Gar nicht so einfach: Wo hört Inspiration auf? Wo fängt Plagiarismus an?

Fotos: Gucci (links), Forever21 (rechts)
Der inzwischen vor Gericht gegangene Streit zwischen dem italienischen Luxushaus Gucci und der amerikanische Highstreet Marke Forever21 hat die Diskussionen um Plagiate, Urheberrechtsverletzung und ja, auch Anstand wieder neu entfacht. Worum geht's? Forever21 hat (zum wiederholten Male) ziemlich frech kopiert und Teile aus der aktuellen Kollektion aus der Feder von Alessandro Michele teilweise eins zu eins übernommen. Das ist wichtig, denn Gucci stützt seine Klage vor allen Dingen darauf, dass mit dem Kopieren der ikonischen blau-rot-blauen und grün-rot-grünen Streifen Urheberrechtsverletzungen begangen wurden. Schließlich stehen diese Farbkombinationen eindeutig für Gucci … oder?
Wo Modeinsider sofort energisch Nicken sind sich Experten indes uneinig. Denn: Die genannten Fabrkombinationen wären nur eindeutig geschützt, wenn sie in den Köpfen aller Verbraucher unverwechselbar mit der Marke Gucci erstens verlinkt werden und zweitens die Italiener als zweifellose Urheber dieses Produktes gelten. Kein Kunde, der bei Forever21 einkauft, wird nur aufgrund der beiden Farbkombinationen wirklich glauben, dass er gerade ein Gucci-Teil kauft. Über diesen Gedanken muss man natürlich ein wenig schmunzeln, aber dieser komplizierte Sachverhalt zeigt, was für ein undurchdringlicher Urwald die Sache mit dem Urheberrecht ist und wie schwer es für Modeschaffende ist, das geistige Eigentum zu schützen.
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Gucci vs. Forever21 ist ein Kampf zwischen zwei Giganten, wo es eher darum geht, sich Dreistigkeit nicht gefallen zu lassen. Denn Gucci wird kaum finanzelle Schäden davon tragen. Die Frage, die sich immer wieder stellt, lautet: „Ist es in Ordnung, dass ich Highstreetmarken unterstütze und Produkte kaufen, die eindeutig sehr viel Inspiration von einem anderen Designer oder einer anderen Marke bezogen haben, weil ich mir das Original nicht leisten kann?”

Kann ich den Kauf von Plagiaten durch meinem schmalen Geldbeutel rechtfertigen?

Schließlich könnte auch ich mir nicht mal eben eine Jacke von Gucci, eine Tasche von Chanel oder ein Kleid von Stella McCartney kaufen. Dann ist es doch in Ordnung, wenn ich mir ein wenig nachgemachte Teile zulege, oder? Ich finde es sehr schwer, die Grenze zu ziehen. Nachdem ich für diesen Artikel eine Weile darüber nachgedacht und mich so durch das Internet geklickt habe, möchte ich aber den Versuch wagen. Die Entwürfe, die wir alle halbe Jahre auf den Modewochen sehen, sind das Destillat unserer Gesellschaft, der politischen Strömungen, der Natur, die uns umgibt, Musik und Kunst, sowie in der Architektur und technische Errungenschaften. Alles, was den*die Designer*in umgibt, nimmt er*sie auf, interpretiert es und zieht eigene Schlüsse, die wiederum kreativ umgesetzt werden. Daher kommt es vor, dass wir mehrere ähnliche Strömungen und Entwürfe bei verschiedenen Modehäusern beobachten können.
Fotos: Gucci (links), Forever21 (rechts)
Nun ist es so, dass auch Highstreetmarken wie H&M, Mango oder COS eigene Designteams besitzen und nicht davon leben, ausschließlich Runwaylooks zu kopieren. Auch diese Designteams beschäftigen sich mit oben genannten Strömungen, durchforsten Trendforecasts und informieren sich. Auch die Fast Fashion stellt keine komplette eigene Kollektion ohne eine gewisse Vorlaufzeit auf die Beine. So macht es nur Sinn, dass auch auf den Kleiderbügeln in den Läden der Fußgängerzonen ähnliche Produkte hängen, wie im Departmenstore im Szeneviertel. Was allerdings stimmt, ist dass bestimmte Produkte der Designer, die zum It-Piece avancieren, sehr schnell und oftmals flächendeckend vom Einzelhandel aufgegriffen werden. Je nach Marke geschieht dies dann mit mehr oder weniger Kreativität.
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Wir drüfen nicht vergessen, dass auch Highstreemarken Designteams besitzen, die den Zeitgeist in Mode uminterpretieren.

Forever21 zum Beispiel hat es im Falle von Gucci mit sehr wenig Kreativität angegangen und auch wenn man sich den italienischen Zwirn nicht leisten kann, wäre es mir wirklich peinlich, in einer kompletten Kopie herumzulaufen. Man rennt ja auch nicht mit einem Stofftier an der Leine herum, wenn man keine Zeit oder kein Geld für einen echten Hund hat, oder? Bei allem Fingerpointing von oben nach unten: Es geht durchaus auch andersherum. Auch etablierte Marken nutzen ihre Macht, um etwa Entwürfe von Jungdesignern oder Studenten abzukupfern. Schließlich haben sie das Know-How, die Infrastruktur und die Bekanntheit, um oft ungeschoren aus der Nummer heraus zu kommen. Jeder Designer ist anschienend mal in einer unkreativen Phase unterwegs.
Fotos: Gucci (links), Forever21 (rechts)
Wenn große Marken kleine Designer kopieren, ist das natürlich nicht in Ordnung, da muss man auch nicht lange diskutieren. Lustigerweise war es ausgerechnet Alessandro Michele, der seine Gucci Aliens offensichtlich bei einem Studenten der Central Saint Martins School in London abgeschaut hat. Wer wirft also den ersten Stein? Oder den ersten Pump? Oder das erste Shirt? Wir merken uns: Wer damit leben kann, in einem Rip Off durch die Gegend zu laufen, kann es gerne tun, ich würde mir lieber eine Tüte über den Kopf stülpen. Wenn es aber um Phänomene geht, wie gestreifte Blusen, Skinny Jeans, Blumenprints oder meinetwegen auch Fellsandalen (jaa, Céline, ich weiß, aber come on), dann muss man auch nicht päpstlicher sein, als der Papst. Aber sagt mir doch gerne, wie ihr die Sache seht.
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