Peach-Butt, Belfies, Twerken: Ist das Dekolleté wirklich last season?

Das „Belfie“ ist die fantastische Kombination aus zwei Dingen, die wir alle lieben; eine Fusion aus englisch „Butt“ für Hintern und dem ultimativen Ausdruck des Narzissmus im 21. Jahrhundert. Richtig, dem Selfie. Der älteste Eintrag für das „Belfie“ im Urban Dictionary – einer Art Brockhaus des Internetzeitalters – lässt sich auf das Jahr 2013 datieren.

Seitdem haben Protagonistinnen wie Kim Kardashian es geschafft, ihrem eigenen Exemplar – damit aber auch dem Allerwertesten an sich – zu einem nahezu legendären Image in der Popkultur zu verhelfen. Die selbstproklamierte Erfinderin des Belfies, das amerikanische Fitness-Model Jen Selter, hat dazu den Weg für eine mittlerweile sechsstellige Zahl an Instagrambildern zum gleichnamigen Hashtag geebnet.

Aber von vorn: Die Geschichte des prallen Hinterns als Schönheitsideal lässt sich natürlich wesentlich länger zurückverfolgen. Da wäre zum Beispiel das Ölgemälde Venus vor dem Spiegel des spanischen Barockmalers Diego Velázquez. Es gilt bis heute als grandiosester Rückenakt der Geschichte und wird auf den Zeitraum zwischen 1648 und 1651 datiert.

Im 19. Jahrhundert widmete der französische Impressionist Paul Cézanne mit seinem Werk Das Urteil des Paris (1862–1864) dem Derrière seine volle Aufmerksamkeit. Die Reihe ließe sich endlos weiterführen, aber machen wir es kurz: Seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte zieht sich der Hintern als Subjekt der ganz Großen von Picasso über Klimt und Man Ray bis hin zum deutschen Fotografen Wolfgang Tillmanns durch die Epochen und Stile. Und mit Tillmanns sind wir nicht nur kunstgeschichtlich im Heute angekommen, sondern auch im legendärsten Club der Welt, dem Berliner Berghain. Im Jahr 2010 wurde in den heiligen Hallen umdekoriert. Seitdem kann in der Panoramabar im zweiten Stock, wo dem Publikum mit nackt bisher eine Vagina präsentiert wurde (das Bild ist eine fotografische Neuinterpretation von Gustave Courbets Ursprung der Welt von 1866), heute eine andere Fotografie Tillmans' betrachtet werden. Darauf zu sehen? Ein Hintern.
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Es scheint, als erlebe die Regio glutealis eine ungeahnte, popkulturelle Renaissance, die 2016 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

In Sachen Songtexten vertrauen die meisten Genres übrigens statistisch betrachtet auf die altbewährte, romantische Erwähnung der Augen. Im Hip-Hop fokussiert man sich dagegen auf ein anderes Körperteil. Die Rede ist, klar, vom Po. Herausgefunden haben das die US-Künstler Martin Wattenberg und Fernanda Viégas, die für ihr Projekt Fleshmap analysierten, welche Musikrichtung sich texttechnisch für welche Körperteile interessiert. Ihr müsst euch also nicht wundern, wenn euch, seit ihr begonnen habt, diesen Artikel zu lesen, „I like big butts and I can not lie…“ durch den Kopf spukt.

Mit der Hit-Single „Baby Got Back“ gewann Sir Mix-a-Lot 1993 übrigens seinen ersten und einzigen Grammy. Auch klar, dass er kein Problem damit hatte, als Nicki Minaj sich für ihre 2014 erschienene Single „Anaconda“ an „Baby Got Back“ bediente. Für das Cover und vor allem im zugehörigen Musikvideo inszenierte die ihren Hintern so eindrucksvoll, dass das Team von Madame Tussauds in Las Vegas ihr eine Wachsfigur im „Anaconda“-Outfit widmete.

Es scheint, als erlebe die Regio glutealis eine ungeahnte, popkulturelle Renaissance, die 2016 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Denn – Achtung! – auch vor der Technik macht die großangelegte Offensive nicht halt: Als Apple im vergangenen November die Beta Version für iOS 10.2 inklusive eines Emoji-Redesigns launchte, blieb auch der legendäre Pfirsich nicht verschont. Der unter dem liebevollen Namen „Peach-Butt“ bekannte Sexting-Favorit war von Apple in seiner Form verändert worden und sah plötzlich ganz und gar nicht mehr #bootylicious, sondern ziemlich nach Frucht aus. Skandal!
Wie hoch Apple mit dem neuen Design gepokert hatte, war den Entwicklern scheinbar nicht klar. Das Update gefiel den Nutzerinnen und Nutzern nämlich gar nicht – die Emotionen kochten hoch. Prompt überrollte eine Welle der Empörung sämtliche Social-Media-Kanäle. Alle wollten nur eins: Den alten Pfirsich zurück und zwar pronto. Dass die versammelte Nutzerschaft auf die Barrikaden ging, sorgte dann auch dafür, dass das Peach-Emoji im nächsten Update wieder in seine originale Po-Form zurück versetzt wurde. Für diese schnelle Reaktion auf die Bedürfnisse der User hätte Apple doch echt mal einen auf Hochglanz polierten Pokal verdient.

dass ein Paar neue Brüste nicht mal eben in der Mittagspause beim Online-Shop des Vertrauens bestellt werden können, weil die eigenen sowas von last season sind, scheint in diesem Kontext eher weniger zu interessieren.

Klar ist, dass der vom Epizentrum Kardashian ausgehende Hintern-Trend auch an etablierten Hochglanz-Medien nicht unbemerkt vorbeigeht. Nachdem Mrs. Kardashian-West im April 2014 und anlässlich ihrer Hochzeit mit Kanye – zwar ohne ihren Hintern in einer Haupt-, dafür mit dem frisch angetrauten Ehemann in einer Nebenrolle – das Cover der amerikanischen Vogue zierte, schließt sich jetzt auch die britische Vogue der Po-Bewegung an. Wenn auch eher indirekt.

Dass auch in der Mode der Fokus dieser Tage eine Etage tiefer gerutscht sein könnte, legt ein diskussionswürdiger Artikel in der Dezemberausgabe der britischen Vogue nahe. Dieser urteilt unter der Überschrift „Desperately Seeking Cleavage“, dass das Dekolleté dieser Tage als Trend-Accessoire ausgedient habe. Vor allem große Brüste seien dem vernichtenden Urteil der Vogue-Redakteurin Kathleen Baird-Murray zufolge „over“.

Darüber, dass man den eigenen Brüsten keine von der Modeindustrie empfohlene Zwangspause verordnen kann, weil echte Brüste erstens angewachsen und zweitens ebenso individuell sind wie ihre Trägerinnen, sind zwei nicht unwesentliche Aspekte, die von der Vogue-Redaktion merkwürdigerweise vergessen wurden…

Auch dass ein Paar neue Brüste nicht mal eben in der Mittagspause beim Online-Shop des Vertrauens bestellt werden können, weil die eigenen sowas von last season sind, scheint in diesem Kontext eher weniger zu interessieren. Von Body-Positivity keine Spur. Man könnte meinen, dass eine Trendvorhersage selten so für den Allerwertesten war wie diese.

Letzten Endes sollte Frau sich in erster Linie wohl fühlen und von ihrem Körper ganz einfach die Teile betonen, die sie an ihrem Körper betonen will – oder auch nicht. Ansonsten können wir uns auf eine Sache, ganz sicher verlassen: Unsere Hintern. Denn die stehen – unabhängig von fragwürdigen Trend-Prognosen – ganz sicher immer hinter uns.
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