Wieso bei einer Ausbildung zum Influencer nur eine Einheitssuppe herauskommen kann

Traumberuf 2018: Influencer. Das was andere mit viel Geduld und Herzblut über Jahre aufgebaut haben, kann man jetzt in Berlin an der Influencer Marketing Academy innerhalb weniger Wochen aber dafür für mehrere tausend Euro lernen. Kurse wie „Fotografie & Visual Storytelling für Social Media”  oder „Influencer Pro – Certified”, die man sowohl an der Akademie vor Ort besuchen oder sich per Videokonferenz zuschalten kann, versprechen alle Grundlagen eines erfolgreichen YouTube-Kanals oder Instagram-Accounts zu lehren.

„Entweder werde ich Insta-Star, gehe zu Germany's Next Topmodel oder melde mich als Bachelor-Kandidatin an.”

Schülerin der 12. Klasse
Tja, es ist soweit. Influencer zu werden plant man heutzutage, früher wurde man es einfach über Zeit, weil man Inhalte produzierte, in denen man tatsächlich besser war als der Durchschnittsdeutsche – stylen, schminken, kochen oder fotografieren. Auf der Schule meiner Schwester wollen aus der 180 Schüler großen Abschlussklasse drei Jugendliche diesen Beruf ergreifen. „Entweder werde ich Insta-Star, gehe zu Germany's Next Topmodel oder melde mich als Bachelor-Kandidatin an”, sagt eine von ihnen. Ich frage mich währenddessen nur eines: Wenn das Profil nach der Teilnahme an einer TV-Show explodiert, nennt man sich dann Quereinsteiger? Ich kann ja verstehen, dass sich ein Leben als Instagrammer*in nach dem Life überhaupt anhört, um es mal in der Sprache der 18 Jährigen auszudrücken. Man reist mit seine*r*m obligatorischen Instagram-Ehemann*frau an malerische Traumorte, geht shoppen, macht danach noch daheim Pakete voll mit Pressegeschenken auf und geht abends in angesagte Restaurants, natürlich auch umsonst. Heute werden Beiträge von professsionellen Fotografen geschossen. Während all dieser Aktivitäten, die für die meisten Berufstätigen eher in der Freizeit stattfinden, posiert man dann noch schnell für einige hundert Schnappschüsse. Von denen wird dann ein Foto später in Photoshop aufwendig bearbeitet, danach zeitlich strategisch hochgeladen, mit Google-optimierten Texten versehen und trendenden Hashtags vertaggt, damit potentielle Kunden wie Kosmetik- oder Modemarken auch auf die Personen auf den Fotos aufmerksam werden. Klar, hört sich besser an als ein 40-Stunden-Job im Marketingbüro.
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Was ist das für 1 Life?

Das Drumherum kann man sicher alles lernen. Ich bezweifle nicht, dass eine Menge Arbeit hinter einem geldbringenden Account steckt. Mein Problem ist jedoch schon jetzt, dass extrem viele Profile extrem gleich aussehen. Hier ein*e Kaffee trinkende*r Influencer*in, da steht eine*r vor einer Hauswand und hab ein Outfit an, das die Fans unbedingt auch brauchen und dort zieht eine Bloggerin ihren Lipliner nach, der einfach in jeder Sammlung zu finden sein muss. Dieses Phänomen muss sich für meinen Geschmack nicht vermehren. Amelie Graen hat für die Huffington Post einen dieser Kurse besucht und ihrem sehr ehrlichen Bericht ist zu entnehmen, dass man als Absolvent der Instagram-Akademie genau einen solchen Feed produzieren wird. Ich werde nicht abonnieren, so viel ist klar. Bei mir stand nämlich jetzt schon Frühjahrsputz an. Seitdem folge zum großen Teil Menschen, die ich auch persönlich kenne und addiere einige wenige Influencer, denen ich abnehme, dass sie nicht jede Presseanfrage annehmen. Man nennt sie auch Micro-Infuencer. Sie haben zwischen 350 und 10.000 Fans und werden in der Regel nicht für Produktplatzierungen bezahlt (Cash gibt es erst ab 20.000 Followern, das hat Amelie bei ihrem Seminarbesuch gelernt.) Experten zufolge werden Micro-Influencer immer beliebter, was ich mehr als verstehen kann. Denen kaufe ich nämlich noch etwas ab; im übertragenen Sinne.
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