Flirten: „Nein“ ist keine versteckte Aufforderung zum Weitermachen!

Ich war beruflich unterwegs und lernte bei einer Tagung viele neue Leute kennen – darunter auch Herr P. Ich gab ihm und ein paar anderen Teilnehmenden meine Visitenkarte. Soweit also nichts Neues. Ein paar Tage später, wieder zu Hause angekommen, bekam ich eine WhatsApp-Nachricht: „Hallo, hier ist Herr P., wie geht es Ihnen?“. Ich antwortete und wir fingen an hin und her zu schreiben. Ich dachte mir nichts dabei, hatte es doch mit einer Begegnung auf geschäftlicher Ebene begonnen. Allerdings wurde recht schnell klar, dass Herr P. nicht an meiner Arbeit, sondern an mir interessiert war. Er wolle mich zum Kaffee einladen, mich kennenlernen. Das ist in erster Linie natürlich nicht verwerflich, ich hatte aber kein Interesse an ihm, wollte es ihm mitteilen und das Gespräch beenden. Gesagt, getan, ich schrieb ihm: „Vielen Dank für das nette Angebot, das ich jedoch ablehnen muss. Ich wünsche Ihnen weiterhin einen schönen Tag.“
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Ich legte das Handy weg, um einige Minuten später drei weitere Nachrichten von ihm auf meinem Display aufleuchten zu sehen. Das wäre doch bestimmt ganz lustig und warum denn nicht, er wolle mich lediglich kennenlernen. Noch immer sehr diplomatisch in meiner Ausdrucksweise schrieb ich ihm, dass ich kein Interesse hätte. Seine Antwort: „Ich weiß, Sie sind eine viel beschäftigte Frau, aber dass Sie nicht mal Zeit für einen Kaffee haben, kann ich mir nicht vorstellen. Sie werden es nicht bereuen.“ Er wisse ja auch, wo ich arbeitete und könnte mich einfach mal abholen. Er konnte und wollte nicht einsehen, dass ich kein Interesse hatte und suchte nach anderen Erklärungsmöglichkeiten für meine Absage. Eine erschreckende Selbstsicherheit.

Als ich ihm sagte, ich sei verheiratet, ließ er plötzlich locker: Ah, das ist ja was anderes!

Ich wollte mich nicht noch weiter mit ihm beschäftigen, geschweige denn ihn an meiner Arbeitsstelle sehen, und teilte ihm mit, dass ich glücklich verheiratet bin und das Gespräch beenden möchte – beides entspricht der Wahrheit. Etwas verzögert kam dann die Antwort, mit der ich fest gerechnet habe: „Das ist natürlich was anderes. Dann wünsche ich Ihnen ebenfalls einen schönen Tag“. Und das Gespräch war beendet. So schnell kann es gehen. Meine vorherigen Versuche, das Gespräch zu beenden, machten ihn nur ehrgeiziger. Erst als ich ihm mitteilte, dass ich vergeben bin, endete das Gespräch abrupt. Das war auch nicht die erste Situation dieser Art.
Als ich mit 17 Jahren in einem Café arbeitete und ein fast zehn Jahre älterer Mann immer wieder zu flirten versuchte und unpassende Notizen einsteckte, bat ich einen Familienfreund mich abzuholen. Ich hoffte, dass der Mann aus dem Café uns sah. Ich wollte, dass er denkt, ich sei vergeben. Ich war nicht mehr wichtig, es ging nur noch um die Männer. Eigentlich war es jedes Mal so. Mein „Nein“ reichte nie. Der Mann an meiner Seite – ob fiktiv oder real – schon. Das wusste ich und nutzte es zu meinem Vorteil.

Dieses Verhalten müssen Frauen leider viel zu oft an den Tag legen

Was ich damals nicht wusste: Dieses Verhalten ist für die meisten Frauen sehr gängig – leider. Ich kenne solche, die einen Ring am Finger tragen oder manche, die Bilder mit normalen Freunden zeigen und fälschlicherweise angeben, sie seien vergeben. Natürlich müssen wir auch selbstkritisch sein und sollten uns vornehmen, nicht immer einen Mann ins Bild zu stellen, um unser Nein zu legitimieren. Doch es gibt ein strukturelles Problem und wir legen ein symptomatisches Verhalten an den Tag. Das Problem sind nicht wir, sondern diejenigen, die solche Lügen erst erforderlich machen. Herr P., der denkt, dass er mich „erobern“ müsse, obwohl ich ihm mehrfach explizit sage, dass ich kein Interesse habe, oder der Mann aus dem Café, der mir so eine Angst machte, dass ich mich abholen ließ. Während viele Männer, in ihrer Selbstsicherheit badend, meinen, das ablehnende Verhalten einer Frau wäre nur eine versteckte Aufforderung, lügen viele Frauen, weil sie beängstigt sind. Nicht lügen zu müssen und ohne das Mitwirken anderer ernstgenommen zu werden, ist ein Privileg. Eines von vielen, die Männer haben und Frauen noch immer nicht.
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