Warum „Clean Eating“ mehr als nur ein Foodhype ist & was wirklich dahinter steckt

Illustration: Elliot Salazar.
Wenn man ein Gespräch über Ernährung und Gesundheit führt ist es sehr wahrscheinlich, dass an irgendeinem Punkt jemand mit „Clean Eating“ um die Ecke kommt. Der Grundgedanke ist, dass man nur vollwertige, nur minimal industriell verarbeitete Nahrungsmittel zu sich nehmen, und auf raffinierte Lebensmittel ganz verzichten sollte. Ist da tatsächlich was dran oder ist Clean Eating nur ein weiterer, sinnloser Foodhype? Die Antwort ist: Ein bisschen von A und ein bisschen von B.
Was Clean Eating nicht kann
Vorweg der Bullshit: Es gibt tatsächlich keine offizielle Definition, was Clean Eating ist.
Es werden grundsätzlich ähnliche Punkte angesprochen, wenn man aber tiefer gräbt, stellt man fest, dass jedes Clean-Eating-Programm seine eigenen Regeln und Agenda propagiert. Einige konzentrieren sich auf die Auswahl von Bio-und lokal angebaute Lebensmittel. Andere empfehlen, vegan zu leben. Einige sagen, man soll nur wenig Kohlenhydrate essen und diese in Kombination mit Proteinen konsumieren. Wieder andere Clean-Eating-Verfechter sagen, dass einige Grundnahrungsmittel wie Weizen und Milchprodukte „Gift“ für viele Menschen sind. Einige stellen sogar Regeln auf, wie oft man essen sollte.
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Wenn du also daran interessiert bist „clean“ zu essen, kannst du dich in den Wahnsinn treiben, während du versuchst dich an alle Regeln der verschiedenen Programme zu halten – und du wirst wahrscheinlich mit einer extrem dezimierten Auswahl an den, was du essen darfst, enden (mehr dazu gleich).
Wie auch immer du Clean Eating also definierst, hat das Label offensichtlich aber moralische Untertöne. Nahrungsmittel, die nicht in die Kategorie „clean“ passen, sind demnach unsauber. Das kreiert die Situation, dass Nahrungsmittel eben als gut oder schlecht klassifiziert werden – und Menschen so schnell das Gefühl von Schuld oder sogar Angst vermitteln, wenn sie etwas essen, was sie nicht „sollten“. „Da ist diese Vorstellung, dass wir nur einen Bissen von der Katastrophe entfernt sind,“ sagt Evelyn Tribole, eingetragenen Diätspezialistin und Autorin, die sich auf Essstörungen, intuitives Essen, und Zöliakie spezialisiert.
Illustration: Elliott Salazar.
Tribole sieht den „den Krieg gegen das Übergewicht“ als einen der Hauptfaktoren an, der den Anstieg in Clean Eating herbeigeführt hat: Öffentliche Gesundheitskampagnen und Medienreporte , die sich für Diäten und Gewichtsverlust aussprechen, rufen oft Scham in genau den Menschen hervor, denen sie eigentlich helfen sollten. „Es macht also Sinn, dass die Menschen „Sauberkeit“ wollen, die die Scham wegwäscht,“ sagt sie. Die die sich „cleane“ Nahrungsmittel aber nicht leisten können oder keinen Zugang zu ihnen haben bekommen aber wiederholt gesagt, dass sie nicht gut genug sind.
Natürlich sind sich der Großteil der Lebensmittelexperten einig, dass das Einteilen von Nahrungsmitteln in „gut“ und „schlecht“ unnötig und ungesund ist. Und das bringt uns zur größten Downside des Clean Eating und unserer kulturellen Besessenheit mit Nahrung: All die Scham und das Stigma können Orthorexia Nervosa, eine Essstörung, die sich durch eine Obsession mit „gesundem“ Essen definiert, hervorrufen. Menschen, die unter dieser Störung leiden, kontrollieren zwanghaft jeden Bestandteil ihrer Nahrung und haben das Gefühl, mehr und mehr Nahrungsmittel aus Diät streichen zu müssen; das führt zu einer verminderten Lebensqualität und zum Teil sogar zu körperlichen Symptomen von Mangelerscheinung, wie dem Ausbleiben der Periode, Haarverlust, und Herzveränderungen.
