Chub Rub Shorts: So entstand meine Hassliebe zur Anti-Scheuer-Radlerhose

Illustrated by Assa Ariyoshi
Vor kurzem hat sich die Leiterin meiner alten Grundschule die Zeit genommen, alte Fotos von Schulveranstaltungen einzuscannen. Sich durchzuschauen und nach mir und meinen Freund*innen zu suchen, war ein bisschen so wie Wimmelbilder anzugucken. Dabei vielen mir auch Dinge auf, die damals gar kein Thema waren, von denen ich aber in der Pubertät wie besessen war. Ein Bild schaute ich mir besonders lange an: das von unserer Abschiedsdisco. Ich war 11 Jahre alt, stolz und stand auf dem Foto ganz vorn. Ich hätte mich damals nie als erwachsen beschrieben, aber mein Körper war schon viel weiter als mein Geist. Ich hatte schon Brüste und trug lilafarbene Platform-Mules und einen superkurzen Jeansrock. An den Rock erinnere ich mich noch ganz genau – er hatte eine dunkle Waschung und war für die 00er Jahre extrem trendy. Mode war offensichtlich schon immer eine Leidenschaft von mir. Doch mein jüngeres Ich in freizügigen Outfits zu sehen, machte mich traurig, denn heute kann ich so nicht mehr rumlaufen. Mein Körper hat immer gegen mich gekämpft und heute muss ich Chub Rub Shorts unter allem tragen, das mehr als nur ein paar Zentimeter meiner Beine zeigt.
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Diese stoffgewordenen Lebensretter bewahren mich zwar vor dem brennenden Gefühl, das entsteht, wenn die Oberschenkel zu lange aneinander reiben. Aber die Miniröcke, die ich schon immer so geliebt habe, sehen einfach nicht so schön aus, wenn unter ihnen Radlerhosen hervorblitzen. Wenigstens gibt es mittlerweile ein paar Brands, die Chub Rub Shorts in verschiedenen Farben und Größen herstellen. Diese neuen Styling-Optionen machen die ganze Sache etwas erträglicher für mich.
Das wohl bekannteste Label ist Snag Tights. Gegründet wurde es erst vor zwei Jahren, aber die CEO Brie Read erzählte mir, die Idee hinter den Shorts ist alles andere als neu. „Ich bin seit meinen späten Teenagerjahren plus size und trug früher immer Radlerhosen; die halfen etwas, aber Schmerzen hatte ich trotzdem noch – zwar rieben meine Oberschenkel nicht mehr so aneinander, dafür aber drückten die Nähte an den Beininnenseiten; oft blutete ich dadurch sogar.“ Und da kommt Snag Tights ins Spiel: Genau wie herkömmliche Strumpfhosen sind die Produkte der in Edinburgh ansässigen Marke entlang der Beine nämlich nahtlos verarbeitet.
Bei den Tights liegt der Fokus aber nicht nur auf dem Tragekomfort, sondern auch auf dem Look. „Ich finde, nur, weil es sich um Sachen handelt, die wir tragen müssen, heißt das noch lange nicht, sie müssen hässlich sein. Also kreieren wir coole, hübsche Tights, die einfach etwas angenehmer zu tragen sind.“
Mittlerweile finde ich auch, dass Chub Rub Shorts nicht nur nützlich, sondern auch süß sein können. Das war aber nicht immer so. Wenn ich früher in einem Schaufenster oder Spiegel sah, dass meine DYI-Variante (Ich habe einfach die Beine einer billigen Strumpfhose abgeschnitten) unter einem Kleid hervorblitzte, schämte ich mich unglaublich.
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Obwohl ich seit der Abschlussdisko viele Kilos zugenommen habe und sich mein Style weiterentwickelt hat, ist meine Vorliebe, so viel wie möglich von meinem Körper zu zeigen und knappe Outfits zu tragen, immer noch dieselbe. Diesem Faible aufgrund der Größe meiner Oberschenkel und der Notwendigkeit von schützenden Shorts nicht nachkommen zu können, bringt all die negativen Körperbild-Erinnerungen aus meiner Jugend wieder ans Tageslicht. Es klingt vielleicht komisch, doch je mehr ich von meinem Körper verdecke, desto größer mein Schamgefühl. Jede Person, die schon mal eine Ess- oder Körperbildstörung hatte, würde mir wahrscheinlich bestätigen, dass selbst die banalsten Dinge zu Triggern werden können. Und deswegen kann eine simple Sache wie einen Midi- statt einen Minirock tragen zu müssen dazu führen, dass ich mich stundenlang unter meiner Bettdecke verstecken und wegen des Körpers in dem ich stecke heulen möchte.
