Warum Millennials besessen von ihren Nichten & Neffen sind

Foto: Refinery29.
Sie ist das Kostbarste in meinem Leben. Ich habe noch nie jemanden so bedingungslos geliebt wie sie. Wenn sie mich anlächelt, ist die Welt auf einmal in Ordnung. Mit diesen Worten beschreiben meine Freund*innen nicht etwa die Liebe ihres Lebens, sondern ihre Nichten und Neffen.
Seit ein paar Jahren füllt sich mein Instagram-Feed mit mehr und mehr Kinderfotos. Das allein wäre erst mal nichts Besonderes. Allerdings stammen die Bilder nicht etwa von den stolzen Eltern, sondern von meinen definitiv kinderlosen Freund*innen, die die Sprösslinge ihrer Schwester oder ihres Bruders in die Kamera halten. Und damit sind sie nicht allein. Auch außerhalb meines Freundeskreises ist Tante sein das Ding und selbst die Kardashians zelebrieren es. Aber warum?
Werbung
Versteh mich nicht falsch: Obwohl ich selbst keine Tante bin, kann ich mir vorstellen, dass Leute eine tiefe Verbindung zu Kindern aufbauen, auch wenn sie sie nicht selbst auf die Welt gebracht haben. Und ganz objektiv gesehen finde ich Babys ja auch süß. Trotzdem verstehe ich nicht, warum meine Freund*innen geradezu besessen von ihren Nichten und Neffen sind. Also was steckt hinter dem Millennial-Phänomen?
Zum einen spielen für die meisten jungen Erwachsenen Self-Care und Individualität eine große Rolle. Sie nehmen sich viel Zeit für ihre Träume, ihre Ziele und ihre Selbstverwirklichung. Deswegen ist es auch keine Überraschung, dass Frauen im Schnitt erst mit 31,5 Jahren heiraten (Stand 2017) und bei der Geburt des ersten Kindes durchschnittlich 29,8 Jahre alt sind. Das bedeutet: Heutzutage sind wir sehr lange erwachsen, aber kinderlos. Wir haben also viel Zeit für unsere Nichten und Neffen.
Abgesehen davon eignen sich unsere kleinen Verwandten perfekt dazu, schon mal für die eigenen zukünftigen Kinder zu üben. Mein Freund Ross ist 25 Jahre alt, lebt in New York City und hat vier Nichten und Neffen (Nummer fünf ist auf dem Weg) in Massachusetts. Seiner Meinung nach sind viele Millennials, die in der Stadt wohnen, einerseits bereit für Kinder, aber irgendwie auch nicht. Bei ihren Nichten und Neffen können sie sozusagen schon mal ins Elternsein reinschnuppern. Gleichzeitig müssen sie noch nicht die volle Verantwortung übernehmen – ein Testlauf mit doppeltem Boden sozusagen.

Heutzutage sind wir sehr lange erwachsen, aber kinderlos. Wir haben also viel Zeit für unsere Nichten und Neffen.

Dr. Bella DePaulo, die Autorin von Singled Out, ergänzt, dass Alleinstehende oft sogar noch mehr in ihrem Tanten- oder Onkeldasein aufgehen: Während sich Millennials in Beziehungen oft in die Zweisamkeit zurückziehen, legen Singles größeren Wert darauf, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Außerdem „entwickeln sie meist eine ganz besondere Verbindung zu ihren Nichten und Neffen. So können sie eine tiefe Beziehung führen, ohne sich einer Partnerin oder einem Partner gegenüber verpflichten zu müssen“, so Dr. DePaulo.
Werbung
Abby ist 25 und eine gute Freundin von mir. Sie ist das jüngste Geschwisterkind der Familie und liebt es, auf ihre Nichten aufzupassen. Eigentlich ist sie nicht so der Babysitting-Typ – tatsächlich war ihre Nichte sogar das allererste Baby, das sie jemals auf dem Arm hatte. Doch weil sie und ihre Schwester eine so enge Beziehung haben, fühlte sie sich von der ersten Minute an verbunden mit dem kleinen Würmchen. „Ich würde meine Nichten natürlich trotzdem mögen, auch wenn ich mich nicht so gut mit meiner Schwester verstünde. Aber ich denke, wir hätten dann eine andere Art von Beziehung“, so Abby.
Ein weiterer Grund für die besondere Beziehung könnte laut Beziehungsexpert*innen sein, dass Tanten und Onkel weniger voreingenommen sind beziehungsweise ihre Nichten und Neffen nicht so schnell verurteilen, wie es vielleicht die Eltern machen würden. „Ungehorsame oder schwierige Kinder können ihren Eltern viele Sorgen bereiten“, erklärt Dr. DePaulo. „Doch Tanten und Onkel gehen oft gelassener an Situationen heran“ – vielleicht auch deshalb, weil sie die Kleinen im Notfall einfach wieder bei den Eltern abgeben können, wenn sie nicht mehr süß und easy going sind. Sie können also die schönen Momente miteinander verbringen und bekommen vom Alltagsstress und den nervenaufreibenden Diskussionen nichts (oder nur wenig) mit.
Dazu kommt der finanzielle Aspekt: Während Eltern viel Geld für Kindergarten, Lebensmittel und Klamotten ausgeben müssen, können Tante und Onkel den Kleinen auch mal eine etwas größere Freude bereiten. Gemeinsame Shoppingtouren und Kinobesuche können sich die Millennials auch deswegen leisten, weil sie oft noch bei ihren Eltern leben und dadurch Geld sparen (was unter anderem an zu hohen Mieten und zu wenigen Wohnheimplätzen liegt). Gleichzeitig sorgt die Hotel-Mama-Situation auch für eine gute Beziehung innerhalb der Familie, so Dr. DePaulo. „Studien, die es zu dem Thema gibt, beziehen sich zwar meist auf die Eltern-Kind-Beziehung, aber ich gehe davon aus, dass sich das Phänomen auch auf das Verhältnis zwischen Tanten/Onkeln und Nichten/Neffen übertragen lässt.“
Auch die sozialen Medien und die moderne Technik allgemein tragen einen Teil dazu bei, dass Familien heute besser den Kontakt halten können. Weil Ross zum Beispiel nicht so oft nach Hause fahren kann, hat seine Familie einen gemeinsamen iCloud-Fotostream eingerichtet, damit sie Bilder der Kinder mit ihm teilen können. Und die lassen sich dann natürlich auch gut mit der Insta-Community teilen, gibt Ross zu. Damit ist er einer von vielen, die ihrer Liebe zu den Neffen oder Nichten öffentlich Ausdruck verleihen. Der 28-jährige Andrew hat zum Beispiel einen einjährigen Neffen und postet relativ häufig Fotos von ihm. Seiner Meinung nach ist das deutlich cooler, als wenn Eltern ständig Bilder ihrer Kinder auf Facebook hochladen. „Ich schreib dann einfach sowas wie ‚Jupp, ich bin mit jemandem verwandt, der ein Baby hat. Eifersüchtig?‘“. Früher hätte er auch nicht gedacht, dass er mal so besessen von einem Kind sein könnte, aber jetzt dreht sich sein halbes (Insta-)Leben um den kleinen Menschen.
Werbung

More from Sex & Relationships

R29 Originals