„Ich hatte ein Alkoholproblem“

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Seit über fünf Monaten habe ich keinen einzigen Schluck Alkohol mehr getrunken. Ich war noch nie der große Trinker, vertrug Alkohol kaum und beschloss dann dieses Frühjahr aus Gesundheitsgründen und einem gesunden Lifestyle ganz Schluss zu machen. Funktioniert wider Erwarten extrem gut für mich, nur das Umfeld ist gerne einmal verwirrt. „Wie, so gar nichts?“. Yes, so gar nichts. Wie sehr Alkohol in unserer Gesellschaft etabliert ist – und wie viele womöglich schon lange nicht mehr aus Genuss, sondern aus anderen Gründen trinken, vergessen wir oft.
Seitdem ich nichts mehr trinke, habe ich dafür umso öfter ein Gesprächsthema – und so kam ich auch mit Dominique ins Gespräch. Wir kennen uns aus Seminaren zu Thema Journalismus und Bloggen, und landeten im Gespräch plötzlich beim Thema Alkohol. Dominique ist Bloggerin, Autorin und Mental Health Advocate – und hat selbst jahrelang getrunken. Zu viel und aus den falschen Gründen. Seit über 200 Tagen trinkt die 32-Jährige nichts mehr – und sagt ganz offen: „Ich hatte definitiv ein Alkoholproblem.“ Kurzerhand habe ich sie gefragt, ob sie Lust hat, darüber mit uns auf amazed zu reden. Hatte sie – denn das Thema liegt ihr am Herzen.
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Wann hast du begonnen, Alkohol zu trinken?
Wie wahrscheinlich viele andere war ich 15,16 Jahre alt, als das mit dem Alkoholtrinken langsam los ging. Anfangs nur süßes, leichtes, heimlich und ab und zu. Ich habe damals in einer Band gespielt, jedes Wochenende war ein Konzert, und da war natürlich auch überall Bier und Rotwein-Cola dabei. Es hat aber dann nicht lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass das „härtere Zeug“ mir eigentlich mehr taugt.
Zum Verständnis muss ich sagen: Vieles aus dieser Zeit habe ich einfach vergessen, wurde vom Alkohol weggespült. Deswegen ist es auch schwer, die Entwicklung so ganz genau nachzuvollziehen.
Was ich sagen kann: Am Ende waren es sieben Jahre, an denen ich jeden Tag – j e d e n Tag – getrunken habe. Insgesamt hat mein „übermotivierter“ Konsum 15 Jahre lang gedauert. Die vergangenen Jahre waren geprägt von einem Auf und Ab, von einem „Ich schaffe das alleine“, Phasen wochenlanger Abstinenz im Wechsel mit krassen Rückfällen. Dem Willen, den Alkohol nicht ganz aufzugeben. Einen „kontrollierten Konsum“ anzustreben. Was auch immer wieder und auch über längere Zeit gut ging. Bis es nicht mehr gut ging. Bis irgendwas kam, was mich aus der Bahn geworfen hat. Und direkt in alte, ungesunde, kranke Verhaltensmuster.

Lange hat der Gedanke, nie wieder Alkohol zu trinken, mir einfach Angst gemacht.

Und mich selbst als schwach wahrnehmen lassen. Nach dem Motto „Alle anderen bekommen es doch auch hin, und ich bin die Idiotin, die es nicht hinbekommt?!“. Das wollte ich nicht akzeptieren. Und mit dieser Einstellung im Hintergrund hatte Abstinenz immer einen sehr bitteren Beigeschmack.
Genau das hat sich inzwischen aber geändert. Zum Glück. Von „Ich bin die Verliererin“ zu „Eigentlich bin ich ganz schön stark, wenn ich das hinbekomme“. Wenn ich es schaffe, diesen Kampf zu gewinnen. Dass dieser Schalter in meinem Kopf sich umgelegt hat, hat alles verändert. Und dafür gesorgt, dass ich mittlerweile schon über 200 Tage nicht mehr getrunken habe. Und es mir (meistens) leicht fällt. Ich es inzwischen sogar manchmal so empfinde, dass ich aus einer Sicht der Stärke auf den Alkohlkonsum unserer Gesellschaft blicken kann, statt aus einer Position der Schwäche. Dass ich erkannt habe, was ich mir, was wir uns, da regelmäßig antun, unseren Körpern und Köpfen.
