Ich wurde mit 29 gefeuert & es war das Beste, was mir je passiert ist

Foto: Franey Miller
Als ich mich an einem Donnerstagmorgen auf den Weg zur Arbeit machte, dachte ich, es wird ein Tag, wie jeder andere. Ich ahnte nicht, dass ich am Mittag schon wieder nach Hause gehen würde. An besagtem Morgen fiel mir auch nicht auf, wie leise mein Team da saß, während ich meine Präsentation hielt. Ich merkte nicht, dass die Kolleg*innen mir ständig komische Blicke zuwarfen. Dann kam mein Manager ins Office und bat mich um ein Gespräch unter vier Augen. Und noch immer war ich ahnungslos darüber, was gleich auf mich zukommen würde. Im Gegenteil, ich freute mich auf das Gespräch, weil ich kürzlich einige Probleme angesprochen hatte und dachte, dass sie endlich Gehör gefunden hatten. Und ja, man hatte sich mit meinen Anliegen beschäftigt, nur bestand die Lösung darin, unser Arbeitsverhältnis zu beenden.
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Gefeuert zu werden ist nicht wie in einer Sitcom, in der der Boss einem ins Gesicht schreit: „Sie sind gefeuert!“ und dann die Tür vor der Nase zuschlägt. In meinem Fall wurde das Wort selbst nicht mal in den Mund genommen. Und doch wussten wir beide genau, worauf das Gespräch zwangsläufig hinausführte. Mir wurde gesagt, mein Vertrag liefe bald aus und man hätte beschlossen ihn nicht zu verlängern. Obwohl ich bis zu dem Zeitpunkt eigentlich dachte, ich würde in dem Unternehmen bleiben. Immerhin war ich verantwortlich für das Marketing eines neuen Tech-Produkts und die Präsentation, die ich an dem Morgen hielt, war der Launch-Plan für das kommende Jahr. Ein Plan, den ich ausführen würde – zumindest glaubte ich das.

Gefeuert zu werden ist nicht wie in einer Sitcom, in der der Boss einem ins Gesicht schreit: „Sie sind gefeuert!“ und dann die Tür vor der Nase zuschlägt.

Ich wollte offen und ehrlich mit dieser Situation umgehen, also habe ich nicht versucht zwanghaft eine unsinnige Erklärung dafür zu finden, nur um mich aus der Verantwortung zu ziehen. Ich akzeptierte, dass die Kündigung einzig und allein an mir lag. Und doch erinnere ich mich an alles eher schleierhaft. Ich weiß noch, dass mir gesagt wurde, ich solle bitte nicht der Company die Schuld daran geben. Außerdem wurde mir immer wieder versichert, dass das alles nichts mit meiner Performance zu tun hätte – es ging lediglich um mich als Menschen! Er sagte, man hätte mir angesehen, wie schlecht es mir ginge und dass eine neue berufliche Perspektive das Beste für mich wäre.
Es stimmt, ich war lange nicht mehr zufrieden in meinem Job, aber Kündigen kam mir nicht in den Sinn. Ich beschwerte mich über meine Situation, weil ich zu naiv war, um zu sehen, was ich alles hätte verbessern können. Die Hälfte meines Teams saß in einem anderen Büro in einer anderen Stadt, was zu vielen Kommunikationsschwierigkeiten führte. Dadurch verlor ich nach und nach den Respekt und das Vertrauen meiner Mitarbeiter*innen. Gleichzeitig war mein Privatleben eine einzige Baustelle. Ich hatte mit psychischen Problemen zu kämpfen, war aber nicht in der Lage gesund damit umzugehen. All diese negativen Einflüsse wirkten sich eben auch auf meine Stimmung auf der Arbeit aus.
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Ich versuchte während des Gesprächs mit meinem Manager meine Haltung zu wahren und ließ mir nicht anmerken, wie ich mich in dem Moment wirklich fühlte. „Ich danke Ihnen“, sagte ich zu meinem Vorgesetzten. „Es ist wirklich schade, dass Sie sich so entschieden haben, aber ich verstehe es. Könnte ich jetzt bitte nach Hause gehen?“
Ich lief zurück in unser kleines Office und packte leise meine Sachen. Der CEO kam noch vorbei, um sich von mir zu verabschieden, aber ich rannte schnell aus dem Gebäude, weil ich nicht wollte, dass er mich weinen sieht. Draußen waren die Tränen nicht mehr aufzuhalten.

Als ich Zuhause ankam, breitete sich diese Leere in mir aus.

Als ich zu Hause ankam, breitete sich diese Leere in mir aus. Einige meiner (nun Ex-)Kolleg*innen schickten mir mitfühlende Nachrichten. Und zu allem Überfluss rief mich auch noch die Person an, an die ich meine Arbeit übergeben sollte. Er sagte mir aufmunternd, ihm sei das auch mal passiert und dass ich irgendwann zurückblicken würde und glücklich darüber sein könnte.
Aber ich war noch lange nicht bereit, das zu glauben.
Ich schrieb meinen Freund*innen, was passiert war. Viele von ihnen riefen mich sofort an und erklärten mir immer und immer wieder, dass es überhaupt keinen Grund gäbe, mich zu schämen. Beim Essen mit meiner Mutter versicherte sie mir, dass ich bloß unter Schock stünde und alles in ein paar Tagen wieder besser aussehen würde.
Als mein Freund vor sechs Jahren starb, warf mich das komplett aus der Bahn. Meine Mutter sagte mir damals, dass alles andere im Vergleich dazu einfach zu verkraften sein werde. Damit hatte sie auch recht, aber das Gefühl, das ich nach der Kündigung verspürte, kam sehr nah an die Trauer von damals heran. Und so wie damals, schimpfte ich über alles und jeden. Ich wollte wütend sein, denn Wut betäubte die schmerzhafte emotionale Wunde, die hinterlassen wurde.
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Dass ich gefeuert wurde, konnte ich nicht auf die Wirtschaft oder ein scheiterndes Business schieben. Es war einzig und allein meine Schuld. Trotzdem hatte ich großes Glück, denn finanziell musste ich mir keine Sorgen machen. Und so war der emotionale Aspekt mein einziges Problem als arbeitslose 29-Jährige: Ich schämte mich zutiefst.

