Erfolgreich scheitern: Vom Druck, aus Niederlagen lernen zu müssen

Mit Anfang 20 zog ich extra für einen Job nach London. Als mich mein Vorgesetzter eines Tages bat, in sein Büro zu kommen, hatte ich dort gerade mal ein paar Wochen gearbeitet. Er feuerte mich. Ich durfte noch nicht einmal zurück zu meinem Schreibtisch gehen und meine Sachen zusammenpacken. Also rannte ich zu einer öffentlichen Toilette und heulte gefühlt eine ganze Stunde, bis ich mich endlich dazu bringen konnte, wieder unter Menschen zu gehen. Mit gesenktem Kopf ging ich zur U-Bahn, fuhr nach Hause und versuchte dabei, meine roten, geschwollenen Augen zu verstecken. Es war ein richtig beschissener Tag. Eine beschissene Woche.
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Mittlerweile denke ich nur noch sehr selten daran zurück. Doch vor kurzem kamen die Erinnerungen dann wieder hoch – bei einer Unterhaltung zum Thema Scheitern. Es ging darum, ob uns Misserfolge antreiben und im Endeffekt stärken oder nicht.
Wie du vielleicht schon bemerkt hast, sind Fehlschläge und Erfolglosigkeit gerade im Trend. Bücher, Podcasts und TED-Talks erzählen von der positiven Seite des Versagens. Davon, dass es überhaupt nicht schlimm ist, wenn mal was schiefgeht – ganz im Gegenteil! Misserfolge sind der Schlüssel zum Erfolg und deswegen sollen wir jetzt auch alle besser im Scheitern werden. Wir sollen krasser scheitern; achtsamer. Während Scheitern früher schlichtweg keine Option war, heute wird es sogar angestrebt.
Wenn das stimmt, war es also gut, dass ich Anfang 20 gefeuert wurde! Und tatsächlich hatte ich zwei Wochen nach der Kündigung bereits einen neuen, besser bezahlten Job und nettere Kolleg*innen. Aber auch nur, weil ich gar keine andere Wahl hatte, als mich direkt nach dem ich entlassen wurde überall zu bewerben und Tag und Nacht nach einer neuen Arbeit zu suchen. Ich hatte damals gerade erst einen einjährigen Mietvertrag für meine Wohnung unterschrieben. Die Frage ist, hat mich die ganze Sache wirklich stärker gemacht? Oder hat mein Selbstvertrauen so sehr darunter gelitten, dass ich mich und meine Arbeit seitdem ständig hinterfrage?
2008 hielt J.K. Rowling eine Rede an der Harvard University, in der sie die Absolvent*innen dazu ermutigte, keine Angst vor Misserfolgen zu haben. Sie sagte, es wäre unmöglich durchs Leben zu gehen und dabei nicht ab und zu mal zu scheitern. Es sei denn, man lebt extrem vorsichtig und behutsam, aber dann kann man ebenso gut überhaupt nicht leben – und das würde wiederum bedeuten, man scheitert automatisch. Ihre Worte wurden weit über die Universitätsmauern hinausgetragen und 2015 schließlich als Grundlage für das Buch Very Good Lives: The Fringe Benefits of Failure genutzt. In einer Zeit, in der wir uns durch die sozialen Medien dazu gedrängt fühlen, uns immer im besten Licht darzustellen, sorgte Rowlings Rede für Erleichterung. Von jemanden die Erlaubnis zu bekommen, scheitern zu dürfen und erzählt zu bekommen, dass Misserfolge unvermeidbar sind, lies viele aufatmen. Stück für Stück sprachen immer mehr Menschen offen über ihre persönlichen Fehlschläge.
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Ich denke, es ist eine gute Sache, dazu ermutigt zu werden, sich mit dem Thema Scheitern anzufreunden. Es ist eine Kampfansage an den Perfektionismus, der sich wie ein Virus in allen Bereichen unseres Lebens verbreitet hat. Die Angst vor Misserfolg ist ein definierendes Merkmal des Perfektionismus. Rückschläge zu normalisieren und zu mehr Selbstmitgefühl aufzurufen, wenn mal etwas nicht so läuft wie geplant, kann ein Schritt in die richtige Richtung sein. Aber irgendwo auf diesem Weg hat sich die Akzeptanz des Scheiterns in ein Feiern des Scheiterns verwandelt – und in die Theorie, dass Misserfolge das Sprungbrett zum Erfolg sind.