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Warum und wann hast du Alkohol getrunken?
Nun, am Anfang weil man das eben so macht, weil es dazugehört, normal ist. Bald hab ich aber dann gemerkt, dass vieles mit Alkohol leichter war, vieles nicht mehr so anstrengend, ich unangenehme Gedanken und Gefühle damit schön dämpfen und zur Seite schieben konnte. Heute weiß ich, dass da mehr dahinter steckte. Dass einige meiner Gene in Kombination mit ein paar unschönen Lebensereignissen dafür gesorgt haben, dass es ganz schön viel in mir gab, womit ich zu kämpfen hatte. Nach zehn Jahren Kampf und Vollzeit-Selbstzerstörung habe ich dann 2013 erfahren, dass ich eine Borderline-Persönlichkeitsstörung habe.

Alkohol hat mir geholfen, durch die Tage zu kommen.

Ohne da jetzt näher drauf einzugehen – diese hat dafür gesorgt, dass ich einfach konstant überfordert war. Mit mir, mit dem Leben, mit allem. Um es irgendwie hinzubekommen, habe ich den Alkohol instrumentalisiert. Weil er mir geholfen hat, durch die Tage zu kommen. Die Schule zu überstehen, Abitur zu machen, meiner Arbeit nachzugehen, ein Studium abzuschließen – einfach, zu leben.
Was hast du vorwiegend getrunken?
Nun, wie gesagt waren es am Anfang hauptsächlich süße Dinge wie Erdbeersekt, Rotwein-Cola, Baileys. Und natürlich Bier. Aber bald dann auch Wodka. Der in den nächsten Jahren zu meinem besten Freund (und größten Feind) wurde. In meiner Hochphase habe ich jeden Tag eine Flasche Wodka plus diverse Nebengetränke, Wein, Bier und so, getrunken. Das Praktische am Wodka ist einfach die Geruchlosigkeit. So kann man auch in der Schule, morgens, immer trinken, ohne dass die Leute etwas merken. Vor allem wenn man ihn mit stark riechenden Dingen wie Red Bull oder Eistee kombiniert. Es gab lange Phasen, wo man mich praktisch nie ohne Eistee getroffen hat. Ein Grund, warum ich bis heute diese beiden Getränke vermeide. Einfach, weil sie mich triggern. Sie sind in meinem Kopf eng mit Alkohol verknüpft.
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Wann hast du gemerkt, dass du ein Problem hast?
Nun, dass es nicht normal ist, schon morgens Wodka zu trinken, nervös zu werden, wenn man keinen Alkohol daheim hat, alleine zu trinken und lieber zu Hause zu bleiben, als sich mit Freunden zu treffen um ungestört und ausreichend konsumieren zu können, weiß man natürlich.
Aber das passiert ja nicht von heute auf morgen. Man rutscht da rein. Es steigert sich langsam – aber eben konstant.
Ein richtiges Schlüsselergebnis in der Hinsicht gab es gar nicht. Sehr entscheidend für meine eigene Einschätzung der Situation – und auch der Außensicht – war wohl, dass ich ja immer alles hinbekommen habe. Abi, Studium, Arbeit – das lief ja alles. Darauf habe ich immer geachtet. Sonst hätte ja jemand mitbekommen können, dass bei mir was nicht stimmt. Das hat dann dazu geführt, dass auch Menschen aus meiner nahen Umgebung es gar nicht richtig ernst genommen haben, wenn ich angesprochen habe, dass ich da vielleicht doch ein Problem haben könnte. Denn die Löcher, die „bösen Abende“ – die habe ich immer mit mir alleine ausgemacht. In Gesellschaft habe ich mich immer beherrscht. Sobald ich aber alleine war, gab es kein Halten mehr. So hat mich eben nie jemand gesehen, wenn ich am Boden war. Nicht aufstehen oder essen konnte, weil ich es mal wieder übertrieben habe.