Es war, als hätte ich eine ansteckende Krankheit und die Leute hätten Angst sich damit zu infizieren.

Menschen reden nicht gerne darüber, dass sie gefeuert wurden. Ich habe auch sehr schnell herausgefunden, warum das so ist: Als Arbeitslose neue Leute kennenzulernen ist ein Kraftakt. Wenn ich ihnen keine zufriedenstellende Antwort darauf geben konnte, was ich beruflich mache, verwirrte es sie so sehr, dass sie manchmal sogar unfreundlich wurden. Eine Frau fragte mich beispielsweise direkt: „Was hast du falsch gemacht?“ und auch wenn es sehr unhöflich war, war sie wenigstens ehrlich und hat das gesagt, was jede*r gedacht hat.
Dass ich arbeitslos war, verringerte sogar meine Chancen auf dem Beziehungsmarkt. Wenn ich Männern in Dating-Apps erzählte, warum ich nicht arbeite, ghosteten sie mich. Bei einer Hochzeit saß ich neben dem einzigen, weiteren Single dort und während wir uns unterhielten, erzählte ich ihm meine Geschichte, worauf er nur meinte, dass ich sehr verbittert klänge. Es war, als hätte ich eine ansteckende Krankheit und die Leute hätten Angst sich damit zu infizieren.
Das Stigma, das an der Arbeitslosigkeit haftet, ist definitiv real. Je länger eine Person nicht arbeitet, desto geringer sind ihre Chance sich wieder erfolgreich in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Wir haben eine Arbeitskultur geschaffen, in der unser Job definiert, wer wir sind. Geht das verloren, verlieren wir uns selbst. Depressionen und Angstzustände sind besonders häufig bei Menschen aufzufinden, die seit ein paar Monaten arbeitslos sind. Dazu kommt, dass etwa jeder fünfte Suizid weltweit auf Arbeitslosigkeit zurückzuführen ist. Es ist schockierend! Warum sprechen wir nicht viel mehr darüber?
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Auch für mich, war der Job eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben. Ich war schon in jungen Jahren sehr erfolgsorientiert. Mit 26 war ich internationaler Head of Communications für ein erfolgreiches und sehr bekanntes Start-up. Doch jetzt musste ich herausfinden, wer ich ohne die Arbeit war – das machte mir Angst.

Jeder fünfte Suizid weltweit ist auf eine Arbeitslosigkeit zurückzuführen.

Eines Tages aber änderte sich meine Denkweise, als ich einen ehemaligen Kollegen auf einen Kaffee traf. Es war Hochsommer und gerade, als wir die Sonnenstrahlen genossen, sagte er: „Ich möchte auch das tun, was du tust.“ Bei seinen Worten wäre ich fast vom Stuhl gefallen. Er erklärte mir, dass er sich danach sehne, Zeit und Raum zu finden, um herauszufinden, was er wirklich im Leben wolle. Er sah mein Leben als etwas, dass er für sich auch anstreben wollte. Schließlich war ich in der Lage andere Berufe auszuprobieren und mich neu zu definieren. Und zugegebenermaßen, genoss ich die Zeit, in der ich nicht arbeitete. Ich konnte endlich all die Dinge tun, die ich so lange schon aufgeschoben habe. Zeitung lesen oder zu coolen Events zu gehen, waren jederzeit möglich.Ich konnte förmlich spüren, wie ich zu einer interessanteren Person wurde, deren Gedanken nicht ständig um Meetings und Emails schwirrten. Ich liebte das Leben außerhalb der Rush-hour – ein leeres Fitnessstudio, keine Warteschlangen bei der Post, keine Pendler*innen, die die Züge überfüllten. Ich traf mich mit Leuten in Elternzeit und freiberuflichen Kreativen zum Mittagessen. Ich hatte viel mehr Zeit für meine Freund*innen. Und nun war ich diejenige, die immer pünktlich war! Dieser Lebensstil und die daraus folgenden Freiheiten passten zu mir. Ich mochte die Person, zu der ich wurde, mit jedem Tag ein bisschen mehr. Der normale Büroalltag wurde für mich zum absoluten No-Go!
Nach einer Weile beschloss ich, mein eigenes Beratungsunternehmen zu gründen, und ich kann mit Stolz sagen, dass es bisher sehr gut läuft. Ich bin selbständig und mache mein Selbstbewusstsein nicht mehr von anderen abhängig. Mein Erfolg und mein Glück liegen nicht mehr in den Händen von Arbeitgeber*innen und es kommt nicht mehr darauf an, ob ich sympathisch genug bin oder zur Arbeitskultur eines Unternehmen passe – es geht nur darum, ob ich gute Arbeit leiste. Bisher sind meine Kund*innen sehr zufrieden, was vielleicht auch daran liegt, dass ich viel motivierter arbeite, seitdem ich tue, was mir Spaß macht.
Das Schlimmste, was mir beruflich passieren konnte, ist passiert. Aber es hat mich nicht in die Knie gezwungen, sondern nur stärker und furchtloser gemacht. Und jetzt gibt es nur noch einen Mann, für den ich früh aufstehe und das ist mein Personal Trainer, für den ich jetzt die Zeit und das Geld habe.
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