Asia Argentos Missbrauchsfall schockiert, tut dem #MeToo-Movement aber gut

Photo: Pascal Le Segretain/Getty Images.
Am vergangenen Sonntagabend veröffentlichte die New York Times eine Reportage, die in die ganze Welt hinaushallte – Asia Argento, die italienische Schauspielerin, Regisseurin und eine der Vorreiterinnen des #MeToo-Movements sowie eine der ersten, die mit den Vorwürfen gegen Harvey Weinstein an die Öffentlichkeit ging, soll den damals minderjährigen Jimmy Bennett sexuell missbraucht haben. TMZ veröffentlichte daraufhin ein Foto, das Argento und Bennett im Bett zeigen soll, sowie mehrere vermeintliche SMS, in denen sich die Schauspielerin im Austausch über die Schlagzeilen mit eine*r unbekannten Person zu zeigen scheint. Am Dienstagabend wies Argento die weitreichenden Anschuldigungen gegen sich via Twitter zurück. Darin machte sie deutlich, sie wäre lediglich mit dem Teenager befreundet gewesen. Als dieser versuchte, sie und ihren damaligen Lebensgefährten, der verstorbene Anthony Bourdain, finanziell zu erpressen, hätte das Paar sich dazu entschieden, sich außergerichtlich mit Bennett zu einigen – etwa 225.000 Euro sollen bei diesem Deal geflossen sein.
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Aufgrund von Argentos öffentlicher Rolle als eine der stärksten und lautesten Sprachrohre des #MeToo-Movements, schlagen die Anschuldigungen gegen sie seitdem besonders hohe Wellen. Unterstützer*innen teilen sich in zwei Lager: jene, die weiterhin hinter der Schauspielerin stehen, und diejenigen, die die gesamte Bewegung wegen der jüngsten Ereignisse gefährdet sehen. Zu letzterer Gruppe zählt sich auch Tirana Burke, die als Initiatorin von #MeToo gilt. Rose McGowan riet Argento, sich besser zu verhalten als Harvey Weinstein – der Mann, der sie beide sexuell missbrauchte und bis heute leugnet, schuldig zu sein. Klare Worte – und doch schweigt Argento. Auch wenn vieles noch unklar ist, steht eines fest: Das Timing ist deutlich schlecht, denn der Prozess gegen Harvey Weinstein hat gerade erst begonnen.

Was bedeutet dies für das #MeToo-Movement?

Und doch wäre nun ein Moment des Innehaltens angebracht. Wir leben in einer Ära, in der es wenig bedarf, um Bewegungen, Ideen, Gedanken oder Prominente in ihrer Gesamtheit abzufertigen und zu negieren. Diese sogenannte Cancel Culture, in der ein Fehltritt ausreicht, um das Ende zu bedeuten, findet sich auch in Argentos Fall wieder. Hier einige Anschauungs-Beispiele aus dem ursprünglichen New York Times Artikel: „Kanye West ist gecancelt, weil er Donald Trump nicht gecancelt hat, Yara Shahidi ist gecancelt, weil sie eine Debatte um Colorism in der Show Grown-ish beendet haben soll, Shania Twain ist gecancelt, weil sie für Trump gestimmt hätte, wäre sie Amerikanerin.“ Diese Ablehnungsmentalität droht jetzt das Ende der #MeToo-Bewegung einzuläuten, weil McGowan und Argento keine perfekten Opfer sind – ihr Kampfgeist wird negiert von den sie umkreisenden Anschuldigungen. Wer gegensätzliches behauptet, ist törricht. Aber #MeToo wird nicht gecancelt, es festigt nur die Dringlichkeit, sich kritisch mit den Fehlern anderer auseinanderzusetzen zu können, während man gleichzeitig seine eigenen Vorurteile in Frage stellt. Seit Stunde eins geht es bei dem Movement um den höchst polarisierenden Kampf von „er sagt“, „sie sagt“ und dieser jüngste Fall ist nichts anderes. Was wir jetzt brauchen, ist eine klare Abstufung.
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#MeToo ist nicht perfekt, kann es aber noch werden

