Nebenjob ist nicht mehr – ich konzentriere mich jetzt lieber auf meinen Hauptberuf

Foto: Charles Deluvio.
Der Begriff „Side Hustle“ (zu Deutsch: Nebenbeschäftigung), der alles von Nebenjobs bis hin zu Freizeitbeschäftigungen, die sich zu Geld machen lassen, beschreibt, war schon lange vor der COVID-Krise in aller Munde. Die Pandemie hat ihm aber mehr Bedeutung denn je verliehen. Dank einer Reihe von Faktoren wie Arbeitsplatzunsicherheit und steigende Lebenshaltungskosten sowie mehr freie Zeit, die in Hobbys oder die Gründung eines kleinen Unternehmens investiert werden kann, florieren Nebenjobs seitdem.
Es ist sehr einfach, den Reiz eines Nebenjobs zu erkennen: Im Gegensatz zum eher düster klingenden und traditionellen Zweit- oder Drittjob suggeriert die Bezeichnung Side Hustle, dass du ein:e Draufgänger:in bist, das Meiste aus deiner Zeit rausholst. Du siehst deine Fähigkeiten oder deine Zeit nicht als etwas Selbstverständliches an; du schuftest, um in dieser kapitalistischen Welt voranzukommen. Von einem Side Hustle spricht man vor allem in Bezug auf kreative Tätigkeiten und beschreibt so die Möglichkeit, das zu tun, was man liebt, und dafür auch noch bezahlt zu werden. Das ist, was viele Millennials und die Generation Z von ihrer Arbeit erwarten, aber oft nicht finden. Wenn die Arbeitswelt deine schöpferischen Bedürfnisse und Träume nicht erfüllen kann, kann ein Nebenjob – so die Implikation – dazu dienen, dein:e eigene:r Chef:in zu werden und dein Einkommen zu erhöhen.
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Das Problem ist natürlich, dass der Lebensstil, der mit einem Side Hustle in Verbindung gebracht wird, nicht immer mit der Realität übereinstimmt. Trotz aller Versuche, die „Side-Hustle-Schlafzimmer“-Ästhetik zu romantisieren, sieht die Wirklichkeit etwas anders aus: Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmt, weil sich der Job sich in den eigenen vier Wänden breitmacht. Einen Nebenjob zu haben, den von zu Hause aus ausüben kannst, beansprucht Platz, Zeit und Geld, ohne unbedingt rentabel zu sein.
Unabhängig davon, ob du eine Nebentätigkeit hast, um deinen Lebensunterhalt zu bestreiten, oder ob du dich in einer (relativ) sicheren, aber unglücklichen Position befindest und versuchst, einen neuen Weg einzuschlagen, ist es wichtig, die Kosten und den Nutzen abzuwägen. Für manche zahlt sich ein Side Hustle unterm Strich nämlich nicht aus.
Becca, 25, begann als Kletterlehrerin zu arbeiten, um Spaß zu haben und etwas Geld für ihr eine Anschaffung zu sparen. Die zeitliche Belastung wurde aber schnell zu groß.
„Diese zusätzliche Arbeit leistete ich immer am Wochenende“, erzählt sie R29, „ich musste also so ziemlich jeden Tag in der Woche arbeiten und hatte keine Freizeit mehr. Ich übernahm auch mehr Schichten in meinem Hauptberuf, wann immer ich Urlaub von meinem Side Hustle hatte. Ich gab meinen Nebenjob am Ende auf, weil ich einen neue, anspruchsvollere Rolle übernahm, die es erforderlich machte, jeden fünften Samstag und abends zu arbeiten. Mit einem Nebenjob wäre das sonst einfach zu viel geworden.“
Für manche Leute kann sich der Zeitaufwand lohnen, wenn ihr Side Hustle ihnen das gibt, was ihrem Hauptberuf fehlt – zumindest eine Zeit lang.
