Es gibt kaum Stiefel für Plus-Size-Frauen. Woran das liegt & warum es trotzdem falsch ist

Foto: bereitgestellt von Universal Standard
Obwohl die deutsche Durchschnittsfrau Kleidergröße 42/44 trägt, kann es schon ab Größe 40 aufwärts schwierig sein, dieselbe Auswahl zu finden wie bei allem darunter. Das liegt nicht nur daran, dass wenige Brands explizite Plus-Size-Kollektionen anbieten, sondern auch, weil die, die es doch tun, uns dabei meist vor eine ziemlich binäre Wahl stellen: Möchtest du lieber in einem hautengen Kleid deine „Kurven betonen“ oder von einem Oversize-Sweater verschluckt werden
Vielleicht möchtest du jetzt laut „Einspruch!“ rufen und daran erinnern, dass „Große Größen“ längst bei Marken wie H&M, ASOS und Co. angekommen sind, die eben doch eine größere Vielfalt an Trends bieten. Und da hast du natürlich Recht; doch sind das eben Fast-Fashion-Brands, die als solche häufig Abstriche bei Qualität und Passform machen (müssen). Wessen Körper da nicht dem Standard einer Konfektionsgröße 36 entspricht, wird Schwierigkeiten haben, auf Anhieb hochwertige und gut sitzende Kleidungsstücke zu finden – und das gilt übrigens auch, wenn nicht sogar besonders, für Schuhe.
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Nehmen wir als Beispiel: Stiefel. Selbst Brands, die in ihren Kollektionen gezielt Begriffe wie „Große Größen“ oder „Curve“ verwenden, führen wenn überhaupt nur selten Stiefel (oder prinzipiell Schuhe), die explizit für Plus-Size-Körper entworfen wurden: ASOS hat derzeit unter seiner Kategorie „Curve & große Größen für Damen“ genau sechs Schuhe im Angebot, und H&M bietet unter „Große Größen“ tatsächlich kein einziges Paar Schuhe an. Und wer schon einmal den Spaß hatte, kniehohe oder sogar Overknee-Stiefel anzuprobieren, weiß: das ist selbst unterhalb von Plus-Size-Größen eine echte Herausforderung.
Für die Plus-Size-Community ist das natürlich nichts Neues. Man braucht sich nur mal durch Twitter zu scrollen, um rege Diskussionen dazu zu lesen: „Können Plus-Size-Firmen mit ihren Stiefeln dieses Jahr mal etwas kreativer sein? Wie wär’s mit Thigh Highs? Nicht nur bis knapp übers Knie, sondern echte Thigh-High-Boots?“, fragte EMM Fashion, eine Styleberaterin. „Und können wir vielleicht auch verschiedene Styles, Farben und Prints haben? Unterschiedliche Absätze? Und dickes Futter? Danke!“ @Oveeoexxo twitterte: „Warum ist es so schwer, Stiefel für Plus-Size-Frauen zu finden, die übers Knie gehen? Ich bin so frustriert!“ Und auch Tamara suchte auf Twitter nach Rat: „Wo bekomme ich Ankle Boots, die Plus-Size-Beinen passen? Ich kann nicht behaupten, dass mich das überrascht, aber die Suche gestaltet sich ziemlich schwierig.“ Und obwohl Kund:innen ihre Nachfrage offen kundtun und Plus-Size-Stiefel-Kollektionen oft sofort ausverkauft sind, kann das Angebot da einfach nicht mithalten. Aber warum eigentlich?
Darauf haben Designer:innen, die schon hochwertige und passende Stiefel für Frauen mit kräftigeren Waden und Schenkeln hergestellt haben, eine simple Antwort: Sie sind einfach schwieriger herzustellen – weswegen sich nur wenige Labels darum bemühen. Alexandra Waldman, Mitbegründerin der inklusiven Modemarke Universal Standard, bringt es gegenüber Refinery29 auf den Punkt: Einen Stiefel zu entwerfen, der gleichzeitig elegant aussieht und einer Plus-Size-Wade passt, ist „sehr schwer“. 
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„Dabei gibt es vieles zu beachten – zum Beispiel, wie der Stiefel innen gebaut ist, wie er aussieht, wie er hergestellt werden muss, wie sehr sich das Körpergewicht bei jedem Schritt auf ihn auswirkt, wie stabil der Absatz ist, und natürlich, wie weit er geschnitten ist“, erklärt sie. „Und dann müssen wir auch noch sicherstellen, dass wir all das in einem Design vereinen – weil wir ja einen Schuh entwerfen wollen, der allen passt, anstelle verschiedener Schuhe in verschiedenen Kategorien. Es ist ein komplizierter Prozess, für den wir mehr als ein Jahr gebraucht haben.“
Wie Waldman erzählt, vereint Universal Standard „normale“ mit Übergrößen, anstatt sie voneinander zu trennen (wie es der Großteil der Branche tut). Damit die Brand also Stiefel entwerfen konnte, musste sie einen Style finden, der einer Schuhgröße 37 genauso gut passt wie einer 44. (Und auch darin ist das Label einzigartig: Die meisten Marken bieten Frauenschuhe nur bis zur Größe 42 an.) Und dennoch: Trotz der langen und ehrgeizigen Bemühungen und schafften es Waldman und ihr Team 2019, zwei Stiefel für alle Größen auf den Markt zu bringen – einen Ankle Boot und einen kniehohen Stiefel. „Das Feedback der Kund:innen war stark; die Stiefel sind komplett ausverkauft“, meint Waldman. (Und trotzdem bietet die Marke ein Jahr später noch keine neuen Stiefel an.)