Das hat mir natürlich geholfen, das Problem lange klein zu reden. Mir selber nicht ganz einzugestehen, dass in unserer Beziehung schon lange der Alkohol die Kontrolle übernommen hatte, und nicht mehr ich.
Statt Schlüsselerlebnis war es wohl mehr so ein konstanter Prozess, an dessen Ende ich dann irgendwann gesehen habe, dass es so nicht weitergehen kann. Mit dazu beigetragen, dass ich es dann wirklich einsehen wollte und konnte, hat wohl mein neuer Freund. Während der Sucht hatte ich eine achtjährige Beziehung, in der ich es aber immer geschafft habe, die Sucht klein zu reden, sodass wir sie beide nicht ernst genommen haben. Mit dem neuen Partner ging das zunächst auch ganz gut. Auch hier bin ich lange wieder durchgekommen mit Kompromisslösungen, Ausreden, Versprechungen. Bis ich dann von ihm das erste Mal in meinem Leben von einem Menschen eine deutliche Ansage bekommen habe. Vielleicht war es genau das, was ich gebraucht habe? Was am Ende den Schalter umgelegt hat? Dass mir jemand einfach mal deutlich gesagt hat, dass ich mir da selber ganz schön was vormache und ich schon lange nix mehr zu sagen habe, sondern der Alkohol entscheidet.
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Wie bist du deine Sucht dann angegangen?
In therapeutischer Behandlung war ich seit 2013, aber auch dort habe ich den Alkohol lange klein gehalten. Das Problem runtergeredet. Dass ich nach jahrelangem konstanten Konsum ohne Probleme aufhören konnte, zu trinken, hat mich nur darin bestätigt, dass ich ja eigentlich kein Problem habe. Dass ich nicht abhängig bin. Auf jeden Fall nicht körperlich, wenn dann nur psychisch.
Der Alkohol hat mir so lange, so gut und so oft geholfen, klar zu kommen. Er war zuverlässig an meiner Seite, ich wusste genau, wie er wirkt und wie ich erreiche, was ich brauche. Das aufzugeben war für mich lange unvorstellbar, hat mir einfach enorme Angst gemacht.
So ist es vielleicht nur logisch, dass ich durch Therapie, Zeit und viel Arbeit erst einen relativ stabilen Zustand erreichen musste, bis die Abstinenz für mich wirklich eine Option war. Ich musste erst lernen, mit all diesen Dingen auf andere Art und Weise klarzukommen, sie aufzuarbeiten, neue Strategien zu entwickeln. Lernen, dass es nicht immer die Lösung sein kann, einfach nur auszublenden, wegzurennen, zu ignorieren. Dass die Dinge davon weder besser werden noch weggehen.
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(Warum) Gab es Rückfälle?
Nun, nach der ersten Diagnose war es ein einziges Machtspiel zwischen mir und dem Alkohol. Wochenlang hatte ich die Überhand, dann für einige Zeit wieder er. Das waren wohl alles Rückfälle, auch wenn ich sie nicht als solche wahrgenommen habe. Solange sich der Schalter in mir noch nicht umgelegt hatte, war der nächste Rückfall quasi nur eine Frage der Zeit. Weil ich noch nicht bereit war, meinem langjährigen, zuverlässigen, hilfreichen Partner den Rücken zu kehren.
Aber genau das stimmt mich zuversichtlich, dass ich heute stark genug bin, nicht wieder in seine Arme zurückzukehren. Auch wenn ich weiß, dass er nie weit weg ist, dass er mich immer wieder sofort aufnehmen würde, mir geben würde, was ich brauche – aber eben zu einem hohen Preis.
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Du bist seit 200 Tagen ohne Alkohol – wie hast du das geschafft?
