Nein, Diebische Elstern soll dich nicht zum Klauen animieren

Foto: Netflix
Letzten Juni brachte Netflix eine neue Serie namens Diebische Elstern (Originaltitel: Trinkets) heraus, die von einer Gruppe von Teenagern mit einem ungewöhnlichen Hobby handelt: Ladendiebstahl. Das ist zwar nicht das erste Mal, dass das Thema popkulturell aufgearbeitet wird, aber im Gegensatz zu The Bling Ring (2013) kratzt Diebische Elstern nicht nur an der Oberfläche. Stattdessen konzentriert sich die Serie auf die dunklen psychologischen Beweggründe hinter der kriminellen Handlung.
Für die Freundinnen Elodie Davis (Brianna Hildebrand), Moe Truax (Kiana Madeira) und Tabitha Foster (Quintessa Swindell) stellt Diebstahl einen Bewältigungsmechanismus dar. Sie mussten viel durchmachen – vom Verlust eines Elternteils bis hin zum missbrauchendem Partner. Eines Tages lernen sie sich in einer Selbsthilfegruppe für anonyme Kleptoman*innen kennen.
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Kristen "Kiwi" Smith, die Autorin des Romans, auf dem die Serie basiert, erzählte der Teen Vogue, dass die Idee Ladendiebstahl zu begehen wahrscheinlich vor allem Menschen anspricht, die ähnliche Probleme in ihrem Leben haben wie die Protagonistinnen. „Viele junge Frauen machen es, weil sie nicht genug Kontrolle und Macht über ihr eigenes Leben haben. Das versuchen sie häufig (unterbewusst) durch das Klauen zu kompensieren. Sie versuchen die Löcher in ihrem Inneren mit materiellen Dingen zu füllen“, so Smith. „Mir war es besonders wichtig, herauszufinden was Menschen anfällig für diese Sucht macht. Ich wollte die Beweggründe und die Sucht an sich so ehrlich und wahrheitsgetreu wie möglich darstellen.“
Laut Terry Shulman, einem ehemaligen Kleptomanen, Gründer von Kleptomaniacs and Shoplifters Anonymous und Autor von Something for Nothing: Shoplifting Addiction and Recovery kann es unterschiedliche Ursachen für die Sucht geben. „Manche stehlen zum ersten Mal, nachdem sie eine geliebte Person verloren haben, ein Trauma erlebt haben oder eine große Veränderung in ihrem Leben durchstehen musste“, so Shulman. Es gibt natürlich auch Menschen, die nach derartigen Erlebnissen eine Drogen- oder Spielsucht entwickeln, aber Diebstahl ist wegen des Nervenkitzels für viele besonders reizvoll.
Interessant ist, dass die meisten gar nicht darauf aus sind, ganz bestimmte Dinge zu stehlen, die sie unbedingt brauchen oder haben wollen. Vielmehr geht es darum, die Kontrolle über etwas zu haben. Manche klauen zum Beispiel Sachen, die sie niemals benutzen werden wie Kleidung, die ihnen gar nicht passt oder hunderte von Bleistiften, weil es ihnen hilft, ihr Ängste im Griff zu behalten. Shulman erinnert sich, dass er beim Stehlen ein Gefühl von Kontrolle und Befriedigung empfand. „Ich versuchte, mein Leben besser zu machen, in dem ich mir etwas zurückholte, das das Leben von mir genommen hatte. Damals war mir das nicht so bewusst, aber was ich tat hatte einen großen Symbolcharakter. Ich wiederholte es mehrfach und irgendwann wurde es einfach zur Gewohnheit.“ Mit der Zeit suchen die Betroffenen immer häufiger nach Gelegenheiten, etwas zu stehlen und dann kann es auch zur Sucht werden, so Shulman.
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Strenggenommen ist Kleptomanie ein Symptom einer Impulskontrollstörung und keine Sucht. Charakteristisch für das „zwanghafte“ oder „neurotische Stehlen“ sind „wiederkehrende Diebstähle ohne erkennbaren Nutzen oder Motiv“. Der Begriff selbst wird mittlerweile allerdings von einigen Menschen abgelehnt, weil er veraltet und irreführend ist.
Wie in der Serie angedeutet, suchen viele Betroffene Unterstützung bei Selbsthilfegruppen oder machen eine Therapie, damit sie lernen, dem Impuls zu widerstehen. Shulman hofft, dass Diebische Elstern betroffene Menschen dazu animiert, sich Hilfe zu suchen. Auf der einen Seite ist er sich dessen bewusst, dass manche Zuschauer*innen das Ganze als Verherrlichung eines psychischen Problems sehen könnten. Gleichzeitig glaubt und hofft er jedoch, dass die Serie ein Bewusstsein für die Störung weckt und ein Gespräch darüber in Gang bringt.
Wenn du oder jemand, den*die du kennst, an einer Impulskontrollstörung leidet, kannst du dich beispielsweise an die Hotline der TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 wenden oder dich bei der Caritas informieren.
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