4 Blocks, 3 Frauen: Der wahre Grund, warum die Gangster-Serie genial ist

Maryam Zaree, Almila Bagriacik und Karolina Lodyga sind diese starken Frauen, die den weiblichen Rollen in „4 Blocks" Leben verleihen. Ein Gespräch über Parallelwelten, Integration und Klischees.

Squiggly Line
Diese Serie fühlt sich mal an wie eine Faust, die einem ins Gesicht schlägt, bis das Blut über die Augen rinnt – und mal wie die Ghetto-Faust, mit der wir uns darauf einigen, dass wir alle Menschen sind. Fakt ist: Die TNT-Produktion „4 Blocks" ist schon vor der Ausstrahlung am 08. Mai Feuilletonstar, preisverdächtig und so heiß diskutiert, dass eine zweite Staffel für 2018 bereits verkündet wurde. In sechs Episoden wird die Geschichte um Familie Hamady erzählt; Im Grunde geht es um Freundschaft und Familie, Verrat und Schuld im Milieu eines arabischen Clans in Berlin-Neukölln. Einer Szenerie, die auf den ersten Blick in Maskulinität badet und vor Testosteron trieft – auf den zweiten Blick aber die Stärke und Komplexität der Frauenfiguren erkennen lässt.
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Maryam Zaree, Almila Bagriacik und Karolina Lodyga sind diese starken Frauen, die den weiblichen Rollen in „4 Blocks" Leben verleihen. Ein Gespräch über Parallelwelten, Integration und Klischees.
„4 Blocks" zeigt ein Paralleluniversum in der Hauptstadt, einen fiktiven Mikrokosmos verstrickt in Kriminalität. Maryam, du wohnst in Neukölln, Karolina, du bist dort teilweise aufgewachsen, auch du, Almila, bist Berlinerin – Hat der Dreh eure Sicht auf den Bezirk verändert?
Maryam: „Die Geschichte könnte nicht weiter von meiner Lebensrealität entfernt sein. Vielleicht ist das auch eine Form von Verdrängung, aber ich sehe diese Welt nicht in meinem Kiez. Bei der Berlinale fragte mich auch jemand: 'Und so ist Neukölln?'. Nein, mein Neukölln ist null so.“
Karolina: „Ich habe vor einigen Jahren Ferdinand von Schirach gelesen und da hatte ich schon dieses Gefühl von 'So etwas gibt es nebenan? Sowas passiert tagtäglich in meinem Berlin?’ . Deshalb hat mich das Drehbuch von „4 Blocks" vielleicht nicht geschockt, ich empfand den Stoff einfach als unglaublich echt.“
Almila: „Natürlich sind die Clan-Geschichten immer da gewesen und ich glaube, die sind in der Realität noch härter. Aber Kriminalität macht natürlich nicht Berlin aus.“
Karolina: „Ich habe heute mit jemandem aus Polen gesprochen und der sagte, nach der Serie wolle doch keiner mehr nach Deutschland, da hätten doch alle Angst. Aber: Wenn du nichts mit dieser Welt zu tun hast, oder dir als Tourist heute Berlin anschauen willst, dann siehst du diese kriminellen Machenschaften auch nicht, dann siehst du super schöne Wohnungen und eine Hipster-Szene mit modernen Bars und Restaurants.“
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Almila, du bist mit fünf Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen, wie hast du Berlin kennengelernt?
Almila: „Meine Eltern und ich kamen aus Ankara und damals kannten wir uns mit den Bezirken natürlich nicht so aus. Wir wohnten sechs Monate in Wedding, dann ging's kurze Zeit später nach Kreuzberg. Ich war als Kind gerne auf dem Spielplatz in der Hasenheide und dort gab es große Kamele und Palmen aus Holz – das fand ich immer so fantastisch. Aber einmal habe ich zu tief im Sandkasten gebuddelt und hatte plötzlich eine Spritze in der Hand. Das war mein letztes Mal auf diesem Spielplatz.“
Maryam: „Almila hat es in Bezug auf „4 Blocks" und das Paralleluniversum, von dem wir gerade sprechen, mal so schön mit einem Bild auf den Punkt gebracht: Es ist wie mit einem Teppich. Wenn du den anhebst, kommen vielleicht unschöne Dinge zum Vorschein, wenn du ihn nicht anhebst, dann ist das zugedeckt und vermeintlich ordentlich. Ist aber in den meisten Großstädten so, wenn man nicht genau hinguckt.“
Karolina: „Ich bin mit vier Jahren nach Deutschland gekommen und ich fand Neukölln so schön. Noch nie zuvor habe ich so viele Spielplätze auf einmal gesehen. Und auch damals gab es Kriminelle, aber ich habe mich sicher gefühlt. Auch wenn ich mit diesen Leuten nie wirklich geredet habe, kannte man sich vom Sehen und man hat sich respektvoll Hallo und Tschüss gesagt. Ich hatte das Gefühl, dass sie auf die Kinder aus dem Kiez mit aufpassten.“
In „4 Blocks" wird auch darauf aufmerksam gemacht, dass ein möglicher Ursprung von Kriminalität der Duldungsstatus sein kann.
