Wieso regt ihr euch über Marie Kondo, aber nicht über Netflix’ The Home Edit auf?

Putzen und Organisieren sind wie Balsam für die Seele. Vor allem jetzt, wo wir ohnehin alle ein wenig angespannter sind als sonst, lechzen wir nach dem Gefühl, zumindest einen Lebensbereich im Griff zu haben. Diese Sehnsucht nach Ordnung und Organisation ist dabei natürlich nicht neu; inzwischen gibt es unzählige Bücher, Artikel und Firmen, die sich genau diesen Zielen verschrieben haben. Nur wenige davon haben allerdings so großen Ruhm erreicht wie Marie Kondos KonMari-Methode oder The Home Edit, eine amerikanische Ordnungs-Agentur von Clea Shearer und Joanna Teplin. Sowohl Kondo als auch die Frauen hinter The Home Edit haben es weit gebracht: Ihre Aufräummethoden waren so beliebt, dass sie irgendwann in Büchern festgehalten und schließlich als Netflix-Serie vermarktet wurden. Aufräumen mit Marie Kondo flimmerte schon 2019 über unsere Bildschirme, The Home Edit: Jetzt wird aufgeräumt folgte ein Jahr später. Dass die Titel recht ähnlich klingen, ist kein Zufall. In einem Artikel der New York Times zum Release von The Home Edit betonte Netflix, die Serie würde „fortführen, was Marie Kondo begonnen“ hatte. 
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Und während beide Brands zwar dasselbe Bedürfnis in uns ansprechen wollen, könnten die Philosophien dahinter unterschiedlicher kaum sein. Marie Kondos Bestseller Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert sorgte zwar für viele genervt verdrehte Augen, machte seine Autorin aber doch weltweit bekannt für die zahlreichen, sehr spezifischen Regeln, die sie aufstellte. So gab Kondo zum Beispiel vor, in welcher Reihenfolge der Haushalt ausgemistet (nach Kategorie, nicht nach Zimmer) und wie Socken gefaltet werden sollten. Das Prinzip hinter der KonMari-Methode ist allerdings denkbar simpel: Es soll nur behalten werden, was „Freude bereitet“. Dabei bleibt Kondo aber auch realistisch; sie sieht ein, dass wir auch manche Dinge behalten müssen, die nicht gerade joy sparken. Kloreiniger, zum Beispiel. Dabei setzt sie voraus, jede*r könne selbst entscheiden, was zwar freudenlos, aber eben wichtig sei. Und trotzdem wurde ihre Methode seitdem immer wieder für bekloppt erklärt; manche behaupteten auch, ihr Ziel sei ein steriles Zuhause ohne jegliche Persönlichkeit. Solche Kritik kam immer wieder auf: Zuerst, als Magic Cleaning veröffentlicht wurde, dann wieder nach dem Release ihrer Netflix-Show. Einen besonderen Shitstorm gab es dann nochmal, nachdem ein kleiner KonMari-Online-Store eröffnete. „Ha, wusste ich’s doch!“ dachten sich viele, als sie feststellten, dass die Frau, die ihre Haushalte vereinfachen wollte, ihnen nun selbst (schlichte, schöne) Einrichtung verkaufen wollte. 
Ich las Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert schon 2014 und halte, wie du dir inzwischen vielleicht denken kannst, sehr viel von diesem Buch. Ich weiß, es ist nicht perfekt. Anregungen zum Spenden und Recycling aussortierter Gegenstände wirken darin meist nur wie nachträgliche Ergänzungen, und es ist wahr, dass die KonMari-Methode zumindest beim ersten Ausmisten für wahnsinnig viel Müll sorgen kann. Dabei können wir Kondo selbst aber natürlich nicht für unsere moderne Konsumkultur verantwortlich machen. Vieles von dem, was du während des Aussortierens wegwirfst, ist vermutlich sowieso Müll: zerrissene Kleidung, alter Papierkram, abgelaufene Kosmetika. War dein Zuhause da nicht ohnehin nur eine Art Zwischenstation auf dem Weg zur Müllhalde? Außerdem geht es bei Kondos Methode eben auch darum, solche unnötigen Anschaffungen von vornherein zu verhindern. Ist dein Haus einmal voller Dinge, die dir Freude bereiten, überlegst du dir zweimal, was du neu kaufst. Zwar kann ich nicht behaupten, ich würde ihre Regeln religiös befolgen, aber ich bin doch überzeugt davon, inzwischen achtsamer einzukaufen, insbesondere in Bezug auf sinnlose Impulskäufe. Um es kurz zu sagen: KonMari sorgt vielleicht anfänglich für jede Menge Müll – reduziert ihn aber langfristig.
