The Ultimatum hat was gegen Frauen, die keine Kinder wollen

Foto: bereitgestellt von Netflix.
„Psycholog:innen sind sich darin einig, dass ein Ultimatum keine gute Möglichkeit ist, jemanden dazu zu bringen, das zu tun, was du willst“, erzählt Nick Lachey den Teilnehmer:innen in der ersten Episode von Netflix’ neuer Show The Ultimatum: Marry or Move On. Klasse. Richtig guter Start.
Für das Konzept dieses neuen „sozialen Experiments“ haben sich die kreativen Köpfe hinter Liebe macht blind die Bedeutung eines „Ultimatums“ neu interpretiert. Die Theorie: Um herauszufinden, ob du jemanden wirklich heiraten möchtest, musst du zuerst andere Leute daten. Ganze sechs Paare, die vor einem solchen Scheideweg stehen – heiraten oder nicht heiraten, das ist hier die Frage –, haben sich für Netflix auf dieses Experiment eingelassen.
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Und obwohl dieses Konzept natürlich von vornherein einige riesige Probleme hat und für alle Beteiligten quasi einer Folter gleichkommt, wird eines doch schnell klar: Das hier wäre die Chance, vor laufender Kamera ein wichtiges Thema anzusprechen, mit dem sich immer mehr Leute in ihren 20ern, 30ern und 40ern auseinandersetzen – die Entscheidung, (keine) Kinder zu bekommen, und wie sich das auf gemeinsame Ehepläne auswirken könnte.

Das Ganze läuft lediglich darauf hinaus, dass ein paar Typen Lauren einreden, sie würde ihre Meinung zu Kindern schon noch ändern, und ihr damit klarmachen, dass diese Seite an ihr „korrigiert“ werden könnte – und sollte.

