Martin Schulz zeigt, dass er als erster Kanzlerkandidat Social Media verstanden hat

Ein Plakat sagte bei Martin Schulz erster Rede als Kanzlerkandidat im Willy-Brandt-Haus mehr als tausend Worte. Auf dem Schild war er im Stil von Barack Obamas Hope-Kampagne abgebildet, unter seinem Porträt prangten vier Buchstaben – MEGA.

In diesem Ton geht es weiter: Der Kanzlerkandidat der SPD ist nicht nur bei Twitter aktiv, sondern beweist jetzt auch auf YouTube, dass er sich bestens mit Reddit auskennt. Die selbst proklamierte „Frontpage Of The Internet“ kann als Forum beschrieben werden, in dem die User durch das positive oder negative Bewerten von Inhalten entscheiden, welche Beiträge Relevanz haben und so ganz oben angezeigt werden. Subreddits, die sogenannten Unterforen, gibt es für jede erdenkliche Kategorie – von /r/worldnews bis /r/catsstandingup.

Das Subreddit /r/the_schulz ist allerdings mehr als eine Interessensgemeinschaft SPD-affiner Großstädter mit Breitbandanschluss. MEGA steht für Make Europe Great Again und erinnert nicht zufällig an Donald Trumps einschlägigen Slogan aus dem US-Wahlkampf. Auch Begriffe wie „Gottkanzler“, aus denen mittlerweile eigene Facebook-Seiten wurden, sind an der Tagesordnung.

Überspitzung ist hier nicht nur pure Absicht, sondern die Grundlage: Spiegel Online berichtet, dass sich das auf Schulz fokussierte Unterforum laut der Macher als satirische Anspielung auf /r/the_donald, das Subreddit über den amtierenden US-Präsidenten, versteht. Das Trump-Unterforum gilt als Paradebeispiel dafür, wie schnell sich der Ton im Kontext nutzergenerierter Inhalte verändern kann. Aus Satire wurden mehr als nur ernstgemeinte Postings, die vor allem diskriminierende Inhalte und Hass verbreiten.

Diese Entwicklung zeigt, dass Memes längst mehr sind als nur Zeitvertreib, sondern viel mehr ein Werkzeug. Wenn das jemand verstanden hat, dann Martin Schulz und sein Team. Er richtet sich in einem neuen YouTube-Video in betont beiläufiger Vlog-Kulisse ganz ernsthaft an die /r/the_schulz-Nutzerinnen und Nutzer und bedankt sich für die Unterstützung.
Das ist nicht nur ein Scherz am Rande, sondern clever: Warum nicht direkt an Orten investieren, an denen sich die jungen Wähler aufhalten, statt darauf zu warten, sie an den analogen Wahlkampfstand in der Fußgängerzone zu locken?
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