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Dasselbe gilt jedoch nicht für die Methoden von The Home Edit. Wohingegen sich KonMari mit der Frage „Does it spark joy?“ zusammenfassen lässt, braucht The Home Edit nur einen einzigen englischen Begriff: „product“. Das Wort fällt in der Netflix-Serie immer wieder, während sich Shearer und Teplin durch Schränke, Keller und Wohnzimmer arbeiten. Zu diesen Produkten zählen unter anderem Plastikcontainer, Regaltrenner, Taschenformer, Drehtische, Regalsysteme, und Kisten in Kisten in Kisten. Natürlich gibt es auch in der Home-Edit-Methode Regeln zum Aussortieren – aber geht es im Kern um etwas anderes.
Tatsächlich zielt „THE“, wie The Home Edit von Fans liebevoll abgekürzt wird, vor allem auf die makellose, symmetrische, gern regenbogenfarbige Sortierung zahlreicher Besitztümer ab, die dann wiederum in und auf Produkten, Produkten und wieder anderen Produkten präsentiert werden. Während Kondos System die Vorteile einiger clever platzierter Körbe oder Kisten betont, kommt The Home Edit ohne ebenjene gar nicht erst aus. Teplin und Shearer kooperieren inzwischen sogar mit der amerikanischen Ladenkette The Container Store. In ihrer eigenen Kollektion verkaufen sie dort alles von Eierkartons aus Plastik bis hin zu Etiketten basierend auf ihrer eigenen Handschrift. Wer hätt’s geahnt: In fast jeder Episode der Serie schleppen die Assistentinnen Tüten um Tüten vom Container Store an. Wohingegen uns Marie Kondo dazu ermutigt, alte Besitztümer zu Müll zu erklären, wünscht sich The Home Edit, wir würden  uns noch mehr zukünftigen Müll in die Bude holen.
Versteh mich nicht falsch: Prinzipiell ist es schön, die eigenen Dinge zu sortieren, gern auch in Kisten über Kisten – vorausgesetzt, du hast überhaupt den nötigen Platz (und Kontostand), um dein gesamtes Eigentum farblich sortiert auszustellen. Es ist kein Zufall, dass viele THE-Kund*innen reich und/oder berühmt sind. Einige dieser prominenten Fans treten selbst auch in der Serie auf und lassen die beiden Expertinnen auf ihre fast leeren Schränke oder gigantischen Garagen los. Und vielleicht haben solche Menschen auch die nötige Hilfe, um ihre überarbeiteten Schränke, Regale und Keller so zu erhalten, wie sie ihnen am Ende der Episode präsentiert wurden – aber wie leicht kann das wirklich sein? Sicher gibt es Leute, die hyper-ordentlich genug sind, um das System der regenbogenfarbig sortierten Stifte und freistehend gestapelten T-Shirts nach der Sendung zu erhalten. Ich wage aber zu behaupten: Das dürfte in den wenigsten Fällen realistisch sein. Zwar behaupten die Ladies von The Home Edit, ihre Haushalts-Umstylings seien so schön, dass ihre Kund*innen gar nicht anders könnten, als die Ordnung beizubehalten. Trotzdem – als die hart arbeitende Ärztin in der Serie ihren neuen Schrank präsentiert bekam, beäugte ich skeptisch die penibel drapierten Sweatshirts und dachte mir: Als ob!
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Und dabei geht es um mehr als nur den eigenen Ordnungssinn oder die Motivation der THE-Kund*innen – nämlich ums Geld. Schon in der ersten Folge wird klar: Ohne das nötige Cash lässt sich das Home-Makeover von The Home Edit gar nicht erst umsetzen – und hey, wenn du das Geld und den Platz hast, um deine Snacks und Putzmittel farblich sortiert auszustellen wie in einem Museum, warum auch nicht? Während ich mir allerdings eine Episode nach der anderen ansah, wurde mir klar, wie viel Geld man allerdings auch braucht, um dieses Level der Präsentation auch noch weiterzuführen. In jedem der gezeigten Promi-Haushalte musste ich an die unsichtbare Arbeit denken, die diese Folge nach sich ziehen würde: die Haushälter*innen, Köch*innen, Assistent*innen, deren Job es sein würde, die neue Ordnung beizubehalten. Für immer, und das für immer mehr Gegenstände. Denn die Anzahl der Besitztümer zu verringern, gehört nicht zur THE-Mentalität. In Khloe Kardashians Episode lachten die Home Editors darüber, dass die Kardashian-Schwester keine weiteren Jeans entwerfen dürfe, weil dafür kein Platz mehr im Präsentations-Schrank sei. Noch schlimmer war es bei Rachel Zoes Auftritt in der Serie. Dort sollte The Home Edit nämlich einen Schrank organisieren, den sie schon einmal organisiert hatten.
