Die wahre Bedeutung des Einzelkind-Syndroms

Photographed by Megan Madden.
Egal, ob du selbst ein Einzelkind bist oder du nur jemanden in deinem Freundes- oder Bekanntenkreis hast, der oder die ohne Geschwister aufgewachsen ist: Bestimmt bist du schon mal mit Stereotypen zu diesem Thema in Berührung gekommen. Und ich könnte mir vorstellen, dass die meisten davon sind nicht gerade positiv waren. 
Viele Menschen sind der Meinung, Einzelkinder sind verwöhnt, egoistisch, aggressiv, narzisstisch veranlagt, unselbständig und manchmal sogar etwas merkwürdig. Denk nur mal an all die fiktiven Einzelkinder in Film und Fernsehen (ich sage nur: Regina George oder Dudley Dursley). Der Mix dieser von Vorurteilen geprägten Charakterzüge wird oft auch als Einzelkind-Syndrom bezeichnet, was natürlich keine echte medizinische Erkrankung ist, aber trotzdem gerne dafür genutzt wird, die Persönlichkeit von Einzelkindern zu beschreiben.
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Schon seit dem 19. Jahrhundert ranken sich viele Mythen um das Thema Einzelkinder, erklärt die Sozialpsychologin Dr. Susan Newman. Damals ging es vor allem um Bauernkinder, die isoliert von anderen Kindern und ohne Geschwister aufwachsen mussten. Heutzutage haben Kinder allein durch Kindergarten und Schule aber ein recht ausgeprägtes soziales Umfeld. „Deshalb ist die Annahme, Einzelkinder wären einsam, einfach nur veraltet“, meint die Psychologin. Tatsächlich zeigen viele Studien mittlerweile, dass viele der Vorurteile über Einzelkinder nicht mal ansatzweise wahr sind.
Trotzdem spielt die Familienstruktur, in der eine Person aufwächst, natürlich eine große Rolle im Erwachsenenleben. Zum Beispiel sind Einzelkinder in der Regel unabhängiger und in der Lage, sich besser allein beschäftigen zu können als Menschen mit Geschwistern, betont Dr. Newman. Ali, ein 25-jähriges Einzelkind, sagt, sie ist von Natur aus eher introvertiert. Das liegt daran, dass sie als Kind viel Zeit allein verbracht hat, meint sie. „Als erwachsene Frau fühle ich mich absolut wohl dabei, allein zu sein und den ganzen Tag keine andere Person zu sehen“, sagt sie. „Ich bin es schon von klein auf so gewohnt, also stört mich es auch als Erwachsene nicht, wenn keine Menschen um mich herum sind.“
Da Einzelkinder nicht unbedingt eine vorgegebene Bezugsgruppe oder Weggefährt*innen haben, verlassen sie sich oft mehr auf ihre Freund*innen, sagt Dr. Geoffrey Greif, Professor an der Universität von Maryland und Co-Autor von Adult Sibling Relationships. Das kann gute und schlechte Folgen haben, meint die 29-jährige Gracie. Weil sie als Kind keine Geschwister zum Spielen hatte, ist sie heute gerne oft in Gesellschaft von anderen. Und manchmal vergisst sie dabei, auch mal Zeit für sich zu haben. „Es hat lange gedauert, bis ich gemerkt hab, dass es auch wichtig ist, etwas Me-Time in meinen Alltag zu integrieren“, meint sie.
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Andererseits wird Einzelkindern oft nachgesagt, sie hätten Probleme damit, zwischenmenschliche Beziehungen aufrecht zu erhalten, weil sie egoistisch seien und keine Kompromisse eingehen könnten. „Ich fühle mich schon wichtiger, als ich eigentlich bin“, gesteht Erin, ein 30-jähriges Einzelkind. Und trotzdem macht sie sich immer Gedanken darüber, was andere über sie denken. Der 27-jährige Nick erzählt, dass sein Einzelkind-Status oft auch ein Thema in seinen Beziehungen war: „Manchmal wird das als Totschlagargument in einem Streit genutzt und das ärgert mich schon sehr.“
Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aufzuwachsen, kann also Segen und Fluch zugleich sein. „In eine Familie hineingeboren zu werden, die nur ein Kind will, kann eine schöne Erfahrung sein. Das Kind wird einer Reihe von Aktivitäten, wie Reisen, ausgesetzt, die eigentlich eher für Erwachsene bestimmt ist und dadurch erlebt es schon früh viele intellektuell stimulierende Dinge“, erklärt Dr. Greif. Tatsächlich werden Einzelkindern mehr Möglichkeiten zur Weiterbildung geboten, als Menschen mit Geschwistern und sie haben den Luxus, mehr Zeit mit ihren Eltern verbringen zu können, fügt Dr. Newman hinzu. Auch Nick glaubt, dass die Beziehung zwischen Eltern und Einzelkindern viel intensiver ist: „Als Kind hatte ich keine Probleme damit, mich selbstbewusst mit Erwachsenen zu unterhalten – meine Ein-Kind-Erziehung hat meine Kommunikationsfähigkeiten stark gefördert.“
Es wird also langsam Zeit, dass wir die Vorurteile über Einzelkinder endlich über Bord werfen. Es werden ohnehin schon weniger Kinder als früher geboren und dieses negative Bild von Einzelkindern hilft ganz und gar nicht, meint Dr. Newman. Ob und wie viele Geschwister du hast, prägt nur einen Aspekt deiner Entwicklung, aber noch lange nicht dein ganzes Wesen. Für jede Regina George auf dieser Welt gibt es eine Wonder Woman, die überhaupt nicht in das Klischee des Einzelkindes passt. Außerdem können Menschen mit Geschwistern auch egoistisch sein.
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