Es hat sich in mir drin etwas verändert, ein Schalter umgelegt, der meine Sicht auf ein Leben ohne Alkohol dauerhaft verändert hat.
Hattest du einen Entzug? Wie war er?
Auf gewisse Art und Weise war das das Gemeine: Dass ich nie Entzugserscheinungen hatte. Das mein Körper einfach alles und immer mitgemacht hat. Als ich nach sieben Jahren täglichen Konsums von heute auf morgen (für ein paar Tage) nichts getrunken habe, ging das problemlos. Kein Zittern, kein Schwitzen – nichts.
Genau das hat mir und der Sucht aber dabei geholfen, mich weiter im Glauben zu lassen, dass ich ja eigentlich gar kein Problem habe. Für mich war damit klar, dass ich nicht abhängig bin, weil mein Körper den Alkohol nicht braucht. Sondern nur mein Kopf süchtig ist. Und das hat für mich einen großen Unterschied gemacht. Und auch impliziert, dass ich es mit genug Willen schaffen würde, zu einem „normalen“ Konsum zurückzufinden.
Was ist das schwierigste am Alkoholverzicht?
Wenn dann würde ich wohl sagen, dass es auf Partys und Co. in Gegenwart von fremden Menschen schwierig werden kann. Ich bin doch eher schüchtern, einfach so mit neuen Leuten ins Gespräch zu kommen, fällt mir nicht gerade leicht. Da hat der Alkohol natürlich immer wunderbare Dienste getan (wie bei so vielen anderen auch).
Aber darüber hinaus ist es wirklich gar nicht so schwer. Es gibt mittlerweile nicht nur alkholfreien Wein und Sekt, sondern vor allem auch alkoholfreies Bier. Ich weiß, dass andere Betroffene auch darum einen großen Bogen machen. Weil der Geruch, das Geräusch beim Öffnen der Flasche für sie zu triggernd ist. Das ist zum Glück kein Problem für mich und so kann ich ob im Biergarten, auf der Hütte, dem Konzert und immer mehr Orten „mitmachen“. Manchmal vermisse ich den Geschmack einiger besonders leckerer Alkoholika. Aber wenn ich mir dann was gönnen will, dann wird es jetzt eben eine besondere Süßigkeit oder Ähnliches. Es ist ok, dass mein Körper das gerne hätte, heißt aber noch nicht, dass ich ihn nicht auch anders glücklich machen kann.
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Wie reagiert dein soziales Umfeld darauf?
Ich gehe mit dem Thema sehr offen um, ob Sucht, Depression oder Borderline. Das heißt nicht, dass ich jedem gleich auf die Nase binde, dass ich krank bin. Ich muss fast sagen, dass ich zum Glück eine Frau bin, da ist es gesellschaftlich eher akzeptiert, nichts zu trinken als bei Männern. Dazu kommt, dass ich viel Sport mache, Marathon laufe und es für viele dann quasi logisch ist, dass ich nicht trinke.

Generell ist der Umgang mit Alkohol in unserer Gesellschaft insgesamt ganz schön bedenklich.

Manchmal mache ich mir inzwischen auch eine Art Spaß daraus, andere Leute auf ihren Konsum anzusprechen. Nicht falsch verstehen: Ich bin keine Fanatikerin, kein Moralapostel und möchte auch nicht jeden zur Abstinenz führen. Aber den ein oder anderen Mal drauf aufmerksam zu machen, dass er hier und da den Alkohol schon ganz schön instrumentalisiert, sehe ich mit meinen Erfahrungen quasi als Pflicht.
Generell ist der Umgang mit Alkohol in unserer Gesellschaft insgesamt ganz schön bedenklich. Und dass richtig viele Menschen keine gesunde Beziehung zu Mr. A. haben ist euch sicher auch nicht neu. Alkohol ist einfach überall, immer verfügbar, meistens gut gekühlt und in schön bunten Verpackungen, dazu eher günstig und eben gesellschaftlich akzeptiert.
Was rätst du Leuten, die vielleicht merken, sie haben auch ein Problem?