Es stimmt, die Anschuldigungen gegen Argento sind ernst genug, dass sie die Konversationen über #MeToo für einen kurzen Moment trüben mögen oder von ihnen überschattet werden, aber es gibt trotzdem einen gravierenden Unterschied, der in der Lage wäre, das Movement von einen anderem Blickwinkel heraus zu betrachten. So viel es auch richtig macht, einen Makel hatte es bisher: eine kurzsichtige Betrachtungsweise des Themas sexuelle Gewalt. Der Fokus lag bisher auf den Taten mächtiger (meist weißer) Männer gegen (meist weiße) Frauen aus der Mittelschicht. Burkes Vision war es ursprünglich POC aus einkommensschwachen Familien zu priorisieren. Es bleibt außer Frage, dass #MeToo einen internationalen Dialog losgetreten hat, Feinheiten sind trotzdem anpassungswürdig. Beispielsweise war die Definition des Opfers bisher sehr eng geschnürt, was die Komplexität des Themas im Allgemeinen nicht einfangen konnte.
Von Tarana Burke erstmals 2006 genutzt, gibt es den Hashtag #MeToo und den öffentlichen Diskurs seit etwa zehn Monaten. Seitdem werden viele Gruppen systematisch aus einer fairen Beteiligung am Dialog ausgeschloßen, darunter die gesamte Trans-Community, Menschen mit Behinderungen und andere vermeintliche Minderheiten. Wer außerdem vergessen wurde? Männer. Dieser Fall gibt Anhängern des Movements die Möglichkeit sich zu inkludieren, Teil der Unterhaltung zu werden und sich Gehör zu verschaffen.
Nur wenige Fälle, in denen Männer oder Jungen Opfer von sexueller Gewalt oder sexuellem Missbrauch wurden, sind an die Öffentlichkeit geraten. Die Anschuldigungen gegen Kevin Spacey, mehrere Priester der Katholischen Kirche und Dr. Richard Strauss, Teamarzt an der Ohio State University, sind nur drei medienstarke Beispiele – von unzählbar vielen ungehörten. Leider haben sich viele männliche Ankläger an den Außenlinien des Movements wiedergefunden ohne Chance, sich als inkludierter Teil dessen fühlen zu dürfen.
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Jüngstes Beispiel ist das von Nimrod Reitman. Seine Anschuldigungen gegen seine ehemalige Professorin Avital Ronell wurden vielfach medial aufgegriffen. Auch, weil dieser spezifische Fall durch den Fakt, dass beide Involvierten sich als homosexuell identifizieren, verkompliziert wird. Obwohl Ronell des Missbrauchs und der Belästigung beschuldigt wurde, fanden sich auf ihrer Seite viele Unterstützer*innen wieder – so auch die Gender-Theoretikerin Judith Butler. Reitman kämpfe weitestgehend allein.
Terry Crews, ehemaliger Footballspieler und Schauspieler war einer der ersten Männer, der mit ihrer #MeToo-Geschichte an die Öffentlichkeit ging. Im Oktober 2017 veröffentlichte er einige Details über einen Vorfall mit einem mächtigen Hollywood-Boss auf Twitter. Beim Lesen des Threads wird deutlich, wie fordernd ein solcher Gang an die Öffentlichkeit sein kann. Crews hatte Angst vor den Konsequenzen die ihn erwarten würden und sagte deshalb vorerst gar nichts und als er doch den Mut zusammennahm und #MeToo sagte, hörte fast keiner zu.
Oftmals gegen solche realen Beispiele gesellschaftlich unter, weil die aus dem vorgefertigten, sozialen Muster, wie (sexuelle) Übergriffe oder Fehlverhalten aussehen sollte und wer es begeht, herausfallen. Gleiches kann man im Argento/Bennett-Fall beobachten. Sie kann nur eines sein: Weinstein-Opfer oder männerfressende Cougar. Ihm wird entweder alles geglaubt oder gar nichts und überhaupt, „wie soll eine Frau einen Mann vergewaltigen?“ Das einzige, das bei dieser extremen Opfer-Bild-Vereinfachung herauskommt, ist eine erneute Vergegenwärtigung der Dringlichkeit von #MeToo.
Personen, die sich als Frauen und Mädchen identifizieren, werden häufiger Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen. Laut einer aktuellen Umfrage der Organisation Stop Street Harassment sind es sogar ganze 81 Prozent aller Frauen – aber eben auch 43 Prozent aller Männer. Schaut man unter diesem Gesichtspunkt auf #MeToo, gibt man der Bewegung nun die Möglichkeit, sich allen Opfern zu öffnen, die Identität auszuklammern und alle zu inkludieren, die Hilfe suchen. Das sollte primär das übergeordnete Ziel sein. Am Ende ist es nämlich durchaus möglich beide Rollen einzunehmen: die des Opfers und die des Täters.
Wir müssen beachten, dass es von der vermeintlichen Norm abweichende Geschichten gibt und dass eine Überholung unserer Vorurteile gegenüber sexuellem Missbrauch nötig ist. Damit dieses Movement erfolgreich sein kann, muss das Zusammenspiel von Gewalt, Sex und Macht in seiner Komplexität einerseits verstanden werden und diese Dynamik im besten Fall geändert versucht zu werden.
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