Islamic Grrrls & oOoOO: Das musikalische Duo, das einen feministischen Klassiker als Albuminspiration wählte

Photo by Eloise Knights for Indie Magazine
Im Rahmen des Pop-Kultur Festivals finden sich ab heute zahlreiche Künstler*innen zum vierten Mal in der Hauptstadt ein, denen man in der Regel nicht auf jeder zweiten Open-Air-Veranstaltung über den Weg läuft. Das beweist auch der Zusammenschluss von Islamiq Grrrls & oOoOO. Dass das Duo fernab der sich aktuell auf jedem Radiosender wiederholenden Popklängen des Mainstreams agiert und aus autonomen Artists besteht, erkennt man bereits an seinem Namen. Zusammen treten sie mit ihrem gemeinsamen Projekt am ersten Tag des Festivals auf. Doch wir wollten vorab wissen, was den Vorreiter des Witch-House und die Wahl-Berlinerin mit bosnischen Wurzeln zu ihrem gemeinsamen Album „Faminine Mystique“ inspiriert hat. Fakt ist, dass die Symbiose funktioniert – menschlich wie musikalisch. Beide scheinen in der Realität, wie sie für die meisten Menschen existiert, verloren. In ihrer eigenen sind sie jedoch umso sicherer und mit ihrer Musik genau am richtigen Ort. Ihre Meinungen sind – wenn auch äußerst unterschiedlich von einander – genauso klar und deutlich wie die metallischen Klänge ihrer Songs. Wir führten ein verträumtes und doch deutliches Interview.
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Refinery29: Wie seid ihr auf eure Künstler*innennamen oder eher auf eine Schreibweise wie oOoOO gekommen?
oOoOO: Irgendwie muss man sich nennen, wenn man Musik herausbringt, aber reguläre Namen mochte ich nicht. Also habe ich mich für Kreise entschieden, weil sie für gar nichts stehen. Ich bin generell ein Verfechter davon, Musik mit Worten zu erklären und denke nicht in Genres. Dass gerade meine Musik so schnell als ein eigenes betitelt wurde, sehe ich als Ironie des Lebens.
Islamiq Grrrls: Für mich als Bosnierin war der kulturelle Unterschied zu Deutschen immer sehr schwierig, dieses Gefühl wurde oft von Scham begleitet. Aus diesem Grund habe ich mich bewusst „Islamiq Grrrls“ genannt um auf meine Herkunft Bezug zu nehmen und auf meine Art Frieden mit mir selbst zu schließen und junge, kreative sowie positive Assoziationen mit dem Namen in Verbindung zu bringen.
Ihr kennt euch schon länger über gemeinsame Freund*innen in Berlin. Wieso habt ihr euch zusammengeschlossen und was hat die Zusammenarbeit für euch zu etwas Besonderem gemacht?
Islamiq Grrrls: Mit oOoOO ist die Welt ein besserer Ort für mich. Alles andere ergibt sich dadurch.
Wie habt ihr zur Musik gefunden & was bedeutet sie für euch?
Islamiq Grrrls: Wo ich herkomme ist Kunst eine Utopie, die man „der anderen Gesellschaft” überlässt. Meine Familie hat die Musik und den Tanz im Blut, jedoch wurde so etwas auch nur zu feierlichen Anlässen gezeigt. Für mich war Musik jedoch eine Möglichkeit, um der Realität zu entkommen, ein Zufluchtsort, der mir Geborgenheit und Hoffnung schenkte. Lange habe ich auf diese Stimme nicht hören wollen, nahm mich hier und da mal beim Singen auf, trommelte als Kind besessen auf Schlagzeugen herum, kannte alle Harmonien zu Liedern, die ich mochte. Privaten Musikunterricht konnte sich meine Familie nicht leisten, also blieb es beim Träumen.
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Jahrzehnte später setzte ich mich hin und fing an mich beim Singen aufzunehmen. Ich habe mir Logic 9 geholt und es war, als ob sich mir eine Parallelwelt öffnete. Instrumente, Schlagzeuge, Effekte lagen direkt an meiner Fingerspitze. 14 Stunden später hatte ich „You don’t love me“ geschrieben.