Nun, es kommt auf die Größe des Problems an. Alleine, sich schon mal einzugestehen, dass es da vielleicht ein Problem geben könnte, ist schon der wichtigste Schritt in Richtung Besserung.
Am Ende hilft wohl nur: ehrlich zu sich sein. Vielleicht auch mal Meinungen aus dem Umfeld einholen, wie andere Leute den eigenen Konsum beurteilen würden. Natürlich sind auch Phasen, in denen man nichts trinkt, ein guter Indikator dafür, ob der Alkohol nicht vielleicht ein bisschen zu viel Macht über einen hat. Wenn einen schon allein der Gedanke daran, am nächsten Wochenende/für den nächsten Monat, nichts zu trinken, Angst macht – dann sollte man sich die Sache vielleicht mal näher anschauen.
Aber ich weiß nun mal aus eigener Erfahrung, wie gut wir darin sind, uns selber etwas vorzuspielen. Bei mir war lange auch ein Problem, dass ich es mir selber einfach nicht wert war, damit aufzuhören, mich selber zu zerstören. Es kam mir sogar eher entgegen. Bei mir hat der Umweg über den Körper dann etwas geholfen. Dieses Wunderwerk der Natur, diese tolle Maschine, die uns geschenkt wird, so zu behandeln wie ich es über Jahre getan hab, ist einfach nur scheiße, undankbar und dumm. Wenn ich es mir selber nicht wert war, dann also wenigstens meinem Körper. Vielleicht kann der Gedanke auch dem ein oder anderen helfen. Für mich war es gut und hilfreich, Bücher zu lesen von anderen, die auch ihre Erfahrungen mit Abhängigkeit & Co hatten.
Noch wichtiger, aber auch schwieriger ist vielleicht die Frage, was ich jemandem raten würde, der das Gefühl hat, dass jemand aus seinem Umfeld vielleicht ein Problem hat. Keine leichte Sache. Es braucht den richtigen Moment und man muss trotzdem damit rechnen, erstmal auf Abstreiten, Wut, Ärger und Schlimmeres zu stoßen. Dahinter steckt aber ziemlich sicher einfach nur Angst. Im Zweifelsfalle davon nicht entmutigen lassen, sondern akzeptieren und demjenigen Zeit geben. Und zeigen, dass man weiter da ist, denjenigen nicht fallen lässt und bereit ist, ihm zu helfen.
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Was tust du, wenn du das Gefühl hast, die Sucht meldet sich zurück?
Gerade erst neulich habe ich gemerkt, dass ich einfach immer auf der Hut sein muss. Dass die Sucht sich gerne wieder von hinten anschleicht, wenn eigentlich alles gut geht. Mit Sätzen wie „Jetzt hast du schon ein halbes Jahr nichts mehr getrunken, du siehst also, es funktioniert. Dann geht doch jetzt mal wieder ein Gläschen“. Aber es geht nicht. Wenn ich heute solche Gedanken oder Momente habe, dann nehme ich sie erstens wahr und versuche nicht, sie zu ignorieren oder wegzuwünschen. Ich sehe sie, schaue sie an und sage „Ok, liebe Sucht, ich verstehe dass du gerne mehr Aufmerksamkeit möchtest, aber das funktioniert einfach nicht mit uns, du machst mich kaputt“. Ich beschäftige mich mit ihr und nach kurzer Zeit macht sie sich dann ganz von alleine wieder aus dem Staub. Und zweitens rede ich darüber. Mit meinem Freund oder Freunden. Bin ehrlich zu mir und ihnen, spiele nicht runter, sondern versuche, offen zu sein.
Und langsam werde ich auch besser darin, meine eigene Leistung zu honorieren. Es nicht kleinzureden oder als selbstverständlich abzutun, dass ich nicht mehr trinke. Sondern dass ich mir ruhig ab und zu auf die Schulter klopfen kann. Das ist wohl auch ein fieser Trick der Sucht. Wenn ich bei anderen Menschen lese, dass sie seit zwei Monaten, einem Jahr oder 13 Jahren sober sind, dann hab ich großen Respekt und finde das einfach nur toll! Bei mir hingegen tendiert es eher in die Richtung „Wow. Du hast sechs Monate nicht getrunken. Und was soll daran nun toll sein?“. Das ändert sich langsam.
