlin bietet allerdings auch Klangbäder an, bei denen nur eine Spende (von mindestens fünf Euro) erbeten wird. Solltest du skeptisch sein und kein Geld dafür ausgeben oder die Erfahrung lieber allein statt mit anderen Menschen machen wollen, fragst du dich jetzt vielleicht, ob du dir nicht auch einfach zu Hause bestimmte Klänge oder Melodien anhören kannst. Die Antwort lautet: Jein. Auf der Website von Sara Auster (die auch mein erstes Sound Bath geführt hat und die ich dir gleich noch etwas vorstelle) gibt es beispielsweise ein paar Tracks, die du dir kostenlos anhören kannst. Sie wurden live aufgenommen und nur minimal nachbearbeitet. Durch sie kannst du zwar wahrscheinlich nicht das Gleiche Erlebnis wie bei einer unserer Sessions erzielen, aber du kannst dennoch von einigen Vorzügen profitieren.
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Wenn du nach einem Live Sound Bath suchst, rät Sara, dich vorher genau über die Person zu informieren, die die Sitzung leitet. „Wer ist dieser Mensch, der dich auf eine Reise mitnimmt und dem du deine Emotionen, deinen Geist und deinen Körper anvertraust?“. Ich habe im Vorhinein auch schon etwas recherchiert und weiß, dass Sara Sound Director bei MNDFL und The Big Quiet war und laut ihrer Website bereits Sound Baths im Museum of Modern Art, im Rubin Museum und im Lincoln Center geführt hat. Ich glaube, ich bin in guten Händen. Allerdings ist das Problem, dass es keinen Standardprozess zur Zertifizierung gibt. Will heißen: Jede*r kann Sound Baths durchführen, auch wenn er oder sie keinen medizinischen oder wissenschaftlichen Background hat.

Das steckt dahinter

„Die Klänge der harmonischen Vibrationen werden mit ganz bestimmten Instrumenten kreiert und sollen die Alpha- und Theta-Gehirnwellen stimulieren“, so Sara. „Das sind die Hirnströme, die mit tiefer Meditation und einem friedlichen Gemütszustand assoziiert werden. Wenn wir diesen Zustand erreichen, kann das die Heilung des Körpers, des Herzens und der Atemfrequenz begünstigen. Außerdem verlangsamt sich der Atem und es kann ein therapeutischer Effekt für Körper und Geist entstehen“.
Das klingt zwar alles ganz wunderbar, allerdings gibt es keine Studien, die die Wirksamkeit von Sound Baths eindeutig belegen. Deswegen hat der klinische Psychologe David Austern des NYU Langone Health Departments of Psychiatry beispielsweise noch nie Klangbäder verschrieben. Anfang letzten Jahres wurde zwar eine Studie zum Thema Stress und Klänge veröffentlicht, deren Ergebnisse seien allerdings nur vorläufig. Austern erklärt, es gäbe noch große Lücken bei der Erforschung von Sound Baths. So fehle es beispielsweise an randomisierten klinischen Studien. „Teilnehmer*innen von Klangbädern erzählen oft von subjektiven Vorteilen, aber es gibt keine Kontrollgruppen. Das ist schade, denn Menschen, die komplementäre Medizin und Naturheilkunde bevorzugen, möchten natürlich wissen, wie wirksam Sound Baths wirklich sind – besonders im Vergleich zu herkömmlichen Behandlungsmethoden bei dauerhaftem Stress oder Angststörungen“, erklärt Austern. Er betont, dass kognitive Verhaltenstherapien beispielsweise sehr effektiv sind. Entscheiden sich Patient*innen gegen sie und für alternative Medizin, ist nicht klar, welche Folgen das haben kann. Oder anders gesagt: Wenn du unter dauerhaftem Stress oder Angststörungen leidest, ist es nach aktuellem Kenntnisstand immer noch empfehlenswert, eine*n Therapeut*in aufzusuchen.
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Mein erstes Sound Bath

