"Blind Vagina": Was ist das & lässt es sich behandeln?

Photographed by Meg Odonnell.
Hast du schon mal was von einer Dead End Vagina gehört? Oder von Vaginal- oder Scheidenaplasie? Nein? Ich auch nicht – bis ich einen kürzlich im British Medical Journal veröffentlichten Artikel darüber las. Er berichtet von einer 20-jährigen Frau, die noch nie ihre Periode sowie Probleme beim Sex hatte, weil sie, wie sich herausstellte, eine „blinde Vagina“ hatte.
Als die in Pakistan lebende, verheiratete Frau sechs Monate vor ihrer Hochzeit das erste Mal sexuell aktiv war, bemerkte sie, dass keine Penetration möglich ist. Daraufhin suchte sie eine Ärztin auf. Die Diagnose? Sie hat eine sogenannte „Dead End Vagina“.
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Abgesehen davon, dass sie keinen penetrativen Sex haben konnte und mit 20 Jahren immer noch keine Menstruationsblutung hatte, litt sie auch noch an Schmerzen im unteren Bereich des Bauches. Drei Jahre lang hatte sie diese ausgehalten, weil ihre Mutter damals gemeint hatte, sie würde einfach nur eine verspätete Pubertät durchmachen. In ihrem Bericht schrieben die Ärzt*innen jedoch, die „Entwicklung der Brust ist altersentsprechend und die sekundären Geschlechtsmerkmale scheinen normal ausgeprägt zu sein“. Was steckt also hinter der Scheidenaplasie und kann sie behandelt werden?

Was ist Vaginalaplasie und wie erkennt man sie?

Manche Menschen sagen, eine Dead End Vagina sei das weibliche Äquivalent zu einem Mikropenis. Die Vagina der oben erwähnten 20-Jährigen war beispielsweise nur 2 cm lang, während die Durchschnittslänge einer nicht sexuell erregten Vagina laut einer Studie etwa 6 cm ist. Ihr Uterus war laut der Ärzt*innen zwar durchschnittlich groß und ihre Eierstöcke schienen „normal“, aber ihre Vagina war nicht mit den Reproduktionsorganen verbunden.
Bei Frauen mit einer "blinden Vagina" blockiert entweder eine horizontale oder eine vertikale Gewebswand die Vagina. Auf den ersten Blick ist dies von außen jedoch nicht sichtbar. Deswegen bemerken es die meisten Betroffen auch erst in der Pubertät – wenn sie keine Periode bekommen oder wenn sie versuchen, Sex zu haben, es aber nicht möglich beziehungsweise sehr schmerzhaft ist.

Mögliche Ursachen einer Scheidenaplasie

Es gibt verschiedene Gründe für die nicht oder nur unvollständig ausgebildete Scheide, oftmals ist es jedoch ein Symptom komplexer Erkrankungen, wie dem Turner-Syndrom (bei kleinwüchsigen Frauen sind Scheide, Eierstöcke und Gebärmutter nicht komplett ausgebildet), dem Swyer-Syndrom (bei dem statt Eierstöcke oft funktionslose Hoden vorhanden sind), der testikulären Feminisierung (Betroffene sehen meist jungenhaft aus und haben eine unvollständig entwickelte Scheide und weder Gebärmutter noch Scheide) oder dem MRKH-Syndrom (Scheide und Gebärmutter fehlen oder sind unvollständig entwickelt). Betroffen von einer Vaginaaplasie ist je nach Syndrom jedes 2500. bis 25000. Mädchen.
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Die Ursache hinter diesen Erkrankungen ist eine Störung bei der Entwicklung der Geschlechtsorgane. Im Embryo sind am Anfang sowohl weibliche als auch männliche Vorstufen der Geschlechtsorgane angelegt. Normalerweise verschmelzen bei Mädchen die männlichen Vorstufen irgendwann, bilden einen Kanal aus und entwickeln sich zu Gebärmutter, Eileitern und Scheide. Dieser Prozess ist bei einer Vaginaaplasie gestört. (Mehr Informationen zu den verschiedenen Syndromen und Ursachen findest du zum Beispiel auf Lifeline.de)

Gibt es Behandlungsmöglichkeiten und wenn ja welche?

Aufgrund der unterschiedlichen Syndrome, die für die Vaginaaplasie verantwortlich sein können, gibt es auch verschiedene Behandlungmethoden. Die 20-jährige Frau ließ sich beispielsweise operieren. Nachdem die Gewebswand durchtrennt wurde, wurde eine in ein Kondom gesteckte Form eingeführt, um die Muskeln auszudehnen. Eine Woche später wurde diese Form durch eine Silikonform ersetzt, welche wiederum drei Wochen später wieder entfernt wurde. Es gibt aber auch nicht-operative Dehnungsverfahren.

Gibt es Langzeitfolgen?

Die Frauen, die an der oben genannten Studie teilgenommen haben, scheinen ein ziemlich normales Leben führen zu können. Im Fall der 20-Jährigen lief es wie folgt ab: Vier Monate nach der Operation durfte sie aus ärztlicher Sicht bereits Sex haben – und sollte dabei laut ihren Ärzt*innen auch keine Schmerzen oder andere Beschwerden haben. Sieben Monate nach der Operation war sie schwanger. Sie brachte einen gesunden Jungen zur Welt, allerdings durch einen Kaiserschnitt.
„Die Operation hat mir buchstäblich ein neues Leben geschenkt. Davor hatte ich verbalen, körperlichen und emotionalen Missbrauch seitens meiner eigenen Familie und meiner Schwiegereltern ertragen müssen“, erzählte die junge Frau den Ärzt*innen. „Dank der Behandlung bin ich jetzt viel selbstbewusster, kann ich jetzt eine glückliche Beziehung führen und habe ein gesundes Baby.“
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