Ja, ich schlafe lange. Nein, ich bin weder faul noch unproduktiv

Foto: Darya Manakova/EyeEm
Mein Neujahrsvorsatz war es, zeitiger aufzustehen.
Fällt dir schon was auf? Ich habe die Vergangenheitsform benutzt, denn nach weniger als drei Wochen habe ich ihn schon wieder über Bord geworfen. Vor ein paar Tagen konnte ich mich erst gegen 11 Uhr aus dem Bett quälen, weil ich am Abend zuvor „nur kurz“ eine Idee aufschreiben wollte, damit ich sie nicht vergesse. Als mein Blick auf den Wecker fällt, werde ich richtig wütend, stampfe durch die Wohnung und meckere vor mir her, ich sei eine faule Sau, die nix gebacken kriegt, in meinem Kopf schwirren längst Artikel, in denen behauptet wird, erfolgreiche Menschen würden um 4 Uhr morgens aufstehen.
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Also googele ich als erstes erfolgreiche Langschläfer. Unter den ersten drei Ergebnissen ist Hunter S. Thompson, der täglich gegen drei (nachmittags) aufstand, sich ein Koksfrühstück gönnte und irgendwann selbst umbrachte. Super. Nummer zwei, René Descartes, blieb bis 11 im Bett liegen, lebte allerdings auch schon im 16. Jahrhundert – nicht gerade vergleichbar mit heute. Last, but not least: Mark Zuckerberg. Der gab vor einer Weile ganz mutig zu, erst um 8 Uhr aufzustehen. Erst? Ist das sein Ernst? Und es erzähle mir bitte niemand, Barack Obama wäre eine Nachteule. Er geht zwar erst nach Mitternacht schlafen, steht aber trotzdem um 7 Uhr auf. Das würde ich keine Woche durchstehen. Ganz zu schweigen von acht Jahren Regierung.
Rüber zu Twitter: Ich bitte alle erfolgreichen (und produktiven) Nachteulen, sich zu erkennen zu geben. Während ich auf die Antworten warte, ignoriere ich natürlich meine eigene Arbeit, mit der ich eh schon viel zu spät dran bin, weil ich die ganze Zeit zum Thema Nachtmenschen recherchiere.
Das Ergebnis meiner Suche: Es gibt kaum messbare Unterschiede, was den Erfolg von Eulen und Lerchen angeht. Eulen sind übrigens Spät- und Lerchen sind Frühaufsteherinnen. Manche Studien behaupten, Eulen seien etwas schlauer, manche sagen, Lerchen sind hartnäckiger, liebenswerter und prokrastinieren im Schnitt weniger. Ein paar Wissenschaftler*innen sollen außerdem herausgefunden haben, dass Frühaufsteher*innen zwar glücklicher, nicht aber wohlhabender oder weiser seien. Und dann habe ich noch einen Artikel mit der Überschrift „Nachteulen sterben eher“ gefunden und gekonnt beschlossen, ihn zu ignorieren.
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Ob jemand ein Morgenmuffel oder ein*e Frühaufsteher*in ist, hängt natürlich nicht nur vom Charakter, sondern auch vom Job und der Branche ab, in der eine Person arbeitet. Die Menschen, deren Erfolg am messbarsten ist – CEOs, die sich von ganz unten nach ganz oben hochgearbeitet haben und jetzt große Unternehmen leiten oder gar bestitzen –, stehen um 5 Uhr morgens auf. Sie müssen der Konkurrenz immer um eine Nasenlänge voraus sein und demzufolge auch früher anfangen zu arbeiten. Ich dagegen arbeite als Freelance-Autorin und Comedian und muss deswegen weder vor Sonnenaufgang aufstehen, noch ins Fitnessstudio gehen, bevor die japanische Börse öffnet (ich habe ganz offensichtlich keinen blassen Schimmer von der Wirtschaftswelt, aber du weißt, was ich meine).
Auf der einen Seite finde ich es unglaublich befriedigend zu arbeiten, wenn alle anderen schon schlafen. Denn dann werde ich nicht ständig von ebendieser Welt abgelenkt, für die sämtliche CEOs extrazeitig aufstehen. Auf der anderen Seite fühle ich mich ständig schuldig, „normale“ Arbeitszeiten nicht einhalten zu können.
Apropos normale Arbeitszeiten: Die sind übrigens nur entstanden, weil man 1914 in der Ford-Fabrik festgestellte, dass die Arbeiter*innen nicht mehr regelmäßig vor Erschöpfung sterben, wenn sie nur acht und nicht 10- bis 16-Stunden täglich arbeiten – und zwar in regelmäßigem Rhythmus, also 9 bis 17 Uhr. Schön und gut, aber ich bin keine Fabrikarbeiterin. Und ich lebe nicht im Jahr 1914. Für mich ist das keine Option und mit dieser Meinung stehe ich nicht allein da: Immer mehr Arbeitnehmer*innen haben flexiblere Arbeitszeiten. Außerdem gibt es auch eine Studie, die zeigt, die Produktivität würde steigen und die Krankheitsfälle sinken, wenn die erste Schulstunde um 10 Uhr beginnen würde.
