Wo ist Papa? – Wie ein Kinderbuch für Familien die Literaturwelt aufmischen will

Foto: Malene Lauritsen
Mirna Funk hat sich in der deutschen Literaturszene längst einen Namen gemacht: Die gebürtige Berlinerin hat jüdische Wurzeln und schreibt sowohl für Magazine und Zeitungen als auch in ihren Romanen und als Public Speakerin über Gesellschaft und Kultur. Nicht selten kommt in ihren Narrativen auch ihre Tochter Etta vor, von deren Vater sich Funk vor einiger Zeit trennte. Seitdem begeht sie ihren Alltag als Schriftstellerin und Vogue-Kolumnistin alleinerziehend – und hat im Laufe der Zeit gemerkt, dass dieses Familienkonzept, ebenso wie viele andere Familienmodelle, die nicht dem binär-heteronormativen Mutter-Vater-Kind-Gespann entsprechen, in Kinderbüchern wenig bis gar nicht aufgenommen und repräsentiert wird. Das will Mirna Funk jetzt ändern.
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Sie schloss sich mit der israelischen Illustratorin Maayan Sophia Weisstub zusammen und konzipierte ein Kinderbuch, dass eigentlich auch Erwachsenen nicht schaden kann: Mit Wo ist Papa? (auf engl. Where's Daddy?) wollen die beiden nun ein illustriertes Lesewerk auf den Markt bringen, das alleinerziehende Eltern, aber auch Familien in sämtlichen Konstellationen auf den Radar der sogenannten Mitte der Gesellschaft und in die Klassenräume und Kinderzimmer bringen soll. Doch damit das gelingt, ist Hilfe gefragt, und zwar jede noch so kleine. Das Buch wollen Funk und Weisstub nämlich selbst verlegen und in Produktion bringen, weshalb sie eine Kickstarter-Kampagne gestartet haben und nun auf ausreichend Crowdfunding hoffen.
Wie das Buch aussehen soll, an wen es sich außer Kinder eigentlich noch richtet und warum es so wichtig ist, dass jede Familie und jede Schulklasse ein solches Werk zur Verfügung hat, beantwortet uns Mirna Funk in einem kurzen Interview.
Refinery29: An wen wendet Ihr Euch mit Wo ist Papa?
Mirna Funk: An jede Form von Familie, die es gibt, denn jede Form von Familie ist in diesem Buch vertreten. Alleinerziehende Väter & Mütter, homosexuelle Paare die co-parenting machen oder adoptiert haben oder eben durch eine Samenspende Kinder bekamen, Großeltern, unterschiedlichste Verwandschaftsverhältnisse, heternormative Familien, ach einfach alles, was man sich vorstellen kann.
Illustration: Maayan Weisstub
Die Löwin Lena liest ihrer Tochter Ella vor
Illustration: Maayan Weisstub
Lena und Ella treffen auf ein polyamouröses Vogeltrio
Illustration: Maayan Weisstub
Lena und Ella beim Picknick
Warum Tiere & warum gerade diese?
Weil Kinder Tiere lieben. Und ich und die Illustratorin auch. Unsere Tiere rappen, schneiden Gurken oder trinken Champagner. Ich mag, dass man bei einem Tier-Kinderbuch ein bisschen crazy sein kann. Das wäre mit Menschen nicht gegangen. Das hätte dann alles irgendwie seriös sein müssen. Tiere geben einem mehr Raum für Fantasie. Dass es diese Tiere geworden sind, hatte mit der Reise der Hauptfiguren Lena und Ella zu tun. Sie reisen von Tansania nach Indien und ich habe nach Tieren gesucht, die jeweils in den Ländern leben, die sie durchqueren.
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Gibt es etwas, das wir Menschen uns bei den Tieren abgucken können?
Das Leben mit Kindern ist so viel natürlicher bei Tieren. Ich vermisse das oft bei Menschen. Da ist alles so streng und kompliziert und verkopft. Man muss nur an die ganzen Mütterbücher denken, die in den letzten Monaten erschienen sind. Wie man das so machen soll mit dem Kind und dem Beruf und dem Kind und dem Leben, fragen die Autorinnen darin. Ein Kind ist das Tollste und Nervigste, was es gibt. Sie helfen enorm dabei, die eigene Ichzentrierung loszuwerden. Man muss es nur zulassen. Tiere haben erst gar keine Ichzentrierung, deswegen fragen sie sich auch nicht, ob sie lieber ins Berghain gehen oder sich ums Kind kümmern wollen.
Foto: Noam Rosenthal
Mirna Funk mit ihrer Tochter Etta
Warum ist es Deiner Meinung nach so wichtig, dass ein solches Buch existiert?
Weil die Realität uns längst lehrt, dass es mehr gibt als das heteronormative Familienmodell. Im Moment hinkt die Kinderliteratur hinterher. Das echte Leben ist sozusagen viel bunter. Und trotzdem können sich Kinder, die in einem diversen Familienmodell aufwachsen, in der Literatur, die sie lesen, nicht wiederfinden. Das führt automatisch dazu, dass sie sich anders oder vielleicht sogar falsch vorkommen. Es gibt Bücher, die von der Patchwork-Familie erzählen oder von Mamas, die sich lieben. Aber auch da liegt dann der Fokus auf nur einer Konstellation. Es gibt aber so viele verschiedene Konstellationen und diese in einem Buch zu vereinen, das hat bis jetzt noch niemand getan.
Das Buch soll auf Deutsch, Englisch, Französisch & Hebräisch veröffentlicht werden. Wie kam es zu der Entscheidung?
Ich schreibe auf Deutsch. Die Illustratorin Maayan ist Israelin. Also wollten wir es auch auf Hebräisch. Englisch ist Standard – und Französisch der erste Schritt zur Weltherrschaft. Nein, also, das ist der Start. Ich hoffe, wir nehmen Stück für Stück genug Geld ein, um das Buch in immer mehr Sprachen zu übersetzen.
Nehmen wir an, das Buch geht in Produktion (Fingers crossed) – was wäre Dein größter Wunsch für das Buch?
Dass dieses Buch irgendwann in jedem Zuhause, jeder Kita und jeder Grundschule zu finden ist. Dass es einen Beitrag leistet, dass Kinder offener und toleranter aufwachsen und dadurch selbst offener und toleranter werden.
Die Crowdfunding-Kampagne für „Wo ist Papa?“ läuft noch bis zum 17. Oktober 2018 über Kickstarter und jede noch so kleine Spende hilft dabei, die Veröffentlichung dieses großartigen Buches ein kleines bisschen greifbarer zu machen.
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