Das Mantra von X, der Forschungsabteilung des US-amerikanischen Unternehmens Alphabet Inc., lautet beispielsweise: Fail fast, fail often. Die Angestellten des Unternehmens, das radikale neue Ideen für Google testet, werden also aktiv dazu ermutigt, Mist zu bauen. Diese Glorifizierung des Scheiterns hatte einen Welleneffekt. Bei der globalen Bewegung Fuckup Nights treten nun beispielsweise Unternehmer*innen auf und teilen ihre Geschichten von gescheiterten Start-ups und erfolglosen Ideen. Es gibt mittlerweile sogar richtige Failure Partys! Dort wird dann auf die Scheiße angestoßen, die man früher gebaut hat – mit einem Glas Champagner, den man sich jetzt natürlich leisten kann, weil man reich und erfolgreich ist. Womit wir auch schon beim Haken der Sache wären: Misserfolge können nur als etwas positives gesehen werden, wenn sie in der Vergangenheit liegen und wir durch ihre Hilfe letztendlich erfolgreich geworden sind. Und zwar so richtig erfolgreich. Dann, und nur dann, sind Misserfolge wie ein Instagram-Filter, der Erfolge noch besser aussehen lässt.
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Auch wenn es beruhigend ist, zu wissen, dass jede*r mal einen kleinen oder großen Rückschlag erleidet, bin ich mir nicht ganz sicher, ob der Hype ums Scheitern wirklich so hilfreich ist. Ich meine wie in aller Welt soll es mir helfen, die Geschichte einer Redakteurin zu kennen, die gefeuert wurde, auf den Schreck erst Mal Urlaub in einem Luxusspa gemacht hat und dann über Kontakte ein extrem lukratives Jobangebot bekommen hat, ohne sich jemals aktiv bewerben zu müssen? Sollte ich mir wirklich einen Talk anschauen, in dem ein sehr erfolgreicher Fernsehmoderator erzählt, wie schlimm es damals für ihn war, nur von “der anderen“ Oxbridge-Uni angenommen zu werden und nicht von seiner ersten Wahl – sprich: in Oxford statt in Cambridge studieren zu müssen?
Durch den Trend des Misserfolg-feierns sollen wir lernen, bei niemanden läuft immer alles glatt. Aber die meisten von uns sind sich dessen mehr als bewusst. Abgesehen davon, dass wir uns mit vielen Storys einfach nicht identifizieren können, wird uns ein direkter Zusammenhang zwischen Erfolg und Misserfolg vorgegaukelt. Als ob es ein Naturgesetz gäbe, dass auf jede negative Erfahrung immer eine positive folgt. In der Realität ist das aber nun mal nicht immer der Fall. Scheitern ist und bleibt beschissen – da hilft auch das beste Rebranding nicht. Die Erwartungshaltung, jeden Misserfolg in einen Erfolg umwandeln zu müssen, kann für einen enormen Druck sorgen. Dazu kommt die schwierige Idee, Misserfolge wären ein Zeichen für ein volles, erfülltes Leben. Doch nicht jede*r kann es sich finanziell und mental überhaupt leisten, Misserfolge zu riskieren.
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Das ganze Konzept des Scheiterns ist mittlerweile auch ziemlich konfus. Wenn es um die persönliche Karriere und die Wirtschaft im Allgemeinen geht, macht es vielleicht noch einigermaßen Sinn, vom Lernen von Fehlern zu reden und davon, es beim nächsten Mal besser zu machen – auch wenn Umstände außerhalb unserer Kontrolle, die uns helfen oder zurückhalten können, dabei komplett ignoriert werden. Doch wenn es dann um Themen wie Freundschaften, Familie, Beziehungen, Gesundheit und Co. geht, wird die Sache verzwickter. Wie definiert man Erfolg und Misserfolg in diesen Bereichen des Lebens? Versuchen wir am Ende nicht alle einfach nur, irgendwie klarzukommen?
Scheitern ist an sich ein sehr komplexes und verwirrendes Konzept, doch durch die aktuelle Bewegung ist es zu einem richtigen Buzzword geworden. Es wurde glattgeschliffen, aufpoliert und lässt jetzt keinen Raum mehr für Nuancen.
Fazit: Wir sollten auf jeden Fall mehr und offener über den ganzen Schlamassel reden, der uns so passiert. Wir sollten mit unseren Misserfolgen Frieden schließen und lernen, nachsichtiger mit uns selbst zu sein, wenn mal etwas schiefgeht. Aber wir sollten auch realisieren, dass Misserfolge manchmal einfach nur Misserfolge sind. Nicht jedes Unglück hat sein Gutes. Es gibt nicht immer einen Silberstreif am Horizont. Und auch wenn es in den Medien gerade anders wirkt, musst du nicht lernen, erfolgreicher zu scheitern. Du musst einfach nur überleben.
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