Jorja Smiths Erfolgsrezept ist so gar nicht 2018

Photo: Courtesy of Nike
Auf meine Frage, ob es etwas gibt, das Jorja Smith in Bezug auf ihre musikalische Karriere im Nachhinein anders gemacht hätte, kommt das deutliche „nein“ schneller aus der Pistole geschossen, als ich die Frage zu Ende stellen kann. Und das nicht aus Überheblichkeit oder Abgestumpftheit, ganz im Gegenteil, Smith könnte sanfter kaum sein. Was mir ihr selbstsicher gesprochenes „nein“ jedoch beweist ist, dass vor mir eine junge Künstlerin steht, die genau weiß, warum und vor allem wie sie dort hingekommen ist, wo sie heute ist und was sie will. Ich beneide das.
Nach kurzem Überlegen fügt sie hinzu, dass auch sie den gelegentlichen was wäre wenn-Gedanken hat. „Aber alles in allem bin ich froh über den Ausgang der Dinge und selbst wenn etwas scheinbar schief gelaufen ist, dann habe ich daraus gelernt. Fehler gibt es keine, nur Lehren.“
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Wir teilen uns backstage ein Sofa, während sie nach ihrem Auftritt heißes Wasser mit dicken Zitronenscheiben darin trinkt – der Klassiker. Das trinken sicher alle Stimmwunder nach ihren Sets, denke ich und frage mich, wieso mich der Anblick dieses After-Show-Rituals für die Stimmbänder so erfreut. Aus meinen Gedanken reißt es mich erst, als Smith aufsteht, um jemanden innig zu verabschieden und dabei ihre Tasse umwirft. Natürlich auf das iPhone, das ich noch zu retten versuche, natürlich kläglich scheitere und stattdessen beginne, das triefende Teil unbeholfen an meiner Jeans und einer nahegelegenen Decke zu trocknen. Panik steigt in mir auf, als mir bewusst wird, dass ich gerade Zeugin davon wurde, wie der wohl wertvollste Besitz eines*r jeden Millennials zerstört wird. Doch dann erinnert Smith mich daran, dass die neuen Modelle ja wasserdicht sind. Während sie es sich wieder auf dem Sofa gemütlich macht, versuche ich mich ihrer natürlichen Coolness anzupassen und lässig mit dem Interview fortzufahren.

Ich schreibe schon so lange und arbeite wirklich hart an meinen Zielen, aber ich nehme mir auch für alle meine Projekte die Zeit, die ich brauche.

Jorja Smith
Smiths Platz am Tisch der begnadetsten Musiker*innen unserer Zeit ist unstreitbar, denn ihre Auszeichungen und Erfolge sprechen für sich: Kollaborationen mit Künstlern wie Drake oder Stormzy, Vor-Act von Bruno Mars, der Gewinn des BRIT-Awards und die Veröffentlichung ihres lange erwarteten Albums Lost and Found. Von Außen betrachtet scheint ihr Aufstieg zum Superstar plötzlich, doch das stimmt nicht so ganz. „Ich schreibe schon so lange und arbeite wirklich hart an meinen Zielen, aber ich nehme mir auch für alle meine Projekte die Zeit, die ich brauche“, erklärt sie mir.
Das gilt auch für ihr Album, das von Musikfans und Kritiker*innen gleichermaßen gelobt wurde. Und auch Smith ist stolz auf ihr Werk: „Ich liebe es, ich liebe es wirklich“, freut sie sich. „Es fühlt sich einfach richtig an und ich bin sehr stolz darauf.“ Verständlich. Beim Konzert vor einer für sie recht bescheidenen Anzahl an Fans für ein Nike-Event namens „The Force is Female“ kennen die Gäste alle ihre Texte auswendig. „Es ist das erste Mal seit meinem Album-Release, dass ich mitbekomme, wie Menschen meine Lyrics mitsingen und sie die Worte berühren. Ich denke immer noch bei jedem Auftritt ‚what the fuck?‘“, versucht sie sich ihr gleichermaßen seltsames wie grandioses neues Leben selbst zu erklären, entschuldigt sich aber vorher für ihren Kraftausdruck.
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Photo: Courtesy of Nike
Zu viel möchte sie sich mit ihrer rasant wachsenden Bekanntheit aber nicht beschäftigen. „Ich glaube, ich würde verrückt werden, würde ich mich aktiv dahinein begeben.“ Beängstigend, für wie viele Fans du plötzlich die Welt bedeutest, denke ich laut vor mich hin. „Ist es, aber ich bin auch nur ein normaler Mensch und dazu noch super schüchtern.“ Deswegen fällt ihr der direkte Kontakt nach Konzerten oder den Sozialen Medien nicht so leicht, wie andere Bereiche – wie das Performen oder Songs zu schreiben. „Manchmal wird mir alles zu viel und ich möchte einfach für mich sein.“ Früher hat auch sie sich im Digitalen verloren und sich dem Druck hingegeben, möglichst präsent auf Social Media zu sein. Heute ist es ihr egal, „weil es nicht echt ist.“ Gleich zu Beginn der Karriere mit einer gesunden Distanz an die Medien heranzutreten ist eine Herangehensweise die mir äußerst smart erscheint. Denn wenn Smith postet, hat ihr Content dadurch automatisch einen gewissen Wert, wie beispielsweise ihr Engagement als Mentorin für junge Frauen in Zusammenarbeit mit Nike sowie einer Handvoll befreundeter Stylist*innen, Produktdesigner*innen und Fotograf*innen. Gemeinsam möchten sie neuen Talenten dabei helfen, in der Kreativbranche Fuß zu fassen. Ein durchaus beliebtes Berufsfeld, das auf manche jedoch einschüchternd wirken mag, „doch wenn es eine Frau gibt, an der man sich orientieren kann, ein Vorbild, das einem den Weg aufzeigt, fühlt man sich bestärkt.“

Ich habe genauso meine Probleme, auch wenn online alles so perfekt und spannend aussehen mag. Schon in der Kindheit dachte ich, ich passe nirgendwo hinein, und musste erst lernen, mich selbst zu lieben.

Jorja Smith
Smith kennt berufliche Unsicherheiten genauso, freut sich aber über die Entwicklungen der Musikbranche, denn es ist endlich Platz für zahlreiche Künstler*innen mit unterschiedlichen Styles und Klängen. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen ein Typ Sänger*in eine bestimmte Art Song singen durfte. „Ich beobachte heute definitiv eine Öffnung der Branche und liebe es, talentierte, positive Frauen wie Adwoa [Aboah] zu treffen, die einfach ihr Ding durchziehen.“
Ich erlebe Smith als Person, die ebenfalls ihr Ding durchzieht und das auch noch auf eine selbstsichere, abgeklärte, elegante und coole Art. Doch ihr ist wichtig zu betonen, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. „Ich habe genauso meine Probleme, auch wenn online alles so perfekt und spannend aussehen mag. Schon in der Kindheit dachte ich, ich passe nirgendwo hinein, und musste erst lernen, mich selbst zu lieben.“ Sie hofft, bei Menschen vor allem als ehrliche und nette Person in Erinnerung zu bleiben. Bei mir hat sie ihr Ziel definitiv erreicht. Bei der Verabschiedung nimmt sie mich in den Arm und bedankt sich für meine Zeit. Ich hingegen stammle unterschiedliche, kaum verständliche Versionen von 'danke' und werfe beim Verlassen des Raumes noch ein „Ich hoffe, dein Handy ist okay“ hinterher und denke dabei, dass Jorja Smith wohl eine der freundlichsten Personen ist, die seit langem getroffen habe.
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