Warum geschältes & gewürfeltes Obst für mich ein Symbol der Liebe ist

Das Leben hält bittere und harte Dinge für uns bereit. Aber wenn du die Steine, Kerne und Schalen entfernst, wird es zu einer Quelle des süßen Genusses.

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Um den Geschmack ging es bei den Mahlzeiten, mit denen ich großgeworden bin, eigentlich nie. Viel wichtiger war, dass sie sättigend, schnell und kostensparend waren. Und wenn sie rein zufällig nährstoffreich waren, umso besser. Aber lecker? Das wäre schon ein kleines Wunder gewesen. Zum Abendessen gab es so gut wie immer ein Stück Fisch aus dem Gefrierfach und eine große Schüssel Reis. Gewürzt wurde das Ganze ausschließlich mit Sojasoße. Zum Frühstück gab es irgendwelche Billig-Cornflakes und unser Mittagessen bestand so gut wie immer aus Resten.
Photographed by Jooeun Bae
Aber das Dessert war immer Luxus pur: Platten voll mit geschältem und entkerntem, in kleine Würfel geschnittenem Obst. Meine Mutter schaffte es irgendwie, aus jedem noch so deformierten oder glitschigen Obst perfekte geometrische Formen zu zaubern – und das mit einem alten, stumpfen Schälmesser, das sie partout nicht schleifen lassen wollte. Im Frühling gab es Erdbeeren, im Sommer Mangos und Wassermelone; gigantische, geschälte Weintrauben das ganze Jahr über. Letztere schnitt sie in zwei Hälften, um die Kerne entfernen zu können. Als wir irgendwann in die Mittelschicht aufstiegen, kamen gewürfelte Drachenfrucht, Dattelpflaumen und weiße Pfirsiche dazu. Während der aufwendigen, kunstvollen Vorbereitung knabberte meine Mutter über dem Spülbecken an dem, was in den Schalen und Kernen noch so dran war.
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Das Obst wurde ein paar Stunden nach dem Abendessen serviert, aber auch während der Hausaufgabenzeit oder an endlos wirkenden Wochenendnachmittagen. Ich aß ausschließlich das Obst, das meine Mutter für mich vorbereitet hatte. Für mich war geschältes, entkerntes und gewürfeltes Obst die Norm und so dachte ich beispielsweise auch jahrelang, Apfelschalen wären nicht essbar. Die uneleganten Orangenstücke, die es beim Mittagessen in der Schule gab, waren für mich wie eine persönliche Beleidigung. Und erst, als es einmal ein paar Weintrauben zum Lunch gab, stellte ich fest, ich war die Einzige, die jede einzelne schälte, bevor sie sie aß. „Was machst du denn da?“, fragten mich meine Freundinnen mich entsetzt, während ich versuchte, die Schalen unter meiner Milch zu verstecken.
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Erst, als ich zuhause auszog, um zu studieren, realisierte ich, wie viel Arbeit sich meine Mutter mit der Zubereitung gemacht hatte. Statt zu lernen, wie man mit einem Schälmesser umgeht, gewöhnte ich es mir deswegen an, Apfelstückchen mit Schale zu essen und Grapefruit von der bitteren Schale abzuknabbern. Ich aß sogar ungeschälte Weintrauben mit Kernen, die so bitter waren, das sich meine Zunge danach pelzig anfühlte. Sie schmeckten traurig.
Geschnittenes Obst schmeckt nach Liebe. Und dafür gibt es gute Gründe. Erstens geht es um Katastrophenschutz – ein Konzept, in das sich asiatische Eltern liebend gern reinsteigern. Meine erklärten mir, zuhause sind alle rohen Nahrungsmittel unrein. Wenn du sie gekocht hast, können die meisten Gemüsesorten gefahrlos gegessen werden. Obst muss dagegen richtig abgeschrubbt und geschält werden, damit es essbar ist. Zwar glaubten sie, die Standards auf amerikanischen Bauernhöfen sind höher als die in unserer Heimat, aber sie wollten kein Risiko eingehen. Zweitens, und das ist der wichtigere Grund, ist geschnittenes Obst ein Geschenk. Das Leben hält bittere und harte Dinge für uns bereit. Aber wenn du die Steine, Kerne und Schalen entfernst, wird es zu einer Quelle des süßen Genusses.
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Es steckt in den Obstschalen, die mir meine Großeltern früher gegeben haben und in denen nur die besten Teile der Wassermelonenspalten der anderen waren. Es steckt im letzten Stücken Drachenfrucht, das meine Cousine für mich bis zu meiner Ankunft in ihrer Wohnung in einer dunklen Ecke in der Abstellkammer versteckt hat. Es steckt in den Erdbeeren, die mit einer kleinen Schüssel mit Zucker serviert wurden, und in dem Mangostücken, die so reif, weich und unfaserig sind, dass du sie fast mit einem Strohhalm trinken kannst. Und in den nackten Weintrauben, einem Luxus, der Kaiser*innen und König*innen würdig war.
In asiatischen Kulturen wird Liebe oft durch Taten, statt durch Worte oder körperliche Nähe ausgedrückt. In einem Artikel des Onlinemagazins Taste schreibt Yi Jun Loh, „statt mit Umarmungen, Küssen und ermutigenden Worten zeigte meine Mutter ihre Liebe mit geschnittenem Obst“. Und Priya Krishna sagt in Bon Appetit: „[Mein Vater und ich] führten keine vertrauten, tiefgründigen Gespräche. Wir haben nicht an Vater-Tochter-Tänzen teilgenommen. Aber zu sehen, wie er einen Granatapfel in mühevoller Kleinarbeit für den Nachtisch vorbereitet, sagte alles.“
Echte Zuneigung gibt es in der Selbst-Isolation nur selten. Ich habe so viele schlechte Nachrichten von meinen Lieben, Kolleg*innen, Nachrichtensprecher*innen und Fremden gehört. Ich war frustriert, weil ich die Menschen um mich herum nicht trösten konnte. „Es tut mir leid“, war nicht genug; „Alles wird gut“ klang wie eine Lüge. Meine Eltern sind weit weg. Die meisten meiner Familienmitglieder und Freund*innen sind weit weg. Letztes Wochenende überkam mich eine Welle der Hilflosigkeit und Taubheit. Also wusch ich mir die Hände, stellte mich an die Arbeitsplatte und begann, Weintrauben zu schälen. Für das erste Duzend brauchte ich ewig und ich stellte mich auch ziemlich ungeschickt an – ich entfernte immer zu viel, so dass die Oberfläche nicht mehr glatt, sondern voller Krater war. Es war frustrierend.
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Aber mit der Zeit wurde ich besser und nach der ersten perfekten Weintraube folgte eine zweite und eine dritte. Jedes Obststück war ein kleiner Kampf, aber auch ein Triumph. Die Hässlichen habe ich selbst gegessen, die anderen habe ich für meine Schwester und meinen Ehemann in eine Schüssel gegeben.
Genau wie Liebe braucht auch geschnittenes Obst viel Geduld und Übung. Es geht um die Bereitschaft, die bittere Pille zu schlucken, damit eine andere Person das süße Leben genießen kann.
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Dies ist ein Artikel der Reihe #NotYourTokenAsian – einer Serie, in der wir einen Blick auf das Thema asiatisch-amerikanische Identität werfen und Stereotype und Vorurteile hinterfragen.

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