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Maryam: „Es ist sehr interessant, sich mal die Herkunft von Mafia-Filmen anzuschauen. Die Geschichten setzen meist da an, wo der Staat versagt. Dass sich solche Strukturen auch in Deutschland entwickelt haben, obwohl wir von einem so stabilen Netz ausgehen, hängt damit zusammen, dass diese Leute strukturell ausgegrenzt werden. Die Familie Hamady, die wir verkörpern, wartet seit 26 Jahren auf ihre Einbürgerung. Sie gehören einer Minderheit an, sind staatenlose Bürgerkriegsflüchtlinge aus den 80ern, die immer noch keine Anerkennung bekommen haben. Sie dürfen nicht regulär arbeiten, sie dürfen keinen Telefonvertrag machen, sie können keinen Führerschein machen, selbst eine Wohnung zu mieten, ist so schwer. Wie soll man unter diesen Bedingungen ein würdevolles Leben führen und nicht ein Gefühl des Ungewolltseins haben? Genau da entwickelt sich dann zum Beispiel Kriminalität.“
Almila: „Aber man hat natürlich die Wahl, ob man kriminell wird, Drogen vertickt oder andere Menschen bedroht!“
Maryam: „Klar, aber durch die Kontextualisierung versteht man mehr, wie diese Strukturen entstehen können. Unter diesen Umständen ist die legale gesellschaftliche Teilhabe schwer. Und deshalb siehst du auf der Sonnenallee eben die ganzen fetten Audi-Karren rumfahren.“ (lacht)
Almila: „Und da steht auf der Heckscheibe statt Abi-06 dann Hauptschule. (alle lachen)
Nein, ernsthaft. Du hast schon recht. Die Message ist: Wenn ihr uns nicht wollt, dann holen wir es uns halt.“
Karolina: „Uns geht es auch nicht darum, mit der Serie in die Politikecke zu gehen. Anhand des Beispiels der arabischen Familie wollen wir eben die Realität ansprechen, dass man es in Deutschland mit einem ausländischen Nachnamen schwerer hat. Es ist egal, aus welchem Land du kommst, wir haben die gleichen Probleme.“
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Ihr habt alle drei einen Migrationshintergrund – werdet ihr als Schauspielerinnen deshalb auf die Rolle der Ausländerin festgelegt?
Maryam: „Es ist natürlich ein Problem, dass die Rollenauswahl für SchauspielerInnen mit Migrationshintergrund sehr eingeschränkt ist und ich empfinde das als rassistisch. Zumindest ist die Häufung dieses bestimmten Rollentypus rassistisch.“
Karolina: „Ja, das ist extrem krass. Aber als ich mich mit Moritz Bleibtreu darüber unterhalten habe, meinte er zu mir: 'Sei doch froh, dass du eine Nische hast.' Und da hat er auch nicht unrecht. Besser ist es, eine Nische zu haben und zu drehen, als nichts zu tun zu haben.“
Maryam: „Ich habe lange Zeit Rollen mit Kopftuch kategorisch abgelehnt. Meine Eltern kommen aus dem Iran und sind vor dem islamischen Regime geflohen. Sie wurden verfolgt, weil sie sich geweigert haben, sich einem totalitären islamistischen Staat, der Frauen unter anderem zum Kopftuchtragen zwingt, zu unterwerfen – die Vorstellung, dass sie dann ihre Tochter in jeder zweiten „Tatort"-Rolle mit Kopftuch sehen müssen, finde ich grauenvoll. Heute sehe ich das komplexer, aber generell muss sich das immer aus der Figur und der Geschichte heraus legitimieren.“
Almila, deine Figur Amara trägt Kopftuch. Wie wichtig ist das für die Rolle?