Ich habe mit anderen Plus-Size-Frauen gesprochen und vielen geht es ähnlich wie mir – ich bin also nicht allein mit meinen emotionalen Ausbrüchen, die durch Kleidungsstücke hervorgerufen werden. Eine der Frauen stimmte mir zu, dass es alles andere als leicht ist, zu akzeptieren, Chub Rub Shorts zu brauchen. Den eigenen Style und die Garderobe an die Körperform anpassen zu müssen – nicht, weil man es will, sondern weil es nicht anders geht – ist eine Herausforderung für die Psyche.
Eine Sache macht die Umgewöhnung aktuell jedoch ein kleines bisschen leichter: der Radlerhosentrend. Meine Chub Rub Shorts sind kein schambehaftetes Geheimnis mehr, denn die kurzen Leggings der 80er sind wieder in. Es gibt sie in so gut wie jedem Klamottenladen zu kaufen und man sieht sie in TikTok-Streetstyles und in den Instagram-Feeds der Celebritys. Getragen werden sie unter Sommerkleidern und Röcken oder zu T-Shirts und Sweatshirts – und zwar von kräftigen, aber auch von schlanken Personen. Und das bringt mehrere Vorteile mit sich, wie beispielsweise eine größere Auswahl an Modellen und den Fakt, dass etwas, das ich ohnehin im Sommer täglich trage jetzt cool ist.
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Dulcie ist 26 Jahre alt und trägt Größe 44. Sie sieht die Angelegenheit nicht so positiv, im Gegenteil. „Es ist ja schön, dass sie jetzt alle tragen und man sie überall kaufen kann, aber das wird nicht ewig so sein. Sobald sie nicht mehr in sind, wird man wieder nirgendwo welche finden können.“ Und dann werden wir wieder ein Kleidungsstück tragen, das zwar vielleicht praktisch, aber nicht gerade fashionable ist. Ich kann Dulcie gut verstehen. Und dennoch: Die Shorts auch nur für einen Moment als It-Piece sehen zu können, statt als Notwendigkeit, hat mir geholfen, mich an sie zu gewöhnen.
Als Shakti (24 Jahre, Größe 44 bis 46) sieht noch einen anderen negativen Aspekt am Radlerhosenhype: „Bei mir löst das ehrlich gesagt nur ein Augenrollen aus, wenn Kleidungsstücke dicker Menschen so lange uncool sind, bis dünne Menschen sie cool machen“. Auch dieses Argument kann ich auch nachvollziehen.
Ich brauche Chub Rub Shorts erst, seit ich Größe 48 trage. Davor ging es immer ohne und bisher dachte ich, es würde allen Frauen so gehen. Als ich dann aber realisierte, dass Frauen, die zwei Kleidergrößen kleiner tragen als ich, sich ebenfalls wundscheuern, fragte ich mich auf einmal, ob die Hosen an sich wirklich mein Problem waren. Projizierte ich vielleicht einfach nur meinen Ärger darüber, zugenommen zu haben auf sie? Ich setze mich online sehr stark für Body Positivity ein – und das passt ja nun mal so gar nicht zu negativen Gefühlen, die durch eine Gewichtszunahme aufkommen. Habe ich also unbewusst meine Frustration und meinen Hass an einem Kleidungsstück ausgelassen, damit ich das nicht an mir auslassen musste? Am Telefon bestätigte mir Brie Read, dass selbst ihre Größe-36-Kund*innen Wundreibung als Grund dafür angeben, Chub Rub Shorts zu tragen. Als ich das hörte, wurde ich noch frustrierter – und zwar darüber, dass wir einfach zu wenig miteinander reden. Hätte ich gewusst, dass Frauen jeden Gewichts Radlerhosen tragen, damit ihre Oberschenkel nicht aneinander reiben, dann wären mein Schamgefühl und der Selbsthass vielleicht nie entstanden.

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