„Ich bin deutsch, auch wenn ich nicht so aussehe"

Foto: Jules Villbrandt
Su-Cheong Song ist Deutsche. Genau wie ich hat die geborene Düsseldorferin Wurzeln in Südkorea. Sus Mutter zog in den siebziger Jahren als Krankenschwester nach Deutschland und brachte sie vor dreißig Jahren zur Welt. Ich bin im Alter von drei Jahren durch Adoption nach Frankfurt am Main gekommen. Die Herkunft, das Gründen eines Unternehmens, das kreative Umfeld – uns verbindet so viel, von daher freue ich mich sehr, mich mit ihr in Berlin Prenzlauer Berg auf einen Kaffee zu treffen und darüber zu reden, wie es sich anfühlt, wenn ein deutsches und ein koreanisches Herz in der Brust schlägt.
Fühlst du dich deutsch?
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Ich bin hier geboren und habe die deutsche Staatsbürgerschaft. Daher bin ich auf jeden Fall Deutsche, aber mit südkoreanischem Hintergrund, da meine Eltern beide von da stammen. Es gab in den 70er Jahren einen Mangel an Krankenschwestern und meine Mutter hatte die Wahl zwischen den USA, Kanada und Deutschland – und hat sich für Deutschland entschieden.
Wieviel Korea steckt in dir?
Durch meine Eltern habe ich sehr viele koreanischen Gepflogenheiten mitbekommen. Sie haben zum Beispiel sehr viel Wert darauf gelegt, dass wir den richtigen Umgang mit Älteren kennen. Dass wir sie immer richtig begrüßen und verabschieden. Im Koreanischen gibt es verschiedene Begrüßungsarten für Jahrgänge. Ich habe auch immer darauf geachtet, dass die Hierarchie zwischen meiner älteren Schwester und mir klar ist. Und es wurde zu Hause nur koreanisch gesprochen. Das war meinen Eltern sehr wichtig.
Lebst du aktiv die koreanische Kultur?
Ja, ich denke schon. Ich liebe koreanisches Essen und es stecken definitiv sehr viele koreanische Eigenschaften in mir. Zum Beispiel herrscht in Korea die Mentalität „einfach machen”. Und so lebe ich das auch. Erstmal machen und dann schauen was passiert. Das ist nicht immer nur positiv, aber es hilft auf jeden Fall vorwärts zu kommen. In Deutschland wird vieles totdiskutiert und erörtert, so dass die Gesellschaft nicht risikobereit ist. In Südkorea ist es genau anders herum.
Vermisst du Korea?
Auf jeden Fall. Ich versuche normalerweise alle zwei Jahre meine Verwandtschaft in Seoul zu besuchen. Ich möchte in diesem Jahr wieder hin.
Wirst du auch oft in Berlin für eine Touristin gehalten?
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Ja, aber ich finde es schön, dass ich im Straßenbild nicht so sehr auffalle. Obwohl ich in Düsseldorf auch nicht unbedingt aufgefallen bin, weil es dort eine sehr grosse asiatische, insbesondere japanische, Community gibt. Allerdings mischt die sich dort nicht so sehr unter den Rest der Bevölkerung, sondern lebt sehr separiert. Das ist in Berlin schon anders.
Sus Mutter war Krankenschwester in Korea und kam dann in den 70ern nach Deutschland
Fühlst du dich manchmal fremd in Deutschland?
Ja, es gibt hin und wieder Situationen, in denen jemand eine Bemerkung macht, die mir zeigt, dass der Gegenüber davon ausgeht, dass ich nicht deutsch bin oder deutsch spreche. Viele davon sind ziemlich lustig, wenn ich sie erzähle, obwohl es gleichzeitig auch traurig ist, dass es wohl in Deutschland noch nicht völlig normal ist, dass jemand mit asiatischem Aussehen eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Ich habe aber auch manche sehr schlimme Situationen erlebt, in denen ich zum Beispiel in der U-Bahn von einem offensichtlichen Neo-Nazi angeschrien wurde und auf nicht so freundliche Art aufgefordert wurde in „mein Land“ zurückzugehen und mich dort zu verkaufen. Außerdem streckte er mir seine Faust ins Gesicht, auf der das Wort Hass tätowiert war und meinte dazu nur „kannst du das lesen, du Schlampe, ich hasse euch alle!" Das war wirklich unschön und ich habe die Bahn sofort schockiert verlassen und musste erstmal anfangen zu weinen. Allerdings mehr vor Wut, als vor Angst, weil ich es nicht geschafft hatte, ihm etwas zu erwidern.
Was für Tipps kannst du Menschen in solchen Situation geben?
Am besten die Nerven bewahren und andere Menschen direkt nach Hilfe fragen. Meistens sind solche Leute völlig schwach und man muss sie eigentlich damit konfrontieren, dass andere ihre Meinung nicht teilen.
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Du meintest, dass es koreanisch ist, einfach zu machen. Wann bist du in deiner Karriere einfach ins Wasser gesprungen?
Ich habe eine Unternehmen gegründet! Bei SONG + PEPPER verknüpfe ich Persönlichkeiten aus der Unterhaltungsbranche mit Werbetreibenden und berate Unternehmen, meist aus dem Food Bereich, in Marketing und Social Media Fragen. Außerdem veranstalte ich auch Events, wie zum Beispiel den Startup Food Market im April.
Was war deine bisher größte berufliche Herausforderung?
Ich denke schon, dass eine meiner größten Herausforderungen die Gründung war. Ich hatte kein finanzielles Sicherheitsnetz, aber ich hatte auch nicht viel zu verlieren. Ich habe mir gedacht, zurück in eine Anstellung kannst du immer wieder gehen und das denke ich auch heute noch. Daher habe ich auch vor der Zukunft nicht wirklich viel Angst.
Wenn wir schon über die Zukunft sprechen: Was wünscht du dir für unser Land?
Dass es weiterhin eine so offene Willkommenskultur gibt und noch viel bunter wird.
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