Ich bin 36 Jahre alt & seit 10 Jahren single. Ja, es geht mir gut!

Ich heiße Shani, bin Autorin und lebe in Brooklyn in einem kleinen, aber feinen Apartment. Ich liebe Stand-up-Comedy, Reisen und werde es nie aufgeben, Französisch zu lernen. Ich bin 36 Jahre alt und seit 10 Jahren single. Womit wir auch schon beim Thema wären, denn diesen Artikel schreibe ich, um deine und meine Reaktion auf genau diesen einen Satz zu verändern.
Ich bin eine heterosexuelle Frau, die in einer Gesellschaft lebt, bei der sich immer noch alles um ein und dasselbe altmodische Konzept dreht. Seit jeher wurde mir diese Idee eingetrichtert – diese einfache, aber extrem mächtige Idee, um die manche Frauen ihr komplettes Leben stricken. Das Problem ist nur: Sie ist eine Lüge.
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Du bist single? Wieso? Du bist so hübsch!

Single zu sein ist schlecht, vergeben zu sein ist gut. Du bist Single? Wieso? Du bist so hübsch! Finde ihn (oder sie)! Dann fühlst du dich endlich komplett und kannst anfangen zu leben. Wenn du Single bist, bist du unvollendet. Wie eine Terrasse aus unbehandeltem Holz, die den Elementen schutzlos ausgesetzt ist und jeden Tag grauer wird und an Wert verliert. Alleinsein ist traurig. Alleinsein ist falsch. Willst du traurig und falsch sein?
Und das sind noch die netten Kommentare, die ledige Frauen zu hören bekommen. Ein sanfter Fingerzeig, sozusagen. Sobald du 30 wirst, geht’s dann erst richtig los. Dann wird aus dem vorsichtigen Anstupser ein kräftiger Schlag mitten ins Gesicht. Das Single-Dasein wird zum Roten Faden im Leben – nicht nur bei großen Events, sondern auch im ganz normalen Alltagswahnsinn wirst du jeden Tag daran erinnert, dass du komplett versagt hast. Schluss mit dem Bullshit!
Genau deswegen schreibe ich diesen Artikel: Um mir und allen, die im selben Boot sitzen wie ich, zu zeigen, dass wir vielleicht – halt dich fest – nicht nicht single sein sollten! Vielleicht sollten wir nicht das ganze Leben lang auf der Suche nach einer anderen Person sein – nur, weil wir uns ein „&“ auf dem Briefumschlag wünschen.
Ich gehe jetzt seit zehn Jahren auf Dates, aber Beziehungen haben sich daraus nie entwickelt. Dating war für mich aber auch nie ein großes Ding – meine Karriere dagegen schon. Ich bin Autorin/Content-Strategin/Markenberaterin. Ich denke immer schon einen Schritt weiter, bin ambitioniert und motiviert. Oder vielleicht einfach nur karrieregeil. In jedem Fall ist mein professioneller Tatendrang einer der Charakterzüge, den ich am meisten an mir mag. Woher das kommt? Vielleicht von meiner Mutter. Sie zog mich ganz alleine groß und verbot mir, auf Dates zu gehen. „Erst, wenn du Karriere machst, darfst du dich mit Männern treffen“. Sie hat es natürlich nur gut mit mir gemeint.
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Ich hasse es nicht, single zu sein. Früher sah das allerdings anders aus. Ich zweifelte an mir selbst und an meinem Wert, denn alle um mich herum schienen „Erfolg“ beim Daten zu haben – nur ich nicht. Etwa fünf Jahre und gefühlte 100 Dates später dachte ich irgendwann: What the fuck? Warum tue ich mir das an? Warum versuche ich krampfhaft, einen Partner zu finden?
An sich habe ich ganz gern Menschen um mich herum, aber ich muss mich auch nicht ständig inmitten einer Menschentraube aufhalten. Und nur, falls du das jetzt denkst: Ich vegetiere auch nicht allein in einer einsamen Hütte im tiefsten Wald vor mir her, keine Angst. Trotzdem ist da diese Stimme, die sagt, ich müsse das fehlende Puzzleteil zu meinem Glück finden. Die kommt allerdings nicht aus meinem Kopf, sondern von außen.
Sorry, ich springe vom einen Gedanken zum Nächsten und wahrscheinlich klingt das auch alles etwas wirr. Aber wenn du eine Frau über 30 bist, weißt du, wovon ich rede. Davon, absolut gar keinen Bock mehr auf Blinddates zu haben und dann trotzdem hinzugehen, weil eine Stimme sagt: „Man weiß ja nie…“. Davon, nie das Haus verlassen zu können, ohne zu überlegen, ob man auch begehrenswert aussieht, weil „Man weiß ja nie…“. Davon, sich gezwungen zu fühlen, überall hinzugehen und jeden zu treffen, weil „Man weiß ja nie…“.
Als ob diese Überlegungen nicht schon genug wären, kommen obendrauf noch nette kleine Alltagssituationen, die das Leben vieler Singles nicht gerade leichter machen. Oder hast du schon mal alleine eine Klimaanlage vier Stockwerke nach oben getragen? Ich ja. Hast du dich schon mal ausgeschlossen gefühlt, weil deine Freunde Zeit miteinander verbringen, dich aber nicht eingeladen haben, weil du im Vergleich zu ihnen weder Partner*in noch Kinder hast (Danke fürs unter die Nase reiben, Insta-Story)? Ich ja. Warst du schon mal mit deinen Verwandten, Freund*innen oder Kolleg*innen Abend essen und die allererste Frage, die dir gestellt wurde war: „Na, wie läuft’s in der Liebe?“ Ich ja. Aber weißt du, wer mich nie nach meinem Liebesleben fragt? Frauen, die single sind.
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Das Schlimmste am Single-Dasein? Auf Dates zu gehen. Ich habe kein Problem damit, allein zu sein – außer, wenn ich versuche, daran etwas zu ändern. Sobald ich meinen kleinen Zeh in den Datingpool tauche, werde ich direkt wieder reingerissen. Und zack! trinke ich Kaffee mit einem Tinder-Typen, obwohl ich schon beim Schreiben gemerkt habe, dass es einfach nicht passt. Zum Date bin ich aber natürlich trotzdem gegangen, weil „Man weiß ja nie…“.

