„Es tut mir leid, dass du so denkst“ ist die nervigste Entschuldigung überhaupt.

Foto: Flora Maclean
Der Abend beginnt eigentlich so vielversprechend: feuchtfröhlich und unterhaltsam – doch das Happy End bleibt aus, und am Ende liefere ich mir mit einer Freundin einen heftigen Streit.
Hey, sowas passiert, denke ich mir. Nach dieser durchzechten Nacht schicke ich ihr also am nächsten Morgen eine SMS und versuche, eine Art „Nachgespräch“ mit ihr zu führen. Völlig verkatert entschuldige ich mich für mein unreifes Verhalten und dafür, dass die Dinge aus dem Ruder gelaufen sind. Ich will das Ganze abschließen und warte jetzt nur noch auf eine Entschuldigung ihrerseits. Darauf kann ich aber scheinbar lange warten, denn die Stimmung zwischen uns ist immer noch angespannt und unser Gespräch endet schließlich in einem weiteren Streit.
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Ich versuche, die Wogen zu glätten und erkläre ihr, wie ich mich fühle (bevormundet und durch ihre gemeinen Worte verletzt). Nach meinem Gefühlsausbruch kommt doch jetzt sicherlich eine Entschuldigung von ihr, oder?
Sie fängt an, zu tippen...
Als ihre Nachricht bei mir ankommt, steht da anstelle von „entschuldige“ aber bloß ein mickriges „Es tut mir leid, dass du so denkst.“
Seitdem haben wir nicht mehr miteinander gesprochen.
„Es tut mir leid, dass du so denkst“ mag sich vielleicht wie eine Entschuldigung anhören. Wenn du diesen Spruch aber mal genauer unter die Lupe nimmst, wirst du feststellen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Passiv-aggressiver geht es ja wohl kaum noch, und trotzdem (oder gerade deswegen) hörst du ihn überall: In jeder x-beliebigen Reality-TV-Show fällt er irgendwann (in der Real-Housewives-Reihe, zum Beispiel, ist er allgegenwärtig). Das Gleiche gilt für soziale Medien. Und in vielen Fällen ist der Satz auch durchaus okay – zum Beispiel als ernstgemeinte Reaktion auf Kommentare wie „Ich fühle mich traurig/deprimiert/einsam“. Manchmal ist er aber auch einfach nur hinterhältig gemeint – denn mithilfe dieser flapsigen Art einer Entschuldigung lässt sich leicht eine echte Entschuldigung umgehen. Ich bin übrigens nicht die Einzige, die dieser Satz auf die Palme bringt: Viele Leute im Internet haben damit angefangen, auf seinen wahren Charakter aufmerksam zu machen.
Am 18. November tweetete Twitter-Nutzerin @Céline: „Ich weiß nicht, wer das hören muss, aber Es tut mir leid, dass du so denkst‘ ist keine Entschuldigung.“ Der Tweet bekam 4.600 Likes.

Eine echte Entschuldigung würde lauten: „Es tut mir leid, dass ICH DICH DAZU GEBRACHT HABE, das zu denken.“ So würdest du @Céline zufolge nämlich tatsächlich Verantwortung übernehmen. Wenn dir das, was du getan hast, nicht leidtut, solltest du dich laut dieser Twitter-Nutzerin einfach nicht entschuldigen: „Keine Entschuldigung ist immer noch besser als eine unaufrichtige.“ Und wo wir schon beim Thema sind, solltest du dich auch mit dem kleinen Bruder von „Es tut mir leid, dass du so denkst“ vertraut machen, nämlich: „Es tut mir leid, dass du es so aufgefasst hast.“