„Faminine Mystique“ hat eine klar feministische Message und ist an Betty Friedans Werk „Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefriedigung der Frau“ angelehnt. Was bedeutet Feminismus für euch persönlich?
Islamiq Grrrls: Feminismus ist Teil meiner Persönlichkeit. Ich glaube mein Vater wollte gerne einen Jungen haben und hat mich und meine Schwester dementsprechend aufgezogen. Er zeigte uns wie man Teppiche verlegt, Tapeten anbringt. Er erzählte uns oft von seinem Beruf als Dreher – welche Gewinde wie und warum gemacht werden. Später in der Schule war ich oft einsam, laß sehr viele unterschiedliche Bücher und beobachtete die Menschen eher, als mich mit ihnen zu unterhalten. Mein bester Freund war mein Philosophielehrer. All das vermittelte mir sehr früh ein ausgebildetes Verständnis von sozialpolitischen Umständen, Psychologie und emotionaler Intelligenz.
Ich fing erst an zu verstehen wie anders ich von anderen Frauen in meiner Umgebung war, als ich zum Studium mit 18 nach Paris zog und merkte, dass meine Gewissheit oft als unfreundlich oder zickig angesehen wurde. Eben deshalb, weil Frauen selten ihre Meinung sagten und schon gar nicht fremden Männern eine Standpauke hielten. Geschweige denn Männer intellektuell herausfordern und zur Debatte führten. Diese negative Reaktion auf meine mentale Stärke brachte mich erst sehr aus meinem Element und führte zu sehr langen Depressionen. Mittlerweile habe ich aber auch dies erkannt und bin mir bewusst, dass Diejenigen, die von mir als Frau erwarten still zu sitzen, zu lächeln und hübsch zu sein, nur eine Spiegelung von deren eigenen Neurosen und sozialen Minderwertigkeitskomplexen sind.
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Mittlerweile (…) bin ich mir bewusst, dass Diejenigen, die von mir als Frau erwarten still zu sitzen, zu lächeln und hübsch zu sein, nur eine Spiegelung von deren eigenen Neurosen und sozialen Minderwertigkeitskomplexen sind.

Asia aka Islamiq Grrrls
oOoOO: Ich bin der Meinung, dass eine vorgegebene Kultur die Freiheit und das Bewusstsein einschränkt. Jeder, der in sie hineingeboren wird, bekommt Liste mit Regeln, die vorgibt, was richtig und was falsch ist. Die meisten Kulturen haben Frauen, historisch betrachtet, als etwas minderwertigeres propagiert. Und weil die meisten Menschen – selbst die Frauen – die vorgegeben Werte einer Gesellschaft in den wenigsten Fällen hinterfragen, wurden sie als Regelsätze angesehen und als Wahrheiten akzeptiert. Feminismus ist die Erkenntnis, dass diese negativen und degradierenden Dinge, die über Generationen über Frauen erzählt und geglaubt wurden, nicht der Wahrheit entsprechen. Feminismus bedeutet, eigenständig zu denken.
Spielst du häufiger auf Festivals & wieso hast du doch für einen Auftritt auf dem Popkultur Festival entschieden?
Islamiq Grrrls: Für mich ist das Pop-Kultur Festival eines der wenigen Berliner Ereignisse, das eine sehr frische, aktuelle Sicht auf die Musikszene kultiviert und tolle internationale Künstler nach Berlin bringt. Seit ich in Berlin bin, war ich jedes Jahr als Zuschauer dabei und freue mich unheimlich dieses Jahr dort auf der Bühne zu stehen.
Islamiq Grrrls & oOoOO treten am 15.08.2018 von 23:40 - 00:20 in der Alten Kantine auf.
Das Pop-Kultur Festival findet vom Mittwoch, 15. August, bis Freitag, 17. August, auf dem Gelände der Kulturbrauerei Berlin statt. Festival- sowie Tagestickets gibt es aktuell noch hier und an der Abendkasse.
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