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Die 29-jährige Jenna fühlte sich in ihrem Vollzeitjob nicht wirklich erfüllt und wollte ihr Einkommen aufbessern, zumal es an ihrem Arbeitsplatz keine Aufstiegschancen oder die Möglichkeit auf einen Bonus gab. Sie hatte etwa acht Jahre lang im Bildungsbereich gearbeitet und „liebt es, Menschen dabei zu helfen, sich weiterzuentwickeln“. Deshalb begann sie mit Online-Englischunterricht für Kinder. „Ich hatte einige Nachforschungen angestellt und einige Unternehmen gefunden, die sich vor allem auf den chinesischen Markt konzentrierten“, sagt sie. Die Arbeitszeiten waren daher in der Regel früh morgens, was Jenna, die Frühaufsteherin ist, sehr gefiel. Da sie von zu Hause aus arbeiten konnte, konnte sie ohne Probleme ihren Nebenjob erledigen, bevor sie sich ihrem Hauptberuf widmen musste.
Jenna liebte es, jede Woche dieselben Schüler:innen zu sehen und ihre Entwicklung zu beobachten, aber ihre Freizeit füllte sich schnell mit Unterricht und Vorbereitungszeit, was sich auf ihr Privatleben auswirkte. „Ich hatte nicht mehr viel Zeit für mich selbst und so trat mein Sozialleben in den Hintergrund. Samstags um fünf Uhr morgens aufzustehen, war hart!“
Als sie eine neue Stelle fand, die sich auf das im Bildungsbereich konzentrierte, was sie liebte, überwogen die negativen Aspekte gegenüber den positiven. „Die Leidenschaft für das, was ich tue, die ich in meiner jetzigen Tätigkeit wiederfand, war mir wichtiger als der Wunsch und das Bedürfnis nach einem zusätzlichen Einkommen durch meinen Side Hustle. Ich wollte Freizeit haben, die tatsächlich frei ist, damit ich mich voll und ganz auf meinen neuen Hauptberuf konzentrieren konnte.“
Das Gleichgewicht zwischen kreativer oder erfüllender Entfaltung und den Belastungen, die das Berufs- und Privatleben mit sich bringen, muss ständig neu ausgehandelt werden.
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Die 28-jährige Claire, der:die die Pronomen „sie" oder „er:sie" verwendet, begann, stundenweise zu arbeiten, um anderen Menschen bei der Gartenarbeit zu helfen, weil er:sie Gärtnern als unglaublich bereichernd empfand. „Ich wollte zu meinen eigenen Bedingungen arbeiten, weil ich vorhatte, meinen Job zu kündigen, um zu reisen, und die Zusicherung brauchte, dass ich Geld verdienen könnte, sobald ich zurückkäme. Ich hatte neben meinem Vollzeitjob ein Jahr lang an einem Gartenbauinstitut studiert, sodass ich mir viel Wissen angeeignet hatte. Wann immer ihre Hauptbeschäftigung sie frustrierte, weil sie die ganze Zeit drinnen sitzen musste, „war eine Menge manuelle oder kreative Arbeit beim Entwerfen von Pflanzplänen ein gutes produktives Ventil“.

Was du als „lohnenswert“ erachtest, hängt natürlich von dir ab. Wenn es sich vermeiden lässt, dein körperliches und geistiges Wohlbefinden für ein zusätzliches Einkommen zu opfern, ist das eine Überlegung wert.