Ende November lieferte die britische Innenministerin Priti Patel das beste Beispiel für „Wie man sich entschuldigt, ohne sich tatsächlich zu entschuldigen“, als eine offizielle Untersuchung zu dem Schluss kam, dass sie ihre eigenen Mitarbeiter:innen gemobbt habe. Zu den Ergebnissen äußert Patel sich in einem Rundfunkinterview folgendermaßen: „Es tut mir leid, dass mein Verhalten Menschen verärgert hat. Das war nie meine Absicht.“ Zunächst hört sich das vielleicht wie eine Entschuldigung an. Wenn du aber zwischen den Zeilen liest, wird dir auffallen, dass diese Aussage nicht wirklich aufrichtig rüberkommt und die Politikerin keine Verantwortung übernimmt.
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Mit der Hilfe von Therapeutin Zoe Clews will ich herausfinden, warum eine scheinbar so harmlose Redewendung uns so sehr auf die Nerven gehen kann.
„‚Es tut mir leid, dass du so denkst‘ ist eine typische Nicht-Entschuldigung“, erklärt sie. „Der Grund, warum uns dieser Spruch so irritiert, triggert, beschämt und uns geradezu zum Kochen bringen kann, lässt sich darauf zurückführen: Die sich entschuldigende Person bittet nicht um Entschuldigung für die Auswirkungen, die ihre Worte oder Handlungen möglicherweise auf dich gehabt haben, sondern für deine Gefühle. Das ist aber weder ihre Aufgabe noch ihr Recht. Ihre Pflicht ist es, sich für ihre Handlungen, ihr Verhalten oder ihre Worte zu entschuldigen.“

Es ist so, als ob man einer aufgeregten Person dazu raten würde, sich zu „beruhigen“. Diese Worte bewirken das genaue Gegenteil.

Hinzu kommt, dass der Ausdruck „Es tut mir leid, dass du so denkst“ Clews zufolge Umstände verharmlost. „Mit dieser Phrase wird deinen Gefühlen keine Berechtigung eingeräumt. Ohne einen Hauch von Empathie wird dir auf passiv-aggressive Art Folgendes zu verstehen gegeben: ‚Ich habe nicht die Energie, bin nicht neugierig genug oder will die Verantwortung nicht dafür übernehmen, herauszufinden, warum meine Handlungen, Verhaltensweisen oder Worte dich verletzt haben.‘ Außerdem impliziert die Verwendung dieses Ausdrucks, dass du dich überhaupt nicht so fühlen solltest, wie du es gerade tust. Kurz gesagt: Dadurch verzichten die Sprecher:innen auf jegliche Verantwortung und kaschieren das mit oberflächlicher Höflichkeit. Das Ganze zielt darauf ab, deine Gefühle zu entkräften.“ Clews glaubt, dass die betroffene Person in vielen „Es tut mir leid, dass du so denkst“-Situationen genauso gut sagen könnte, dass es ihr egal sei, wie du dich fühlst. So wäre zumindest ein ehrliches Gespräch möglich.
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Für mich ist dieser Spruch inzwischen wie ein rotes Tuch. Es ist so, als ob man einer aufgeregten Person dazu raten würde, sich zu „beruhigen“. Diese Worte bewirken das genaue Gegenteil.
Die 27-jährige Schriftstellerin Fani hat ihre eigenen Erfahrungen mit der „Es tut mir leid, dass du so denkst“-Nicht-Entschuldigung gemacht. „Eine meiner engsten Freundinnen sagte diesen Satz vor ein paar Monaten zu mir – nach einer Diskussion, in der es mir so vorkam, als würde sie mich nicht verstehen, meine Gefühle nicht nachvollziehen können, und als ob sie alles Gesagte auf sich bezog. Ihre Reaktion darauf war ein klassischer Fall von ‚Es tut mir leid, dass du so denkst‘. Mir fehlten die Worte, und um ehrlich zu sein, hat ihre Antwort nicht wirklich dazu beigetragen, unseren Konflikt zu lösen. Das ist nicht aufrichtig, denn anstatt zuzugeben, dass man etwas falsch gemacht hat, tut man einfach so, als würde man der anderen Person zustimmen, damit sie aufhört, sich über dich zu ärgern. Anstatt sich mit den Gefühlen anderer auseinanderzusetzen und Beziehungsarbeit zu leisten, macht man von dieser nervigen Phrase Gebrauch, um das Problem verschwinden zu lassen. Dieses Verhalten ist typisch für jemanden, der oder die nicht empathisch ist.“
Welche Antwort wäre in dieser Situation effektiver gewesen? Fani meint, sie bevorzuge Sätze wie „Ich verstehe dich. Das hätte ich lieber nicht tun sollen“ oder sogar „Du hast Recht. Wie kann ich das wiedergutmachen?“.
„Ich persönlich finde nichts – egal, wie provokativ – schlimmer als passiv-aggressives Verhalten. In jeder Beziehung, egal ob privat oder beruflich, kann das Gefühl, nicht verstanden und anerkannt worden zu sein, zu Unmut, Wut und Frustration führen. Mit einer echten Entschuldigung übernimmt man die Verantwortung für die Auswirkungen der eigenen Handlungen und Worte. Die Ausdrucksweise spielt hier eine entscheidende Rolle, denn nur so kann sich das gekränkte oder beleidigte Gegenüber gesehen und gehört fühlen, statt niedergemacht oder abgelehnt.“
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So erging es nämlich Charlotte, als sie eine einprägsame Erfahrung à la „Tut mir leid, aber es tut mir nicht leid“ während ihres Urlaubs in einem luxuriösen Resort machte. „Ich hatte eine Menge Geld auf den Tisch gelegt, um meine freien Tage dort zu verbringen und freute mich wirklich auf meinen Urlaub. Als ich jedoch mein Zimmer zum ersten Mal sah, war ich enttäuscht, da es überraschend klein war und ich ja schließlich eine Suite gebucht hatte. Das Hotel war ausgebucht. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als in diesem Zimmer zu bleiben. Mir wurden als Entschädigung ein kostenloses Essen und eine Flasche teurer Wein angeboten, was zwar nett war, aber in keiner Weise meine verlorenen Nächte in einer Suite ausglich. Ich erklärte deutlich, dass ich nicht zufrieden mit diesem Angebot war und warum. Als Antwort bekam ich ein einfaches ‚Es tut mir leid, dass Sie so denken‘ zu hören.“ Das Problem wurde letztendlich gelöst, aber in Charlottes Kopf schleichen diese paar kleinen Worte immer noch herum... „‚Es tut mir leid, dass du so denkst‘ kommt einfach unhöflich und abweisend rüber.“