Eine Freundin aus Los Angeles, die schon bei mehreren Sound-Bath-Sessions war, erzählte mir, diese „bizarren“ Erfahrungen hätten sie verändert. Die Menschen um sie herum schreiten und weinten und gegen Ende der Meditation erlebte sie Augenblicke vollkommener Klarheit in Bezug auf ihre aktuelle romantische Beziehung. Sie ist sich nicht ganz sicher, glaubt aber ihr Herz-Chakra hätte sich geöffnet. Kurz gesagt: Ihre Erzählungen klangen wie ein Ayahuasca-Ritual, nur ohne Drogen. Logisch also, dass ich direkt selbst einen Termin vereinbarte.
Die Session im William Vale Hotel wurde von Alex Falk und der bereits erwähnten Sara Auster geführt. Letztere könnte dir eventuell ein Begriff sein, weil sie 2017 ein Sound Bath für Gwyneth Paltrows In Goop Health-Treffen organisiert hat. Sowohl Sara als auch Alex haben beide Klassen im angesagten New Yorker Meditationsstudio MNDFL unterrichtet, kennen sich also bestens mit dem Thema „relaxen und zu sich finden“ aus. „Jeder Mensch hat eine individuelle Beziehung zu Klängen. Deshalb ist es auch unmöglich, im Voraus zu sagen, was dich bei einem Sound Bath erwartet und wie du darauf reagierst“, erklärt Sara und erzählt, das Konzept, Klänge als therapeutische Methode zu nutzen, sei schon uralt. In den letzten Jahren nahm es allerdings an Beliebtheit zu, denn „die Menschen suchen immer häufiger nach neuen, einfacheren Wegen, einen meditativen Zustand zu erreichen. Wenn du traditionelle Meditation mit Treppensteigen vergleichst, ist ein Sound Bath eine Fahrt mit dem Aufzug“.
Im William Vale liegen alle entweder flach auf dem Boden oder sitzen wie beim Meditieren im Lotussitz. Sara und Alex beginnen die Session mit Atemübungen und stellen anschließend die unterschiedlichen Sounds vor. Das Ganze dauert etwa eine Stunde und die Klänge werden immer mal wieder durch sanftes Schnarchen einzelner Teilnehmer*innen durchbrochen (denn ja, manche schlafen bei der Meditation ein).
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Ich persönlich habe das Sound Bath nicht unbedingt als entspannend oder beruhigend wahrgenommen, sondern eher als kreativ stimulierend. Irgendwann wurde mir langweilig also fing ich an, frei zu assoziieren. Nach etwa zehn Minuten setzte ich mich auf, zog mein Notizbuch aus meiner Tasche und begann, meine Ideen zu Papier zu bringen – wie beim automatischen Schreiben. Weil ich aus irgendeinem Grund am Anfang nicht über das „echte Leben“ nachdenken konnte, dachte ich an Farben, Menschen, Orte und Filmszenen. Ich war tatsächlich ziemlich produktiv, aber dann drifteten meine Gedanken wieder ab und ich fragte mich, ob meine Mitbewohnerin daran gedacht hatte, die Katze zu füttern. Dann überlegte ich, wie Tiere wohl auf ein Sound Bath reagieren würden. Mein Hund würde es hassen. Ich öffnete den kleinen Flakon mit ätherischem Öl, der uns zu Anfang überreicht wurde, gab einige Tropfen auf meinen Nasenrücken und versuchte noch Mal, zu relaxen. Ich dachte darüber nach, was ich meinen Kolleg*innen erzählen würde, wenn sie mich nach einer detailgenauen Beschreibung meiner Erfahrungen fragen. Dann fiel mir auf einmal ein, dass ich noch eine Wäsche waschen müsste, weil ich gerade meinen letzten sauberen Rollkragenpulli an hatte.
Bei einigen Klängen fühlte es sich so an, als wären sie sehr nah, während andere weiter weg schienen. Warum das so war, erklärte sich, als ich die Augen für einen Moment öffnete und sah, wie Sara und Alex mit Instrumenten in der Hand durch den Festsaal liefen. Ich fragte mich, was wohl passieren würde, wenn einer der beiden versehentlich eine Klangschale auf dem Kopf einer Teilnehmerin oder eines Teilnehmers fallen lassen würde.
Nach der Sitzung wurden wir dazu ermutigt, mit den anderen Teilnehmer*innen über unsere Erfahrungen zu reden. Also fragte ich Prima und Danelle, wie es für sie war. „Ich hatte eigentlich keinerlei Erwartungen. Aber währenddessen war ich teilweise gar nicht richtig bei Bewusstsein. Irgendwann war ich dann voll in meinem Element“, antwortete Prima. Sie ergänzt, dass sie sich nach der Sitzung viel entspannter und gleichzeitig fokussierter fühlte als davor. Danelle ist schon ein alter Hase, was Sound Baths angeht. Sie nimmt pro Jahr an etwa sechs Veranstaltungen teil und nutzt sie, um ihre Synästhesie (farbiges Hören) zu erkunden.
Was mich angeht, würde ich das Klangbad als erdend beschreiben. Die Klänge an sich halfen mir zwar nicht direkt runterzukommen, aber zumindest fühlte ich mich danach frisch und munter. Und ein kleines bisschen schwindelig – gerade schwindelig genug, um zur echten Welt zurückkommen zu wollen.
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