Almila: „Das löste zunächst echt eine Diskussion aus. Am Anfang war die Rolle ohne Kopftuch angelegt, doch unserem Regisseur Marvin Kren war das ganz wichtig. Er wollte der Rolle Amara als einzige Frau mit Kopftuch Unschuld und gleichzeitig Eigenwillen und Stärke verleihen. Er meinte zu mir: 'Du bist die Schwester von Toni und Abbas Hamady, und ich will Amara ein Kopftuch geben, weil ich weiß, dass es die Rolle stärken wird, vertrau mir.' Ich habe es bis kurz vor dem Dreh hinterfragt und musste die Stärke dahinter nachvollziehen. Er hatte absolut recht. Es gibt so wenig Beispiele von starken Frauen mit Kopftuch im Kino und Fernsehen, die das aus eigener Überzeugung tragen. Deshalb ist das Kopftuch so wichtig, weil wir so die Geschichte einer Frau erzählen, die das mit Stolz trägt. Und eben nicht, weil sie unterdrückt wird. Wir zeigen so, dass sich unter dem Stoff auch ein Gehirn und eine Seele befindet.“
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Klingt nach einem Aha-Moment.
Almila: „Ja, ich habe mich selbst ertappt, dass ich in Schablonen denke und Vorurteile habe. Und es ist so schön, wenn man diese Vorurteile als Schauspielerin immer wieder ablegen kann, dann hat man nämlich was zum mitnehmen für Zuhause. Gute Gedanken zum Einpacken sozusagen.“ (lacht)
Wie steht ihr privat zum Thema Kopftuch?
Almila: „Meine Familie ist nicht grundsätzlich gegen das Kopftuch, aber sie findet, dass der Glaube nur einen selbst etwas angeht, dass man ihn nicht zum Groupsharing machen muss. Als Kind habe ich in der Türkei, im Dorf bei meiner Oma, ein Kopftuch tragen wollen, obwohl sie keins trug. Ich wollte das, weil da viele Kinder Kopftuch getragen haben und wir uns so beim Spielen überall hinpacken konnten, ohne dass die Haare voller Dreck und Staub waren.“
Karolina: „Ich habe einige ehemalige Freundinnen aus Polen, die tragen Kopftuch. Und ich kann mich erinnern, dass mir das auch etwas gegeben hat, als ich eine Nonne gespielt habe. Das macht etwas mit einem. Gibt Haltung, Kraft und Schutz. Das Gefühl ändert sich.“
Eure Rollen in „4 Blocks" sind eben auch so interessant, weil die Frauen-Charaktere stark dargestellt sind. Jede auf ihre Art. Man bekommt nicht den Eindruck, dass die Frauen in arabischen Clans automatisch unterdrückt werden und machtlos sind. Wie wichtig sind die Frauen?
Maryam: „Ja, die Frauen sind essentiell in der Geschichte und die Komplexität der Rollen ist großartig. Unsere drei Figuren sind alle drei mit extrem patriachialischen Strukturen konfrontiert und mit Männern, die sich über eine ganz bestimmte Idee von Maskulinität definieren. Man spürt aber von Folge zu Folge mehr, wie viel Kraft die Frauenrollen in diesem Männermilieu entwickeln müssen, damit die Geschichte nicht zum Klischee verkommt.“
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Almila: „Eigentlich sind wir die mächtigen Drei.“
Karolina: „Auch die Erfahrungen mit den Männern in den Drehpausen waren toll. Da kamen ja jetzt etablierte Schauspieler, Rapper, Gangster, Laiendarsteller und wir drei Schauspielerinnen mit Erfahrung und teils klassischer Schauspielschulausbildung zusammen. Wir hatten den Respekt der Männer, weil sie merkten, dass wir den Job nicht nur lieben, sondern auch wissen, was wir tun und das eben gelernt haben. Am Ende kamen die harten Jungs sogar mit ihren Liebesproblemen zu uns.“ (lacht)
Wieviel Ghetto steckt in euch?