Sie bitten um Entschuldigung für deine Gefühle, was weder ihre Aufgabe noch ihr Recht ist. Ihre Pflicht ist es, sich für ihre Handlungen, Verhaltensweisen oder Worte zu entschuldigen.

Die Erfahrung der 31-jährigen Haley mit dieser eigentlichen Nicht-Entschuldigung war etwas persönlicher. „Kurz vor dem Lockdown lernte ich einen Mann kennen und fing an, mit ihm auszugehen. Bald darauf wollte er aber den Kontakt zu mir abbrechen. Er sagte, er sei nicht bereit für eine Beziehung. Später kam er wieder angekrochen, entschuldigte sich und zeigte wieder Interesse an mir. Wir gingen wieder ein paar Wochen lang miteinander aus. Dann, eines Tages, als ich ihn fragte, ob er spazieren gehen wolle, wollte er wieder die Verbindung mit mir abbrechen. Der Grund dafür war auch dieses Mal, dass er ‚nicht bereit‘ für eine Beziehung sei. Zum ersten Mal in den sechs Monaten, seitdem ich ihn kennen gelernt hatte, rastete ich aus und erinnerte ihn an all seine gemeinen Aussagen und führte ihm vor Augen, wie leichtsinnig sein Verhalten doch war.“ Dreimal darfst du raten, was seine Reaktion auf meinen Wutanfall war. Genau! „Es tut mir leid, dass du so denkst.“ „Ich war so sauer darüber, dass er so dreist mit meinen Gefühlen gespielt hatte.“
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Scheinbar hatte Elton John (und lasst uns bitte nicht Blue vergessen) Recht, als er „Sorry Seems To Be The Hardest Word“ trällerte. Warum aber fällt es uns so schwer, uns aufrichtig zu entschuldigen? Clews bringt etwas Licht ins Dunkel. „Viele von uns haben damit zu kämpfen, weil es einfach ein starkes Selbstempfinden erfordert, sich einer anderen Person gegenüber verletzlich zeigen zu können. Schließlich wollen wir uns nicht irren, einen schlechten Eindruck machen oder schwach wirken. Bekanntlich zeugt Verletzbarkeit aber von Stärke. Es braucht Mut, zugeben zu können, dass man Mist gebaut hat und das einem aufrichtig leid tut. Es ist schwer, sich eingestehen zu müssen, dass man gedankenlos, unvorsichtig, unhöflich oder egoistisch gehandelt hat. Immerhin möchte niemand von uns schlecht dastehen. Menschen mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein verlassen sich aber nicht darauf, was alle anderen von ihnen denken. Diese Denkweise ermöglicht es ihnen, sich zu entschuldigen (auch wenn es vielleicht verdammt wehtut).“