„Während der Pandemie wurde ihre Rolle als qualifizierte psychosoziale Fachkraft jedoch immer anspruchsvoller. Claire erzählt: „Mir wurde klar, dass der Aufwand, der mit so unterschiedlichen Jobs verbunden ist, weder das Geld noch den Spaß an der Gartenarbeit wettmachen kann. Außerdem bin ich perfektionistisch, wenn es ums Gärtnern geht, und mir wurde klar, dass ich meine Erwartungen an mich selbst nicht erfüllen konnte, solange ich einen Nebenjob hatte. Also musste ich mich für eine der beiden Berufstätigkeiten entscheiden: Ich entschied mich für mein Hauptberuf und ich bereue diesen Beschluss nicht.“
Die dreißigjährige Grace wollte immer schon einen eigenen Podcast starten, aber das Leben kam ihr immer wieder in die Quere, bis die Lockdowns verkündet wurden. Da sie zu dieser Zeit freiberuflich tätig war, hatte sie mehr Flexibilität beim Aufnehmen und Bearbeiten – eine wichtige Voraussetzung, da Gesprächspartner:innen vielbeschäftigt waren. „Obwohl ich flexibel sein konnte, fand ich es ziemlich schwierig, mit den Dingen Schritt zu halten“, sagt sie. „Ich verbrachte etwa zwanzig Stunden pro Woche fürs Schreiben, Aufnehmen, Bearbeiten und Planen auf. Ich hatte keine Zeit, mich darum zu kümmern, Geld daraus zu schlagen, oder den Podcast zu promoten.“ Sie wurde zwar lobend in der Presse erwähnt und wurde sogar auf der Podcasts-Homepage von Apple vorgestellt, konnte diese Nebentätigkeit langfristig aber nicht neben ihrem Hauptberuf ausüben. „Etwa zur gleichen Zeit, als mir beides zu viel wurde, nahm ich eine Vollzeitstelle an, die so anspruchsvoll ist, dass ich den Podcast aufgeben musste“, sagt Grace. „Vielleicht ist es nicht völlig unmöglich, beides zu tun, aber ich hätte dann gar keine Freizeit mehr und diese war mir am Ende einfach wichtiger als der Podcast.“
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Das übergreifende Thema hier ist, dass es sich lohnen sollte, all diese zusätzliche Arbeit zu leisten – insbesondere wenn die Einkommensquelle unsicher ist. Was du als „lohnenswert“ erachtest, hängt natürlich von dir ab. Wenn es sich vermeiden lässt, dein körperliches und geistiges Wohlbefinden für ein zusätzliches Einkommen zu opfern, ist das eine Überlegung wert. Das Streben nach einem Nebenjob um jeden Preis normalisiert Überarbeitung und spiegelt die Tatsache wider, dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse und mehrere Jobs zu haben, um zu überleben, immer mehr zur Realität werden. Darüber hinaus kann es dazu führen, dass du am Ende enttäuscht von dir selbst bist oder denkst, du strengst dich nicht genug an.
„Als ich jünger war, fühlte ich den Druck, in vielen Dingen gleichzeitig gut sein zu müssen und meine eigenen Erwartungen an mich zu übertreffen“, sagt Claire. „Jetzt weiß ich, dass es in Ordnung ist, ‚nur‘ einen Job auf einmal zu haben. Es gab aber eine Zeit, in der ich deswegen unzufrieden mit mir selbst gewesen wäre und gedacht hätte, mir würde etwas entgehen.“ Sie fügt hinzu: „Einen Hauptberuf und einen Nebenjob zu haben, erweist sich mit der Zeit als nicht zukunftsfähig. Seitdem ich mich nur mehr auf meinen Hauptberuf konzentriere, geht ich mir besser.“
Auf zusätzliche Arbeit zu verzichten – wenn du es dir leisten kannst –, ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Ehrgeiz, sondern zeigt, dass du dir selbst und deinen Bedürfnissen (wieder) Priorität einräumst.
Wie Grace es ausdrückt: „Ich bin zu einem gewissen Teil ein bisschen enttäuscht von mir selbst. Das hat damit zu tun, dass es als bewundernswert gilt, wirklich hart an kreativen Nebenprojekten zu arbeiten. Ich finde aber, dass wir die Entscheidung von Menschen bewundern sollten, die ihr Glück und ihre Gesundheit einem coolen Nebenprojekt, vorziehen.“

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