„Wir bekommen jeden Tag Emails, DMs und Kommentare“, erzählt auch Nick Kaplan, Präsident der Plus-Size-Brand Fashion To Figure. „Das hat uns dabei geholfen, unsere Langzeitstrategie zugunsten unseres breiteren Schuh-Angebots anzupassen.“ Durch die Pandemie musste Kaplan allerdings seine anfänglichen Wünsche ein bisschen zurückschrauben. „Diesen Herbst können wir durch den Einfluss von COVID-19 auf unsere Einkäufe nur vier Stiefelmodelle anbieten“, sagt er. Dafür arbeitete FTF für eine Plus-Size-Stiefel-Kollektion wieder mit der Fashion-Bloggerin Nadia Aboulhosn zusammen.
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Foto: bereitgestellt von Fashion To Figure
Nadia x FTF Collection.
Dieses Teamwork gab’s schon im September 2019 – für eine 18-teilige Kollektion aus Thigh Highs, Ankle Boots, High Heels und Accessoires. Damals postete Aboulhosn ein Video von sich in den speziell designten, spitz zulaufenden Wildleder-Thigh-Highs auf Instagram. „Wir haben so hart an dieser Kollektion gearbeitet (ich fang gerade schon beim Tippen an, an den Händen und unter den Brüsten zu schwitzen!)“, schrieb sie dazu. Die neue, zweite Kollektion ist zwar kleiner als die erste, bietet aber eine größere Auswahl an hohen Stiefeln – mit Schlangenhaut- und Leopardenprint-Boots, aber auch klassischen braunen Leder-Looks. 
„Ich fand Thigh Highs immer schon schön – es war aber gleichzeitig auch immer schwer, Stiefel zu finden, bei denen ich mir nie sicher sein konnte, ob sie mir überhaupt passen würden“, erzählt Aboulhosn Refinery29. „Dann musste ich damit zum Schuster und hinten mehr Stoff hinzufügen lassen, damit ich sie über meine Schenkel ziehen konnte. Ansonsten musste ich eben sehr viele bestellen und wieder zurückschicken, bis ich einen fand, der mir passte.“ Ihr – wie auch vielen anderen – wurde das irgendwann zu anstrengend. „FTF und ich wussten: Da gibt es eine Marktlücke in der Modebranche. Die wollten wir füllen“, sagt sie. Um sicherzustellen, dass der zweite „FTF x Nadia“-Drop Plus-Size-Frauen genauso gut passte wie der erste, arbeitete Aboulhosn direkt mit den Designer:innen des Labels zusammen, um die „perfekte Plus-Size-Silhouette für Thigh-High-Stiefel zu entwerfen. Dafür haben wir edle Farben, Prints und Stoffe mit einstellbaren Schnüren und der perfekten Absatzhöhe kombiniert“, erzählt sie. „Die Stiefel sind also gleichzeitig sexy und alltagstauglich“ – zwei Eigenschaften, die in der Plus-Size-Industrie selten Hand in Hand gehen.
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Laut Aboulhosn ist Schuhshopping als Plus-Size-Frau nämlich vor allem aus einem Grund so frustrierend: Es ist so ungerecht. „Ich bin erst glücklich, wenn es mal genauso viele Plus-Size-Optionen gibt wie für kleinere Größen“, meint sie. „[Die Schuhbranche] sollte jedem und jeder eine große Auswahl ermöglichen – vor allem, was Stiefel angeht.“ 
Warum ist das nicht schon längst passiert? Aboulhosn weiß es auch nicht. Wenn wir den Expert:innen glauben, ist die Herstellung von Plus-Size-Schuhen einfach komplizierter. Da die durchschnittliche Frau auch hierzulande aber eben nicht Kleidergröße 34/36 trägt, sollte es uns die Mühe dann nicht wert sein
„Plus-Size-Frauen geben ja auch für Mode ihr Geld aus, und wünschen sich eben auch eine Auswahl“, findet Aboulhosn. „Ich bin jeder Marke dankbar, die sich die Mühe macht, die richtige Größe und Passform zu finden. Klar verstehe ich, dass das Zeit braucht und vor allem für kleine Brands deswegen vielleicht nicht machbar ist. Aber größeren Labels sage ich: Entweder ist es euch egal – oder ihr kapiert es einfach wirklich nicht.“

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