In vielen „Es tut mir leid, dass du so denkst“-Situationen könnten die Sprecher:innen genauso gut sagen, dass es ihnen egal ist, wie du dich fühlst. So wäre zumindest ein ehrliches Gespräch möglich.

Die Therapeutin fährt fort: „Für diejenigen, die nicht über diese innere Kraft verfügen, ist es aber einfacher, Umstände zu leugnen und die Schuld der anderen Person in die Schuhe zu schieben. Damit ist ‚Es tut mir leid, dass du so denkst‘ bloß eine höflichere Art zu sagen ‚Du hast Unrecht und ich habe Recht‘.“
Wie solltest du also am besten auf so eine unaufrichtige Entschuldigung reagieren, ohne deine Beziehung oder Freundschaft völlig aus den Angeln zu heben?
„Das Wichtigste ist, zu sagen: ‚Ich habe den Eindruck, dass du meine Gefühle in dieser Situation nicht wirklich ernst genommen hast. Wäre es hilfreich, wenn ich dir genauer erklären würde, warum ich mich so fühle?‘“ Clews schlägt auch vor, die betroffene Person zu einem längeren und tiefer gehenden Gespräch einzuladen und reichlich Zeit dafür einzuräumen. So ist es möglich, wieder Verständnis für das Gegenüber aufzubauen – also an den emotionalen Ort zurückzukehren, an dem wir nicht getriggert werden können, sondern uns stabil und erwachsen fühlen können.
Clew erinnert diejenigen von uns, denen es sehr schwerfällt, sich zu entschuldigen, daran, dass eine richtige Entschuldigung aus vier Schritten besteht. Erstens: Entschuldige dich, indem du die Wörter tatsächlich aussprichst. Nonverbale Kommunikation reicht hier nicht. Zweitens: Erkenne die Gefühle der anderen Person an, sodass sie sich wirklich gesehen und gehört fühlen kann. Drittens: Übernimm Verantwortung und frag die andere Person, was dazu nötig ist, um eure bisher gute Verbindung weiterhin aufrechterhalten zu können. Vielleicht kann euer Konflikt mit einem Kompromiss gelöst werden. Möglicherweise liegt es auch einfach an dir, dich beim nächsten Mal etwas anders zu verhalten. So oder so: Kläre diese Fragen.
Ich selbst neige dazu, mich zu häufig zu entschuldigen. Deshalb besteht meine persönliche Herausforderung darin, das Wort „Entschuldigung“ nicht mehr so oft als Floskel zu benutzen, sondern es jedes Mal wirklich ernst zu meinen. Sollte es dir schwerfallen, dich zu entschuldigen, kann ich dir nur einen Rat geben: Übung macht die Meister:innen.

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