Der ultimative Tattoo-Guide für PoC

Du wählst den Entwurf sorgfältig aus, suchst nach einem guten Studio und leidest dich dann leise durch die Sitzung. Für Menschen mit heller Haut ist das meistens der übliche Ablauf, den sie für ein Tattoo durchmachen müssen. Aber bei PoC sieht die Sache etwas anders aus. Wenn du dunkle Haut hast und dir ein Tattoo stechen lassen willst, dann ist das oft mit einigen Hürden verbunden.
Erstens ist die Auswahl an Motiven für diesen Hautton meistens eher begrenzt. Und wenn du dann endlich was gefunden hast, geht die Suche nach dem passenden Tattoo-Artist los. Das Problem: Viele zeigen ihre Arbeit bei Insta und Co. nur auf hellhäutigen Menschen. Woher sollst du also wissen, wie das Kunstwerk auf deiner Haut aussehen würde und ob sich der Tattoo-Künstler oder die Tattoo-Künstlerin überhaupt mit deinem Hauttyp auskennt? All diese Probleme und Fragen bestärken natürlich Zweifel, die du eventuell schon vorher hattest.
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Doch so muss es nicht unbedingt ablaufen, meint Tattoo-Artist Amanda Rodriguez . „Es geht weniger darum, was man nicht tun kann, als vielmehr darum, herauszufinden, welcher Stil am besten zu deinem Hautton passt.“ Dafür habe ich für dich einen Guide zusammengestellt, in dem alle wichtigen Dinge angesprochen werden, die du wissen solltest, bevor du dir dein neues Kunstwerk stechen lässt.
Kann dein Tattoo ein Keloid (Narbenwucherung) verursachen?
Keloidnarben entstehen, wenn verwundete Haut (als Folge einer Tätowierung, eines Piercings oder eines Schnitts zum Beispiel) heilt. Dann hebt sich die Haut an, verändert ihre Oberfläche und erscheint manchmal sogar glänzend. Man nimmt an, dass es auf eine Überproduktion von Kollagen zurückzuführen ist und dunkelhäutige Haut meist stärker betrifft. Es kann aber auch erblich bedingt sein. Außerdem nehmen Keloidnarben verschiedene Formen an. Am Anfang sieht man die Narben vielleicht nicht sofort, erklärt die Tätowiererin Heleena Mistry. „Manchmal glänzen Tattoos, nach dem Heilungsprozess. Das ist dann ein Zeichen dafür, dass sich Narben gebildet haben. Wenn sie dazu noch einen Blaustich oder kleine Bläschen aufweisen – was darauf hindeutet, dass die Tinte in der Haut geplatzt ist – dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die Nadel zu tief in die Haut gestochen wurde“, erklärt sie.
Tattoo-Artist Samuel Paul-Enahoro sagt, dass eine zu tiefe Tätowierung das größte Problem bei dunkler Haut darstellt. „Manche Tätowierer*innen kennen sich mit dunkler Haut nicht aus und stechen dann zu tief. Such dir also immer jemanden, der oder die schon mit verschiedenen Hauttönen gearbeitet hat“, rät er.
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Falls du bereits ein Keloid oder eine Narbe hast, kann das aber problemlos übertätowiert werden. „Wir können Narben und sogar Dehnungsstreifen übertätowieren – solange sie schon verheilt sind, ist das kein Problem“, fügt Heleena hinzu. „Wir haben schon oft Menschen tätowiert, die sich früher mal selbst verletzt und Narben davongetragen haben.“
Was kannst du tun, wenn du die Kunst eines Tätowierers oder einer Tätowiererin wirklich magst, er oder sie aber nur Fotos von Tattoos bei weißen Menschen auf Insta hat?
Den richtigen Tattoo-Artist zu finden, ist oft schon die halbe Miete. Aber bei der Suche auf Insta wirst du schnell merken, dass viele nur Bilder von ihren Werken auf heller Haut in ihrem Feed haben. Heißt das dann automatisch, sie tätowieren keine PoC? „Auch Menschen mit dunkler Haut lassen sich tätowieren“, sagt Heleena. „Aber einige Tätowierer*innen zeigen nur die Werke, die sie auf heller Haut gestochen haben, weil diese für sie ansprechender aussehen. Fotos von Tattoos an dunkelhäutigen Menschen sind oft schwieriger darzustellen, weil ihre Haut auf Tätowierungen anders reagieren, in der Regel mit Schwellungen – und nicht mit einer kleinen Rötung wie auf weißer Haut; das kann man nämlich leichter retuschieren.“
Amanda empfiehlt, einfach mal eine DM zu schreiben und den oder die Tätowierer*in direkt zu fragen, ob er oder sie schon Erfahrung mit PoC-Tattoos hat. „Schick ihnen ein Bild von dir“, rät sie. „Sobald sie deinen Hautton sehen, können sie dir eine Auskunft geben und dir Bilder ihrer Arbeit schicken.“
Gibt es Tattoo-Styles, die dunklerer Haut besser schmeicheln als andere?