Eines der Paare, Nate Ruggles und Lauren Kilos, sind genau aus diesem Grund in der Show dabei. Nate hat Lauren vor ein Ultimatum gestellt, weil sie keine Kinder haben möchte – er hingegen schon. Er stellt außerdem klar, dass es ihm sehr wichtig sei, dass seine zukünftige Frau denselben Wunsch nach einer gemeinsamen Familie mitbringt. Durch diese Problematik haben Nate und Lauren das Potenzial, zum spannendsten Paar der Serie zu werden; schließlich entsprechen die meisten der anderen Pärchen dem stereotypischen „Frau wünscht sich verzweifelt einen Ring, während Mann sich noch nicht festlegen will“-Klischee.
Anstatt Laurens und Nates Konflikt aber auf einfühlsame und vielleicht sogar hilfreiche Art anzugehen – indem man ihnen zum Beispiel ein paar echte Gespräche darüber ermöglicht, warum Lauren eigentlich gar keine Kinder haben möchte –, wird das Thema quasi gar nicht weiter angesprochen. Das Ganze läuft lediglich darauf hinaus, dass ein paar Typen Lauren einreden, sie würde ihre Meinung zu Kindern schon noch ändern, und ihr damit klarmachen, dass diese Seite an ihr „korrigiert“ werden könnte – und sollte.
Während der ersten drei Folgen wird (wenig überraschend) viel darüber diskutiert, was sich die einzelnen Teilnehmer:innen von ihrem Leben und ihren Beziehungen erhoffen. Dabei verschwimmen die Wünsche nach Ehe und Kindern aber dermaßen miteinander, dass viele zu glauben scheinen, das Konzept der „Ehefrau“ ginge quasi Hand in Hand mit dem der „Mutter“. 
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„Das Wichtige an einer Ehefrau ist ja, dass das jemand ist, die eine Familie mit dir gründen will“, meint Nate beiläufig, als gelte dieses Statement für jede Frau – und jeden Mann, der sich eine Frau wünscht. Dabei ist das natürlich völliger Bullshit.
Foto: bereitgestellt von Netflix.
Klar, dass daraufhin das Drama nicht zu kurz kommt. Bei einer Dinner-Party mit dem Moderations-Duo Nick und Vanessa entscheiden sich die sechs Paare, mit welchen anderen Teilnehmer:innen sie gern eine intensive, dreiwöchige „Probe-Ehe“ verbringen würden, nachdem sie sich gerade mal seit ein paar Tagen kennen. Die Idee dahinter: Dieses Experiment würde ihnen dabei helfen, ihre Gefühle zu beleuchten – sowohl die für ihre eigentlichen Partner:innen, als auch die für ihre „Probe-Ehemänner“ bzw. „-frauen“.
Nach einigen peinlichen Wortwechseln teilt Teilnehmer Colby Kissinger, der eigentlich mit Madlyn Ballatori zusammen ist, Lauren mit, er würde das Experiment gern mit ihr verbringen. Ganz unironisch versichert er ihr, er würde ihr bestimmt „beibringen, wie toll Kinder sein können“. In seinen Interviews ist er sich ziemlich sicher, dass Lauren eigentlich Kinder wolle – es aber nur noch nicht wisse. Er spricht davon, das „Potenzial“ in ihr zu erkennen. Das Potenzial… ihm ein Kind zu schenken?
„In vielerlei Hinsicht ist das typisch für unsere Gesellschaft“, meint die Therapeutin Sally Baker. „Wir gehen automatisch davon aus, dass alle Frauen Kinder kriegen werden. Wenn manche Frauen dann sagen, dass sie keine Kinder bekommen möchten, wird ihnen das oft nicht geglaubt. Selbst wenn die Leute woke genug sind, um das nicht ganz offen zu missbilligen, ist das Gefühl bei vielen trotzdem da. Es ist so arrogant und dreist, wenn ein Mann denkt: ‚Ich werde dich schon noch überzeugen. Ich bin der Eine, der alles verändert, was du zu wissen glaubst.‘“
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„Wir sind als Gesellschaft immer noch nicht so weit, dass wir es als ‚okay‘ erachten, wenn eine Frau keine Kinder möchte. Diese Frauen werden dann als ‚kinderlos‘ bemitleidet, anstatt für ihre Entscheidung respektiert zu werden.“
Und leider ist The Ultimatum eine Art Mikrokosmos dieser Realität. Nach Colbys Ansprache trifft Nate die scheinbar hektische Entscheidung, Lauren einen Antrag zu machen – obwohl sich an ihren bestehenden Problemen ja nichts geändert hat: Sie will immer noch keine Kinder, wohingegen sein Kinderwunsch für ihn Priorität Nummer 1 zu sein scheint. Als Teil seines „Fake-Antrags“ – in den Worten von Teilnehmerin April Marie – verspricht er Lauren, er würde seinen Kinderwunsch willentlich opfern, um mit ihr zusammen sein zu können. Allen Anwesenden und uns, dem Publikum, ist allerdings klar, was hier wirklich gerade passiert: Er ist in Panik geraten, weil alle Teilnehmerinnen, die er sich für das Experiment ausgesucht hat, nacheinander jemand anderen gewählt haben.
Als Konsequenz dieser panischen Eifersucht erhebt sich Nate also von seinem Stuhl und marschiert zu Lauren rüber, geht vor ihr in die Knie und stellt ihr die alles entscheidende Frage. Verwirrenderweise antwortet sie mit „Ja“ – genauer gesagt, mit einem enthusiastischen „abso-fucking-lutely, yes, please“. Lauren geht daraufhin nicht weiter auf Colbys oder Nates Kommentare ein. Dass sie nicht offen über ihre Gründe dafür sprechen will, warum sie keine Kinder möchte – nicht einmal mit Nate –, hat sie schon vorher betont. Sie finde es „unproduktiv“, und es ende immer mit „übersprudelnden Gefühlen“ und „Wut“. 
Es fühlt sich wie eine verschwendete Möglichkeit an, dass die Show nicht näher auf dieses extrem wichtige Thema eingeht und Lauren die Chance bietet, genau diese Gespräche zu führen. Und obwohl es natürlich Laurens gutes Recht ist, das zu empfinden, was sie empfindet – wenn sie Nate gerne heiraten möchte, ist das ihre Entscheidung –, ist es schade, dass die Produzent:innen offenbar keine Lust hatten, Laurens Situation mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
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Dabei stecken so viele Frauen in derselben Situation wie sie. In zahllosen Beziehungen äußern Frauen den Wunsch, keine Kinder zu bekommen. Leider werden viele von ihnen dann genau darauf reduziert und als „kinderlos“ bezeichnet – ein Adjektiv, das für Männer hingegen nie benutzt wird.
Foto: bereitgestellt von Netflix.
Von Sorgen um die Umwelt bis hin zu der schlichten Tatsache, dass Kinder einfach teuer sein können, gibt es zahlreiche Gründe dafür, warum Leute – nicht nur Frauen – keine Kinder in die Welt setzen wollen. Aber um das mal klar auszudrücken: Wir sollten gar keinen Grund dafür brauchen. Manche Menschen haben einfach nicht das Bedürfnis, Kinder zu bekommen, und das ist völlig okay.
Tatsächlich ist das für viele sogar mehr als nur „okay“. Eine britische Studie von 2019 ergab, dass unverheiratete Frauen ohne Kinder die glücklichste Bevölkerungsgruppe ausmachten. (Eine ähnliche Studie gibt es für Deutschland bisher noch nicht.) Noch dazu würden unverheiratete Frauen ohne Kinder durchschnittlich älter als verheiratete Mütter, seien gesünder als diese und hätten eher erfüllende soziale Bindungen zu anderen, so die Forschenden. 
Trotzdem wird vielen Frauen vermittelt, die auf Kinder verzichten wollen, sie seien dadurch „weniger wert“ – oder es wird ihnen schlichtweg nicht geglaubt, was vielleicht sogar noch beleidigender ist. In The Ultimatum wirkt es jedenfalls so, als glaubten sowohl Nate als auch Colby, dass sie Lauren „überreden“ und ihre Meinung ändern könnten. Dabei kann genau das natürlich für alle Beteiligten katastrophal enden.
„Wenn dein:e Partner:in keine Kinder haben möchte, musst du dich mit dieser Realität auseinandersetzen“, rät Sally. „Du solltest dann nichts mansplainen oder versuchen, ihn:sie zu überreden, in der Hoffnung, dass du seine:ihre Meinung schon noch ändern kannst. Der Kinderwunsch – oder eben der Wunsch, keine Kinder zu bekommen – sollte niemals missachtet oder nicht ernst genommen werden. Ihr könnt darüber diskutieren, solange ihr noch einen Kompromiss findet. Findet ihr keinen, ist das ein Trennungsgrund.“ 
The Ultimatum ist zum Streamen auf Netflix verfügbar.

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