Als ich mir vor dem Release der Serie erste Previews ansah, fragte ich mich kurz, ob The Home Edit in Artikeln und Social-Media-Posts auseinandergenommen werden würde, wie es auch Marie Kondo ergangen war. Und mit „kurz“ meinte ich circa eine halbe Sekunde – denn natürlich wusste ich direkt: Nein, niemals. Natürlich würden diese zwei weißen Frauen mit ihrem völlig absurden Organisationskonzept durchkommen, während die japanische Frau für ihre schlichte, ruhige Lösung für Chaos und Krimskrams aufs Schärfste verurteilt wurde und wird. Dass diese Reaktion auch rassistisch motiviert ist, wird schon seit Jahren immer wieder betont; im letzten Jahr wurde das aber vor allem durch zwei Vorfälle umso deutlicher. Der Hass, den der KonMari-Online-Store 2019 provozierte, brachte diverse Artikel hervor, die den prüfenden, hyperkritischen Blick auseinandernahmen, dem Kondo aufgrund ihrer Herkunft ausgesetzt zu sein scheint. Im folgenden Frühling machte sich die Kochbuch-Autorin Alison Roman dann darüber lustig, der KonMari-Store sei eine gierige Geldmasche – und vergaß dabei offenbar, dass sie selbst diverse Küchenprodukte vermarketete. (Roman hat sich seitdem für ihren Kommentar entschuldigt.)
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Abgesehen von der allgemeinen Fremdenfeindlichkeit rund um KonMari schienen sich viele Artikel nach dem Debüt der Netflix-Show allerdings auch daran zu stören, wie sehr sich Kondos Herangehensweise, beeinflusst von ihrem Shinto-Glauben, von der westlichen bzw. amerikanischen unterschied. Und tatsächlich hört es sich für uns vielleicht fremdartig an, wie Kondo von Besitztum spricht. KonMari möchte von uns, dass wir Bücher wecken, indem wir sie antippen, uns unseren Häusern gegenüber dankbar fühlen und uns tatsächlich mündlich bei unseren Kleidungsstücken bedanken, bevor wir sie entsorgen. Doch wohingegen Kondos Methode Objekten auf einzigartig japanische Art völlig neuen Respekt zollt und Wert beimisst, hebt The Home Edit Besitztümer tatsächlich auf sehr amerikanische Weise hervor: indem sie präsentiert werden. Und dafür braucht es natürlich erst einmal entsprechend viele solcher Besitztümer, die es zu präsentieren gilt – und im Nu werden Schränke, Schubladen und Regale zu regelrechten Schreinen des Konsums. 
Indem sie uns darum bittet, unser Eigentum zu hinterfragen, schenkt uns Marie Kondo aber tatsächlich etwas völlig Immaterielles: Die Fähigkeit, selbst zu bestimmen – zielstrebig und mit klarem Kopf –, womit wir unsere vier Wände überhaupt füllen wollen. KonMari überlässt uns das Steuer. Die THE-Methode hingegen bindet uns umso mehr an den ganzen Kram, und drückt uns sogar noch mehr Kram auf.
Als Aufräumen mit Marie Kondo auf Netflix erschien, schaute ich mir nur die erste Folge zum Teil an. Weil ich die KonMari-Methode schon kannte, hatte ich nicht den Eindruck, durch die Serie viel lernen zu können. (Außerdem bin ich kein Fan von emotionalen Makeover-Shows; bei Queer Eye hielt ich nur eine einzige Episode durch.) Nachdem ich mir allerdings einige Folgen von The Home Edit hintereinander angesehen hatte, brauchte ich eine Art Absacker und versuchte es nochmal mit Marie Kondo. Und dabei fiel mir eines auf: Zwar präsentieren uns beide Serien die klassische „Vorher/Nachher“-Gegenüberstellung, die man in jeder solchen Show sieht – doch wirkte Marie Kondos „Nachher“ im Vergleich zu den grellen, hyper-organisierten Schränken von The Home Edit geradezu trostlos.
Ja, in den ge-kondo-ten Haushalten gab es zwar weniger Kram, doch hatten sie immer noch denselben leicht uncoolen, aber eben bodenständigen Vibe wie vorher. Sie erinnerten mich dabei an mein eigenes Zuhause: Wärst du hier, würdest du mich wohl kaum für einen besonders reinlichen, ordentlichen Menschen halten. Die Spüle ist voll mit dreckigem Geschirr, unter meinem Schreibtisch und Bett stehen Schuhe, und gewaschene wie auch ungewaschene Klamotten liegen überall verteilt. Und doch hat KonMari in meinem Haushalt einen Unterschied gemacht – nur ist der eben nicht nach außen hin sichtbar. Wenn ich aufräume, ist das mühelos und schnell gemacht. Ich habe kein überflüssiges Zeug und fühle mich nicht verpflichtet, alles zu behalten. Ich schätze mein Zuhause, weil ich all das, das mich hier umgibt, bewusst und gezielt ausgesucht habe. Ein gigantisches, grandioses „Nachher“ gab es bei mir nie, und auch keinen Moment der Befreiung. Aber zu wissen, dass ich genau das gar nicht brauche, ist für mich eine ganz andere Form der Befreiung.

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