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Amanda macht oft sehr bunte Tattoos meint aber, du solltest dein Kunstwerk eher von einer praktischen Perspektive betrachten. „Es ist wie bei Wasserfarben auf einem Blatt Papier. Auf dunklerem Papier erkennst du Farben weniger gut. Wenn du dunkle Haut hast, könnten die Farben also weniger durchscheinen.“ Deshalb rät sie zu tief schwarzen oder grauen Tönen. „Auch geometrische und japanische Styles passen gut zu dunkler Haut, weil bei ihnen immer mit Kontrasten gearbeitet wird. Auf gepunktete Muster würde ich dagegen verzichten. Sie sind einfach zu klein und auf der Haut nur schlecht erkennbar.“
Auch Heleena wird diese Frage oft gestellt. Sie empfiehlt, zunächst einen Patch-Test durchführen zu lassen. Der oder die Tätowierer*in sticht kleine Punkte in verschiedenen Farben auf einer weniger sichtbaren Stelle deiner Haut, um zu sehen, wie die Farben aussehen, wenn die Heilung beendet ist. „Blautöne verblassen oft und werden dann grün. Und pinke Töne bekommen manchmal einen orangefarbenen Unterton. Rot wird dagegen zu Braun. Mit einem Patch-Test weiß dein Tattoo-Artist, wie hell die Farbe schlussendlich wirklich sein sollte, damit das Ergebnis perfekt wird“, sagt sie.
Und wie sieht es mit feinlinigen Tattoos aus?
Es gibt immer wieder neue Tattoo-Trends. Zu Beginn der 2000er ließen wir uns besonders gern Sterne tätowieren. Dann kamen die Blumenmotive. Und heute bevorzugen wir einfache Stile, die superfein gestochen wurden. „Ich nenne sie Pinterest-Tattoos“, sagt Samuel. „Deshalb habe ich auf Insta eine Tattoo-Reihe, die Afreekah heißt. Dort zeige ich, cleane Tattoos, die mit einer größeren Nadel gemacht wurden. Denn meiner Meinung nach, sieht dieser Stil bei dunkler Haut viel besser aus.“ Aber vor allem solltest du auf den Rat deines oder deiner Tätowierer*in hören, meint Amanda. „Bitte nimm es nicht persönlich, wenn sie dir von einem Tattoo abraten. Wenn es zum Beispiel zu fein ist, könnte es in kürzester Zeit einfach verschwinden und dann hättest du umsonst gelitten – und dein Geld verschwendet.“
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Was muss ich bei der Pflege meines Tattoos beachten?
Ist dein Tattoo endlich auf deinem Körper verewigt, musst du es natürlich auch richtig pflegen. „Dein*e Tätowierer*in wird dir erklären, wie lange du den Verband anbehalten sollst, also halte dich daran“, mahnt Amanda. Viele Tattoo-Artists verwenden jetzt eine neue Art von atmungsaktiver Folie (ursprünglich für Brandopfer entwickelt), die bei der Heilung von Tätowierungen helfen kann. „Wir müssen unserer Haut jedoch mehr Feuchtigkeit zuführen, da sie nach dem Stechen oft trockener ist“, sagt Samuel. „Kakaobutter ist dafür am besten geeignet und hilft fördert gleichzeitig die natürliche Heilung.“
Damit dein Tattoo farbintensiv bleibt und nicht so schnell ausbleicht, solltest du – auch bei dunkler Haut – einen Sonnenschutz auftragen.
Wo finde ich Inspirationen für ein passendes Tattoo-Motiv?
Amanda empfiehlt, verschiedene Hashtags auf Insta und Pinterest durchzusuchen. Zu den beliebtesten gehören #darkskintattoos und #darkskinbodyart. Doch es gibt auch Accounts, die einige schöne Motive für PoC-Tattoos in ihrem Feed haben. Einer davon ist @TheRoseUnderground. Hier wird ausschließlich die Arbeit von schwarzen Tätowierer*innen gezeigt. Und @inkthediaspora bietet dir gleich eine ganze Palette an Tattoo-Styles für dunkle Haut.
„Unsere Haut wurde in der Tattoo-Welt zu lange ignoriert“, so Heleena. „Und das, obwohl die Kunstform ja eigentlich von dunkelhäutigen Ureinwohnern stammt. Das ist nicht fair. Wir sind nicht annähernd so eingeschränkt, wie wir denken oder wie man es uns immer eingetrichtert hat. Du musst einfach nur den oder die richtige*n Tätowierer*in finden.“

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