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Die Statistiken und Untersuchungsergebnisse klingen vielleicht ganz gut, aber sie ändern nichts daran, dass ich mich alleine fühle, weil ich mal wieder gegen 12 Uhr anfange zu arbeiten und so lange durchziehe, bis ich Dinner-Hunger bekomme. Und hier kommt Twitter ins Spiel.
Als ich nachschaue, ob mir irgendjemand auf meine Frage geantwortet hat, bin ich überwältigt davon, wie viele sich tatsächlich zu Wort gemeldet haben. Hunderte Rückmeldungen sorgen innerhalb von Sekunden dafür, dass meine Laune steigt. Die BAFTA-nominierte Drehbuchautorin, Autorin und Regisseurin Nat Luurtseema, die 2020 ihr drittes und viertes Buch herausbringt, schreibt, sie würde selbst dann nicht um 6:30 Uhr aufstehen, wenn ihr Bett in Flammen stehen würde. „Ich stehe um acht auf, wenn mein Freund zur Arbeit geht. Ich setze mich auf, tue so, als wäre ich munter, und krieche in der Sekunde, in der er die Tür hinter sich schließt, wieder unter die Bettdecke. Dann schlafe ich noch mal gute zwei Stunden“. Samantha Baines, die gerade an zwei Büchern schreibt und den fantastischen Podcast Periods: Amazing Women in History führt, erzählt mir: „Ich bin nachmittags und abends extrem produktiv. Warum sollte ich dann also schlafen?!“. Und Comedian Rose Matafeo, die letztes Jahr beim Edinburgh Fringe Festival einen Award für die beste Comedy Show gewann und aktuell an verschiedenen TV-Projekten arbeitet, kommentiert ganz trocken: „Wenn ich vor 10 Uhr aufwache, mache ich mir Sorgen“.
Abgesehen von Autor*innen und anderen Kreativen haben mir auch Wissenschaftler*innen geschrieben, die „nicht vor 10:30 Uhr im Labor aufschlagen“ und Business Development Manager, die noch nie einen Deal vor 11:30 Uhr abgeschlossen haben. Ein Leuchtturmwärter (!) schreibt mir, er beginne mit der Arbeit, wenn die Sonne untergeht (macht Sinn) und eine Köchin tweetet, sie würde normalerweise um zehn anfangen zu arbeiten und unter keinen Umständen jemals eine Frühschicht übernehmen können. „In letzter Zeit quäle ich mich nur selten vor dem Mittag aus den Federn“, erzählt Howard Chu, ein Softwareentwickler, der die kleinste, schnellste, verlässlichste Transaktionsdatenbank der Welt erfunden hat. „Es macht nicht wirklich einen Unterschied, wann ich arbeite – die Softwarebranche schläft nie“. Ähnlich sieht es beim Cricket aus, wie der Berichterstatter Geoff Lemon auf Twitter schreibt: „Zum Glück fangen die meisten Spiele nicht vor 11 Uhr an“, sagt er und ergänzt, er hätte drei Bücher und hunderte von Artikeln praktisch komplett zwischen 10 und 4 Uhr geschrieben. Zu diesen Wortmeldungen kommen viele Antworten, die in Richtung „Du sprichst mir aus der Seele“ oder „Ups, ertappt“ gehen.
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„Wenn ich spät aufwache fühle ich mich absolut beschissen, selbst wenn ich danach produktiv bin“, gesteht die Autorin und Aktivistin Scarlett Curtis. „Der Druck von außen, zeitig aufzustehen, ist enorm. Deswegen habe ich immer den ganzen Tag das Gefühl, ein dunkles, dreckiges Geheimnis mit mir herumzutragen, wenn es mal wieder später geworden ist“.
Wenn ich das alles so lese, drängt sich mir eine Frage auf: Warum zum Teufel fühlen wir uns so schlecht, obwohl wir so viele sind?
Die Menschheit ist dazu veranlagt, sich anzupassen. Viele realisieren nicht, welche Auswirkungen es auf unsere psychische Gesundheit hat, Teil einer Community zu sein. Klar: In der Antike mussten sich die Menschen auf das Konzept der Gesellschaft stützen, um zu überleben, denn als Außenseiter wären sie entweder verhungert oder ein Tiger hätte sie gefressen. Aber heute sieht das ganz anders aus.