Maryam: „Ich wünschte, ich wäre Ghetto. Ich habe in den 90ern meine Hosen in die Socken gesteckt und wollte sein wie IAM und NTM. Aber ich komm aus einem Akademikerhaushalt, in dem promoviert wurde. Trotzdem gehöre ich einer Minderheit an und fühlte mich deshalb von Rapmusik angezogen, die ja auch von Ausgrenzungserfahrung erzählt. Außerdem komme ich ursprünglich aus Frankfurt, wo soziale und kulturelle Herkünfte sich viel selbstverständlicher begegnen. Wir Frankfurter denken ja immer, dass wir die Härtesten und Krassesten sind…“
Karolina: „Meine beiden Eltern sind Lehrer.“
Almila: „Halt, meine Eltern sind Journalisten. Wir sind also alle drei Akademiker-Kinder.“
Karolina: „Meine sind total belesen und lieben Kunst. Ich musste Frédéric Chopin hören und deshalb wollte ich Tupac.“ (lacht) Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich nach der sechsten Klasse auf eine katholische Oberschule auf der Sonnenallee gehe. Und ich hasste das, ich wollte nicht zu den Nonnen, also habe ich auf Ghetto gemacht: Der Direktor fragte mich beim Aufnahmegespräch, was ich für Bücher lesen würde: „Keene" rotzte ich hin. Und dann fragte er mich, ob ich klassische Musik möge. „Ich hör Coolio“. Der ist ausgeflippt, ich habe alles sabotiert, weil ich mir gesagt habe, ich will ich sein. Und wenn ich gerade Ghetto bin, dann bin ich eben gerade Ghetto – und ich komme nicht zu den Nonnen! Ich habe gewonnen.“ (lacht)
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Maryam: „Warum so ein Reiz vom Mafia-Genre und der Rap-Szene ausgeht, warum das so gefeiert wird, ist, dass das Idole sind und man sich eben auch mit den Geschichten identifizieren kann. Meist sind es ja Heldengeschichten, wie man es aus einem Missstand schafft oder zum Boss wird.“
Almila: „Ich habe früher geboxt und das hat zu einem starken Selbstbewusstsein bei mir geführt. Wenn Jungs mich angegriffen haben, habe ich auch schon mal zurückgehauen. In der Schule bekam ich einmal einen Tadel, meine Mutter wurde zum Direktor gerufen. Aber Zuhause gab es dann ein Highfive, weil meine Mutter nicht mehr wollte, dass ich grün und blau nach Hause komme, sondern lerne mich zu verteidigen.“
Und damit sind wir wieder beim Thema starke Frauen. Findet ihr, dass sich in den letzten Jahren die Rolle der Frau in der Filmbranche verändert hat?
Maryam: „Beim letzten „Achtung Berlin Filmfestival" haben fast nur Frauen gewonnen. Ich habe mich so gefreut darüber, selbst eine Kamerafrau wurde mal geehrt. Es ist nicht zu leugnen, dass Almila, Karo und ich gerade eine Serie repräsentieren, in der deutlich weniger Frauen vorkommen, als Männer, die gemacht wird von einer hauptsächlich männlichen Produktion, geschrieben von männlichen Autoren und erzählt von einer männlichen Regie. Das ist „4 Blocks" keine Ausnahme. Der springende Punkt ist aber, dass wir weibliche Erzählperspektiven dringend brauchen, sonst wird die Hälfte der Bevölkerung nicht in ihrer Komplexität repräsentiert, sondern nur über sie gesprochen. Das gleiche gilt für queere, wie migrantische Perspektiven. Unsere Gesellschaft ist multidimensional und sollte so auch erzählt werden."
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Karo: „Als ich mit der Schauspielerei angefangen habe, hieß es, dass man als Schauspielerin ab 40 keine Rollen mehr bekommt. Ich weiß noch gut, wie ich mir innerlich gesagt habe, dass das bei mir anders wird. Und auch da tut sich was. Um so älter man wird, desto geilere Geschichten hat man zu erzählen. Manchmal stelle ich mir eine kleine Lego-Figur in mir vor, das ist dann die Mini- Feministin in mir.“
Almila: „Aber im Bauarbeiterkostüm.“ (alle lachen)
„4 Blocks" läuft ab 08. Mai um 21:00 Uhr auf TNT. Der 6-Teiler ist die dritte Eigenproduktion von TNT Serie, zuvor produzierte der Seriensender von Turner Deutschland bereits die beiden Grimme-Preis-prämierten Formate Add a Friend und Weinberg.
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