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Du nimmst das Wort „Alkoholiker*in“ gar nicht in den Mund…
Ich benutze weder das Wort „Alkoholiker*in noch das Wort trocken. Taugen mir beide einfach nicht. Ja, ich war abhängig vom Alkohol, aber Raucher nennen wir auch nicht Nikotiniker, Kiffer nicht Cannabiker. Der Ausdruck ist in meinen Augen fachlich nicht korrekt und wird von den meisten Leuten mit vielem assoziiert, womit ich nichts zu tun habe. Ich entspreche nun mal nicht dem Bild, was viele Menschen von „Alkoholikern“ haben. Aber genau das ist auch ein Grund, warum ich nicht nur mit meinen anderen psychischen Erkrankungen, sondern mittlerweile auch damit offen umgehe. Es muss einfach mal jemand anfangen. Jeder dritte Deutsche ist mindestens einmal in seinem Leben von einer psychischen Krankheit betroffen. Zähle die Angehörigen dazu und du kannst dir ausrechnen, wie groß deinen Chancen sind, um das Thema „psychische Probleme“ herumzukommen.

Eine Sucht ist keine Schwäche, kein Versagen, sondern eine Krankheit.

Eine Sucht ist keine Schwäche, kein Versagen, sondern eine Krankheit. Niemand sucht sich aus, süchtig zu werden. Man entscheidet sich nicht dafür. Sondern es erwischt einen, wie die Grippe oder Krebs. Der schlechte Ruf sorgt weiter dafür, dass Betroffene sich nicht trauen, sich Hilfe zu holen, zuzugeben, dass das etwas außer Kontrolle geraten ist. Nicht jeder, der ein Problem mit Alkohol hat, ist obdachlos oder lebt in einer Sozialwohnung. Der weit größere Teil führt ein „normales“ Leben, geht jeden Tag in seine Praxis, hat Familie, einen Job, gute Körperhygiene und einfach nur das Pech, dass seine Gene ihn anfällig dafür zu machen, sich selber zu zerstören.
Auch das Wort trocken ruft bei den meisten Menschen negative Assoziationen hervor. Und was soll das heißen, ich bin trocken? Sind also alle normalen nass? Leuchtet mir nicht ein. Da schaue ich neidisch zu den angloamerikanischen Sprachen, die mit „sober“ ein Wort haben, was den Kern der Sache besser trifft. Denn es bedeutet neben abstinent quasi „klar sein, besonnen“ und wird eher mit einer Rockstarigkeit denn mit Abgeranztheit in Verbindung gebracht.
Und ja, das sind nur Worte. Aber Worte beeinflussen, wie wir über etwas denken. Und hier Muster aufzubrechen, ist der Anfang dazu, dass wir gegenüber nicht nur Menschen mit Suchtproblemen, sondern generell mit Problemen respektvoller und weniger abwertend umgehen. Denn ich weiß: Es kann jeden treffen. Das ist keine Drohung, sondern leider eher ein Versprechen. Und genau deswegen für mich Grund genug, offener zu reden, Stereotypen aufzubrechen und zu sehen, dass psychische Krankheiten raus aus der Stigma-Ecke und rauf auf den Tisch gehören. Und damit fange ich an.
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Disclaimer: In diesem Text schreibt Dominique von ihren Erfahrungen. „Ich bin nur ein Fall, habe meine Geschichte. Die anderer Betroffener kann sich von meiner in quasi allen Punkten unterscheiden. Deswegen erhebe ich mit diesem Artikel nicht den Anspruch darauf, für alle Abhängigen zu sprechen, sondern möchte an meinem Beispiel zeigen, wie so eine Sucht von innen aussieht.“

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