Sängerin Anne-Marie: „Liebe alleine wäre mir zu eindimensional“

Schon im Teenageralter erkämpfte sich Anne-Marie Nicholson als mehrfache Karate-Jugendmeisterin unzählige Pokale – demnächst kann sich die 25-jährige Britin nun auch ihre erste goldene Schallplatte als Sängerin in die Vitrine stellen: Nachdem sie kürzlich noch am Mikro des Londoner Electro-Kollektivs Rudimental zu hören war, knackt Anne-Marie dieser Tage mit ihrer ersten Solosingle „Alarm“ alle Rekorde!

Du bist 25 und bereits ein alter Showbiz-Hase: Im Alter von sechs Jahren hast du im Londoner West End in großen Musicals mitgewirkt!
Mein größtes Vorbild war schon immer meine ältere Schwester. Als sie eine Schule für darstellende Künste besuchte, wollte ich es ihr sofort gleichtun und nervte meine Eltern so lange, bis sie mich in einer Tanzschule anmeldeten. Kurze Zeit später folgte auch schon mein erster Musical-Auftritt.

Du hast damals schon in einem Musical zusammen mit deiner berühmten Pop-Kollegin Jessie J gespielt?
Ich muss so zehn Jahre alt gewesen sein. Wir waren ungefähr zehn Kinder in unserem Ensemble; Jessie und ich wurden schon bald beste Freundinnen. Nachdem sie sich einen Namen als Soloact gemacht hatte, konnte sie mir einige gute Tipps für meine eigene Karriere geben: Nämlich manchmal ruhig egoistisch zu sein. Wenn man ständig von Auftritt zu Auftritt hetzt, vergisst man oft, an sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse zu denken. Sie hat mir den Rat gegeben, sich im Flugzeug immer den Fensterplatz zu schnappen, weil man dort am besten schlafen kann...

Später sind Rudimental auf dich aufmerksam geworden, auf deren aktuellem Album „We The Generation“ du momentan ebenfalls zu hören bist.
Während meiner College-Zeit habe ich mit einer Songwriterin gearbeitet, von der ich eine Menge lernen konnte. Ich bin damals immer den Jungs von Rudimental über den Weg gelaufen, die bis heute im gleichen Viertel wie ich leben. Als ihre Sängerin ausstieg, fragten sie mich, ob ich nicht Lust hätte, bei ihnen anzufangen und sofort auf Tour zu gehen. Ich habe mich schon immer gerne ausprobiert, also sagte ich spontan zu.

Wie war es, gemeinsam mit ausschließlich Jungs auf Tour zu sein?
Obwohl wir dicke Freunde sind, war diese Tour eine echte Herausforderung. Gerade im Tourbus roch es nicht immer nach Maiglöckchen, weil die Jungs wahnsinnig viel gepupst haben. Nach den Shows gab es immer wilde Partys, auf denen ich mich aber immer zurückhalten musste, um meine Stimme zu schonen. Doch rückblickend war es eine unglaublich tolle Zeit. Insgesamt war ich zwei Jahre mit Rudimental auf Tour, habe während dieser Zeit aber ständig eigene Songs komponiert. Momentan arbeiten wir sogar gemeinsam an ein paar Stücken für mein erstes Album!

Gab es in deiner Jugend weibliche Vorbilder, zu denen du aufgeschaut hast?
Ich bin mit der Plattensammlung meiner Eltern aufgewachsen: Prince, The Who, Paul Weller, aber auch mit vielen Pop- und Reggaebands. Als Künstlerin hatte Alanis Morissette großen Einfluss auf mich. Ihre Art zu schreiben und die Dinge, von denen sie in ihren Songs erzählt, sind absolut einzigartig. Ich mag generell starke Künstlerinnen, die weibliche Fans dazu ermutigen, sie selbst zu sein. So wie auch Lauryn Hill oder Sia auf ihrem Album „Some People Have Real Problems“. Außerdem bewundere ich Alicia Keys für ihre Aussagen, dass sie sich auch ohne Make-Up sehr wohl in der Öffentlichkeit fühlt. Gerade im Showgeschäft ist es sehr schwer, diesem Beauty-Druck zu widerstehen und sich im wahrsten Sinne „völlig ungeschminkt“ zu präsentieren. Frauen wie sie sind großartige Vorbilder, die mich wahnsinnig inspirieren.




Wie definiert sich der Begriff einer starken Frau für dich?
In meinen Augen weiß eine starke Frau am besten, wer sie ist und was sie will. Eine starke Frau setzt ihren Willen durch, ohne sich zu etwas breitschlagen zu lassen, was sie vielleicht nicht will. Sie ist in der Lage, nein zu sagen und das zu tun, was sie möchte. Sich seiner Stärke bewußt zu werden, ist manchmal ein harter Lernprozess. Je älter man wird, desto mehr lernt man, man selbst zu sein. Wenn ich mir mein Haar abschneiden wollte, würde ich es einfach tun. Früher habe ich mich regelmäßig mies gefühlt, wenn den Leuten meine neue Frisur nicht gefiel. Heute ist es mir egal.

Was würdest du als deine größten Stärken ansehen?
Meinen starken Willen. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann ziehe ich es auch durch. Ich höre mir gerne Ratschläge an, doch am Ende weiß ich selbst am besten, wohin mein Weg führt und was am besten für mich ist.

Als Kind warst du mehrfache Karate-Jugendmeisterin. Was haben Karate und Musik gemeinsam?
Schon in der Schule habe ich Sport leidenschaftlich geliebt. Damals hatte ich die Wahl zwischen Geräteturnen oder Karate; ich habe mich dann für Letzteres entschieden. Durch mein Karate-Training habe ich Disziplin und Selbstkontrolle erlernt. Das strategische Denken hilft einem, seine Ziele besser zu definieren und dafür zu kämpfen.

Hast du Karate schon jemals außerhalb des Rings anwenden müssen?
Nein, ganz im Gegenteil! Seitdem ich Karate betreibe, bin ich viel ruhiger und ausgeglichener! Als Teenie war ich sehr leicht reizbar und sehr aufbrausend. Wenn ich heute einen Streit auf der Straße beobachten würde, würde ich eher versuchen, zu schlichten und die Gemüter wieder runter zu kühlen.

Auf deiner aktuellen Single „Alarm“ geht es dagegen ziemlich romantisch zu, obwohl der Grund für den Song eher trauriger Natur ist!
Eines Tages fand ich heraus, dass mein damaliger Freund mich mit einer anderen betrügt. Ich habe natürlich sofort Konsequenzen gezogen und seitdem nicht ein einziges Wort mehr mit ihm gesprochen. In dem Song habe ich meine Gefühle verarbeitet. Das Video wurde in einer Kirche in Mexiko gedreht: Alles erinnert an den Streifen „Romeo + Julia“ von Baz Luhrmann. Auf meinem kommenden Album wird es aber nicht nur um Herzschmerz gehen. Ich will Songs über die verschiedensten Dinge schreiben; Texte über die Liebe alleine wäre mir zu eindimensional.

Anne-Maries noch unbetiteltes Debütalbum erscheint im kommenden Jahr. Neben ihrer aktuellen Single „Alarm“ ist sie gemeinsam mit dem jamaikanischen Dancehall-König Sean Paul auf Clean Bandits neuem Top1-Track „Rockaby“ zu hören.












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