Scheiß drauf – wie mich 2020 gelehrt hat, dass manchmal kein Plan der beste Plan ist

Ich sage, wie es ist: 2020 sollte mein Jahr werden. Nicht auf diese „An Silvester sagen, dass alles jetzt viel besser wird, Prösterchen, schenk mir nach mein Freund“ Art – sondern auf die „Ich kaufe mir einen Planer und setze mir Monatsziele und ein Jahresziel, und weil ich endlich so mega erwachsen bin, nicht so wie sonst, klappt das auch, ja ja ganz sicher, gleich mal Mama und Papa anrufen und sagen, dass ich endlich richtig berühmt werde, ja, der Bestseller ist von mir!“ Art. Zur Sicherheit habe ich gleich allen davon erzählt, damit ich mich auch wirklich dran halte, an die super Pläne, so, als ob irgend einer meiner Freunde  ab Mitte Mai mal nachfragt, ob ich jetzt auch wirklich so hart an meiner Karriere arbeite und wie es so aussieht mit der Sache mit dem Finanzamt. Sagen wir so: Selbst wenn es so jemanden gäbe, hätte er im Mai sehr sicher nicht nachgefragt. Höchstens, wie man eben einen Witz erzählt: „Und, haste auch schon so richtig viel aus dem Jahr herausgeholt lol?“
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Wie bei den meisten Menschen ist alles absolut anders gelaufen, als ich gedacht hatte. Ich musste, wie alle anderen auch, wirklich sehr viel warten. Monatelang keine Dates, kein Ausgehen, kein Frühling. Aber zum Glück gibt es ja die Vorfreude. Und die hat geholfen. Die hat das Warten zu etwas gemacht, das einen Sinn hat. Und sie hat dafür gesorgt, dass ich eine andere Art von Beziehung gepflegt habe: Die mit meinen Freunden. 
Und jetzt ist plötzlich Sommer. Huch. Wie ist das denn passiert? Aber ja, er ist da. Ich spüre ihn in meiner aufgeheizten Wohnung, am Bordsteinkantenbier, ich spüre ihn so sehr wie noch keinen davor. Und ich bin aufgeregt. Sowas von aufgeregt. Denn die letzten Monate waren nicht, wie in anderen Jahren, ein langsames Anschleichen, ein Vorbereiten auf die Hitze und das Flirren. Sie waren irgendwie weg, sind leider verschwunden, Frühling 2020 ist ausgefallen. Und umso mehr knallt jetzt alles rein, was schön und leicht und einfach ist.
Ich stehe jeden Tag auf dem Büro-Balkon und starre auf die Straße unter mir. Die füllt sich seit Wochen immer mehr. Erst kamen ein paar zaghafte Außenbars, nun sind alle Restaurants und Kneipen wieder geöffnet. Die Straßen sind wieder voll, nicht alles ganz normal, aber zumindest genug, um wieder atmen zu können und zu wissen: Jetzt geht´s endlich los. Und irgendwann, vor ein paar Wochen, war da plötzlich auch dieses Gefühl. Dieses „scheiß drauf“ Gefühl.
Kein schlechtes, nein, ganz im Gegenteil. Eines der Vorfreude, eine kleine Vorahnung, eine, die sagt: Scheiß drauf, Kathrin. Scheiß auf alles, was war. Scheiß drauf, ob der Frühling weg war, umso doller genießt du jetzt alles andere. Scheiß auf die Angst, scheiß auf die Unsicherheit, scheiß auf alles. Denn alles, was wichtig ist, ist genau jetzt gerade.
Aus diesem Jahr kann man nämlich eine Menge lernen. Darüber zum Beispiel, was für ein Geschenk der Sommer ist, wenn man sehr lange auf ihn gewartet hat.
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Darüber, dass ich noch so viel Zeit habe. Für alles. Für Lesetouren, für eine Beziehung, für das ganze wilde Leben. Es geht nicht darum, nichts zu erwarten. Um Himmels Willen, ich will ALLES von diesem Sommer.
Und ich weiß: er wird es mir geben. 2020 wird nämlich noch großartig werden. So etwas ist nämlich nicht bloß Zufall und Glück, sondern auch eine Entscheidung. Ich will Tinder-Dates und tanzen im Park, ich will Fahrradfahren und in den arschkalten See springen. Ich nehme alles mit oder vielleicht auch nur das, was ich will und nicht nur das, was gerade so vorbeikommt. Trotzdem ohne Pläne, ohne Korsett.
Es geht nämlich so viel mehr darum auch glücklich sein zu können, wenn alles dann ganz anders kommt. Auf alles zu scheißen und zu sagen: Mir egal, ich nehme mir alles aus diesem Jahr raus, was geht. Ich wringe es aus, ich hol noch den letzten Tropfen raus. Pommes im Freibad, Tinder-Dates am Kanal, knutschen vorm Eisladen, im Herbst drei Stunden spazieren gehen, im Winter ... na ja, irgendwas. Eigentlich egal. Es wird schon alles gut. Und wenn nicht: Dann eben scheiß drauf. Dann machen wir es eben besser.
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