Du musst dich nicht zwingend allem unterordnen und kannst zumindest in einigen Bereichen gegen den Strom schwimmen, ohne gleich zu sterben. Gleichzeitig ist unsere Welt allerdings extrem schnelllebig und manchmal braucht unser Gehirn einen Moment, um sich an eine neue Situation zu gewöhnen. Zumindest würde das die Angst vor Isolation erklären, die mich jedes Mal packt, wenn ich zu einer Zeit aufwache, zu der alle anderen schon Mittagspause machen. Es ist halt immer noch tief in mir verankert, zur gleichen Zeit wie der Rest des Rudels aufstehen zu müssen. Aber natürlich ist es einfach bescheuert, sich nach anderen zu richten, statt auf den eigenen Körper zu hören.
Um noch mal auf den „Nachteulen sterben eher“- Artikel zurück zu kommen: Ja, wie es aussieht ist das Risiko gesundheitlicher Komplikationen bei uns tatsächlich höher. Ich werde einen Teufel tun und hier alle möglichen Probleme auflisten, schließlich bin ich da, um zu motivieren (wer will, kann sie hier nachlesen). Wirklich schlüssig wird aber auch in diesem Text nicht, warum dem so ist. Einige Wissenschaftler*innen vermuten jedoch, es könne daran liegen, dass sich Eulen den Aufstehzeiten der Lerchen anpassen müssen und dadurch schlechter oder weniger schlafen. Es gibt auch noch eine Theorie, dass Langschläfer dazu neigen, mehr Alkohol zu trinken und Drogen zu nehmen. Unterstützt wird sie durch eine weitere Studie, die außerdem einen direkten Zusammenhang zwischen Eulen und Depressionen gefunden haben will.
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Während des Studiums fand ich die Flexibilität und die Freiheit meinen Tag selbst einzuteilen regelrecht anstrengend. Meine Mitbewohnerin stand jeden Tag superzeitig auf und ging um 5 Uhr morgens rudern. Doch anstatt zu akzeptieren, dass ich einfach anders bin (und dass das vollkommen okay ist), versuchte ich, meine Müdigkeit zu bekämpfen. Das Ergebnis: Ich versank langsam, aber sicher im Selbsthass, weil ich es einfach nicht schaffte, zeitiger aufzustehen aka mein Leben in den Griff zu bekommen. Nach einem Jahr war es so schlimm, dass ich es zwei Wochen lang gar nicht aus dem Bett schaffte. Ich wurde aus meinem Kurs geschmissen und versuchte irgendwann sogar, mich umzubringen. Natürlich lag Letzteres nicht nur daran, dass ich eine Langschläferin bin – ich hatte zusätzlich noch mit anderen Dingen zu kämpfen. Trotzdem hat es einen Teil zu meiner schlechten psychischen Verfassung beigetragen, denn ich hatte permanent ein schlechtes Gewissen und fühlte mich schuldig. Es hielt mich davon ab, wieder gesund zu werden, weil es mir das Gefühl gab, dass diese schreckliche Stimme in meinem Kopf Recht hat. Die Stimme, die sagt, ich wäre fauler als der Rest. Dümmer. Erfolgloser.
Mittlerweile geht es mir wieder viel besser, aber manchmal denke ich das immer noch. Genauer gesagt immer dann, wenn ich 15 Mal snooze. Selbst am Wochenende bekomme ich dann ein schlechtes Gewissen. Das ist doch scheiße, oder? Ich finde, das muss endlich aufhören.
„Dann bist du eben später als alle anderen imBüro. So what?!“, sagt Charly Cox, eine Autorin, deren Debütbuch She Must Be Mad innerhalb kürzester Zeit zum Bestseller wurde. „Das holst du wieder auf, in dem du hart arbeitest und auf dich und deine Gesundheit achtest – und dazu zählt nicht, dich selbst zu bestrafen, nur weil irgendein ach so perfekter CEO schon vor Stunden aufgewacht ist, Sport gemacht, gefrühstückt und gearbeitet hat, bevor du aufgestanden bist“.
Dieses Zitat hätte ich bitte gern in mein Gehirn tätowiert. Die Wissenschaft weiß nicht alles, aber zumindest weiß sie: Es gibt zwei verschiedene Typen. Nicht einen richtigen und einen falschen Typ Mensch, sondern einfach. Zwei. Typen. Unterschiedlich und unabhängig von einander. Wenn du eine Eule bist, dann vergleich dich nicht mit etwas, zu dem du aus irgendeinem Grund einfach nicht im Stande ist. Strukturiere und organisiere dir dein Leben so, dass es dir dabei hilft, das Beste aus dir rauszuholen – und nicht aus der Person, die du gern wärst. Um es kurz zu machen: Es ist Zeit, die Flügel auszubreiten und durch die Nacht zu fliegen. Cheesy, aber wahr.
Ich habe jedenfalls meinen Neujahrsvorsatz noch mal geändert. Statt eher aufzustehen versuche ich jetzt, produktiver und zu jeder Tages- und Nachtzeit netter zu mir selbst zu sein. Ich rate dir, das Gleiche zu tun. Und den kompletten Twitter Thread zu lesen, denn der wird dir jede noch so einsame Nacht sicher versüßen.
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