Ja, es ist möglich, das Single-Dasein wirklich zu genießen.

Jetzt fragst du dich bestimmt, was ich dann so toll am Single-Leben finde. Ganz einfach: das Leben. Toll ist das, was dich glücklich macht. Das, was deinem Leben einen Sinn gibt. Du wirst mich niemals davon überzeugen können, dass das Leben verheirateter Menschen sinnvoller ist als meins. Ja, es ist möglich, das Single-Dasein wirklich zu genießen. Unbeschwerlich war der Weg, der mich zu dieser Erkenntnis gebracht hat, nicht gerade. Ich bin immer noch unterwegs, verlaufe mich oder stolpre zwischendurch über Steine. Aber wenn ich mir mein Leben so anschaue, eine Liste mit allen positiven Dingen mache und mir dann die negativen anschaue – ja, die existieren natürlich auch – merke ich: Eigentlich ist alles okay so wie es ist.
Illustrated by Abbie Winters 
Ich treffe alle Entscheidungen ohne jemanden vorher zu konsultieren. Ich spare und gebe mein Geld aus, wofür ich will. Ich schaue mir Mondsüchtig mindestens fünf Mal pro Jahr an. Ich fliege jeden Frühling nach Paris. Ich schlafe wie ein Seestern – und niemand klaut mir mitten in der Nacht die Decke. Das Single-Dasein bringt eine Form der Freiheit mit sich, die wir nicht genießen können, weil wir es uns selbst verbieten. Wir werden dazu erzogen, Freiheit als Gefühl der Leere zu interpretieren. Aber ich fühle mich nicht leer. Und du solltest das auch nicht. Eines Tages werde ich Teil eines Pärchens sein. Ich denke, es ist möglich, sich darauf zu freuen – ohne dabei alle guten Dinge, die ich in meinem Leben habe, zu vergessen. Beziehungen können wundervoll sein, doch sie wurden viel zu lange als das Nonplusultra gesehen.
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Ich habe so viel Zeit und Energie für etwas geopfert, das eigentlich nie mein Problem war. Doch anstatt das zu einem weiteren Punkt auf meiner „Dinge, die mich aufregen“-Liste zu machen (niemanden zu haben, der den Reißverschluss am Rücken zumacht ist schlimm genug), versuche ich, es dabei zu lassen. Die traurigen Blicke meiner Freund*innen, die besorgten Worte meiner Mutter, die übertriebene Freude, die frisch Verlobten entgegengebracht wird (obwohl die Scheidungsquote in den letzten zehn Jahren bei 37,67 bis 49,66 Prozent lag): Das alles, versuche ich zu ignorieren, um meine Zeit als Single genießen zu können. Und die Gesellschaft, die mir weismachen will, ich müsse in einer Beziehung sein, hat einen Stock im Arsch.

Es wird immer wieder Tage geben, an denen mir Menschen einbläuen wollen, ich läge falsch und ich bräuchte dringend einen Partner.

Ich werde mich immer wieder irgendwelchem Mist stellen müssen. Es wird immer wieder Tage geben, an denen mir Menschen einbläuen wollen, ich läge falsch und ich bräuchte dringend einen Partner. Es geht mir nicht darum, diese Personen aus meinem Leben auszuschließen, sondern meine Reaktion auf ihre Kommentare zu ändern. Vielleicht kann ich die positiven Seiten des Single-Lebens hervorheben und mich weniger allein fühlen, wenn ich über die negativen rede, indem ich mich vom Druck der Gesellschaft, von den unsichtbaren, fehlenden Puzzleteilen und ausgedachten Definitionen eines wertvollen Lebens löse. Vielleicht trägt das dann auch zu einem Perspektivwechsel und einer positiveren Einstellung zu meinem Lebensstil bei. Wenn du single bist, hoffe ich, du schließt dich mir an. Dann zieht die Gesellschaft vielleicht irgendwann nach. Man weiß ja nie…

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