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Viele Gesundheitsexperten sagen, dass sie einen Anstieg in Patienten mit Orthorexia verzeichnen. Die Krankheit ist zurzeit noch nicht im DSM (dem Handbuch, das Experten für geistige Gesundheit nutzen, um psychische Erkranken zu diagnostizieren), aber es gibt Bemühungen, Orthorexia zu einer offiziellen Diagnose zu machen. Patienten mit Orthorexia zu behandeln bedeutet, ihnen beizubringen Extreme zu vermeiden und flexibler mit ihrem Umgang mit gesunder Ernährung umzugehen. Wie Tribole erklärt: „Es ist nicht falsch danach zu streben, sich von frischen und lokal produzierten Lebensmitteln zu ernähren, wenn es aber bedeutet, dass es Ängste in dir auslöst und du dein ganzes Leben um dieses Ziel herum organisierst, dann wird es ein Problem.“
Illustration: Elliot Salazar.
Was Clean Eating kann
Natürlich gibt es gute Aspekte am Clean-Eating-Movement. Einige der Ansätze, die „Clean Eaters“ propagieren machen als Richtlinien tatsächlich Sinn – nur eben nicht als Anordnungen. Hier kommen fünf Tipps aus der Welt des Clean Eating, die du in deinen Alltag einbinden kannst:
1. Mache vollwertige Nahrungsmittel zur Basis deiner Ernährung. Es gibt einen Grund dafür, warum Ernährungswissenschaftler empfehlen deinen Teller zur Hälfte mit Obst und Gemüse zu füllen, den Großteil deines Getreides als Vollkorn zu konsumieren, und mageres Protein zu essen: In einer Vielzahl von groß angelegten Langzeitstudien konnten diese Diätmuster mit einem gesengten Risiko an chronischen Krankheiten und geringeren Sterblichkeitsraten in Verbindung gebracht werden.
2. Iss, wenn du Hunger hast. Was wahrscheinlich fünf bis sechs Mal am Tag sein wird. Das ist eine der obskureren Grundsätze des Clean Eating, aber es ist wahr, dass drei Mahlzeiten und zwei bis drei Snacks am Tag mit dem natürlichen Rhythmus deines Körpers von Hunger und Sättigung übereinstimmen. Hast du Sorge, dass der extra Snack zu Gewichtszunahme führt? Studien zeigen tatsächlich, dass häufigere Nahrungsaufnahme und geringeres Körpergewicht in Zusammenhang stehen. Hör also auf dein natürliches Hungergefühl.
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Illustration: Elliott Salazar.
3. Iss Protein und/oder Fett zusammen mit deinen Kohlenhydraten. Auch dieses Prinzip scheint eher komisch im Zusammenhang mit Clean Eating, ist aber durch wissenschaftlich nachgewiesen: Dein Blutzuckerspiegel steigt weniger, wenn deine Mahlzeit oder dein Snack eine Kombination aus Kohlenhydraten, Protein, und Fett beinhaltet, als wenn nur Kohlenhydrate zugeführt werden. Nahrungsmittel mit vielen Ballaststoffen haben ebenfalls eine geringere Auswirkung auf den Blutzucker. Zuckerschübe zu vermeiden hilft dabei, dein Energielevel durch den Tag konstant zu halten und kann auch das Risiko, an Typ 2 Diabetes zu erkranken, senken.
4. Denk darüber nach, welche Auswirkungen deine Nahrung auf die Umwelt hat und wähle nachhaltig produzierte Optionen, wenn du kannst. Kleine Veränderungen haben wirklich große Auswirkungen und mit deinen Euros ein Zeichen zu setzen hilft, ein besseres Nahrungsmittelsystem aufzubauen.
5. Koche selbst, wenn du kannst. Nutritionists werben schon lange dafür, dass selbst kochen die Gesundheit fördert. Denn Restaurants und so weiter geht es oft hauptsächlich um den Geschmack und das Endergebnis, und weniger um den Nährwert; es wird oft viel Fett und Salz verwendet, um den Geschmack unwiderstehlich zu machen. Hinzu kommen große Portionen, um Kunden anzulocken. Aktuelle Studien belegen erneut, dass zuhause kochen gut für uns ist: eine Studie von 2014, die 10.000 Erwachsene untersuchte, zeigt, dass die, die öfter zuhause kochten allgemein bessere Ernährung aufwiesen, als die, die weniger kochten (unabhängig davon, ob Gewichtsverlust das Ziel war).
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