House of the Dragon kommt – aber nicht ohne Vergewaltigungs-Szenen

Foto: bereitgestellt von HBO Max.
Triggerwarnung: Im folgenden Artikel geht es um sexuellen Missbrauch und sexuelle Belästigung.
Es stellt sich heraus, dass man manchen realen Erfahrungen selbst in der Fantasy-TV-Welt nicht entkommen kann. Dazu zählt auch sexueller Missbrauch. Gerade erst erzählte Miguel Sapochnik, der Showrunner von House of the Dragon, gegenüber The Hollywood Reporter, das langersehnte Game-of-Thrones-Spinoff würde zwar weniger überflüssige Sexszenen enthalten (eine häufige Kritik gegenüber Game of Thrones), aber sehr wohl sexuellen Missbrauch darstellen. „Tatsächlich werden wir das Thema sogar sehr gründlich beleuchten“, sagte er. „Die Gewalt, die Männer damals gegen Frauen ausübten, lässt sich nicht ignorieren. Sie sollte nicht verharmlost und auch nicht glorifiziert werden.“
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Viele Fans sind allerdings der Meinung, es solle gar keine Szenen sexueller Gewalt in der Serie geben. Obwohl House of the Dragon natürlich längst nicht die erste TV-Serie ist, die Gewalt an Frauen als „spannenden“ Handlungspunkt oder als Aspekt der Charakterentwicklung (siehe: Downton Abbey, Reign und, ja, auch Game of Thrones) darstellt, wirkt dieses Klischee inzwischen ausgelutscht und faul. Insbesondere, weil auch diese Serie in einer Fantasy-Welt spielt.
„Es ist doch ein Fantasy-Universum, oder?“, fragt Dr. Kim Snowden, Professorin für feministische Medienwissenschaften an der University of British Columbia. „Wenn du dir eine Welt mit Drachen vorstellen kannst, warum dann keine Welt ohne Vergewaltigungen?“ Snowden, die zu Märchenmotiven in Vampir-Popkultur forscht, begegnet dieser Art von Geschichte viel zu oft. „Die erste Frage, die ich mir dabei immer stelle, ist: Warum?“, sagt sie. „Für wen macht ihr das, und warum zeigt ihr solche Szenen? Denn [in Serien wie House of the Dragon] geht es euch dabei sicher nicht um die Überlebenden sexueller Gewalt.“
Dass solche Serien sexuellen Missbrauch darstellen, ist dabei aber gar nicht so überraschend, sondern leider sogar ziemlich geläufig – vor allem in der Welt der Fantasy. Vor Game of Thrones und House of the Dragon nutzten schon Serien wie Outlander, Buffy – Im Bann der Dämonen und True Blood sexuelle Gewalt, um die Entwicklung bestimmter (häufig weiblicher) Charaktere voranzutreiben. 2002, als Buffy (Sarah Michelle Gellar) von ihrem vampirischen On-Off-Lover Spike (James Marsters) angegriffen und fast vergewaltigt wird, betrachteten viele Fans die Szene als völlig unpassend für den Ton der Serie und ihre Protagonistin. Manche boykottierten die Serie daraufhin sogar. Und 20 Jahre später gilt die Episode immer noch als Beispiel für die falsche Verwendung von Missbrauchsmotiven im TV.
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Die Entscheidung, genau dieses Motiv zu verwenden, ist ausschließlich genderbezogen, meint Snowden. Mit der Ausnahme einer Handvoll Serien (wie der sexuelle Missbrauch von James Fraser in der ersten Staffel von Outlander) richtet sich der Großteil der im TV dargestellten sexuellen Gewalt gegen Frauen – spezifisch gegen „Frauen mit Macht“, betont Snowden. Die Gewalt soll gleichzeitig deren Autorität untergraben und daraufhin als Charaktermakel fungieren, den es für sie zu überwinden gilt. In den fünf Staffeln nach Jamies Vergewaltigung in Outlander werden seine Frau Claire und seine Tochter Brianna – beides entschlossene Frauen – mehrfach vergewaltigt, was Jamie zur Rache bewegt oder den Frauen irgendeine „Lektion“ erteilen soll. Dasselbe lässt sich auch in Game of Thrones immer wieder beobachten. Sowohl Sansa Stark (Sophie Turner) als auch Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) werden sexuell missbraucht und durch sexuelle Gewalt bestraft. Ihre Verletzlichkeit und Machtlosigkeit in diesen Szenen sollen wohl im starken Kontrast zu ihrer späteren Macht in der Serie stehen. Die Message ist klar: Diese Macht können sie nur erlangen, nachdem sie ihr Trauma überwunden haben.
„Immer wieder wird [der Missbrauch] dafür benutzt, zu beweisen, dass die Frauen ihre spätere Macht verdient haben, weil sie in der Vergangenheit etwas so Traumatisches durchlebt haben. Dabei sagt das überhaupt nichts über diese Macht an sich aus“, meint Snowden. „Alles, was damit erreicht wird, ist eine Glorifizierung dieser Taten und der Irrglaube, dass mächtige Frauen immer zuerst Tragisches überwinden müssen.“

Wenn du dir eine Welt mit Drachen vorstellen kannst, warum dann keine Welt ohne Vergewaltigungen?

Dr. Kim Snowden
Fantasy-Serien sorgen außerdem für die Erhaltung von Vergewaltigungsmythen – wie zum Beispiel das Klischee, dass Frauen immer über ihren sexuellen Missbrauch lügen würden oder sich bei sexuellen Kontakten immer gern unterwerfen. „Ja, das Ganze spielt in einer Fantasiewelt, nicht in unserer Realität, aber ich befürchte einfach, dass [die Serie] mit einer weiteren Vergewaltigungs-Storyline zu diesen bestehenden Mythen beitragen würde“, spekuliert Karyn Riddle, die sich als Professorin an der University of Wisconsin in Madison mit Medienpsychologie befasst. Sexuelle Gewalt in einem Fantasy-Kontext zu zeigen, kann außerdem dazu führen, dass wir die Konsequenzen und Ernsthaftigkeit von Missbrauch in der realen Welt unterschätzen. „Wenn [die Gewalt] zu einem Fantasy-Aspekt wird, kann das als Ausrede dafür dienen, den Missbrauch nicht ernst zu nehmen“, warnt Snowden.
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Dennoch gibt es natürlich auch Storys über sexuellen Missbrauch, die hilfreich sein und einen positiven Einfluss haben können – solange sie authentisch und sorgsam erzählt werden. Snowden verweist dazu auf Michaela Coels I May Destroy You. „[Coel] hat dabei bewusst mit Leuten zusammengearbeitet, die wissen, wie mit solchen Themen umgegangen werden sollte, die verstehen, wie sich Überlebende fühlen und sich mit dem größeren gesellschaftlichen Kontext auskennen, der diese Form von Gewalt überhaupt ermöglicht. So habe sie sich beispielsweise eine:n Einfühlsamkeits-Coach ans Set geholt, um sich zur sensiblen Darstellung dieser Themen beraten zu lassen. Es war ihr sehr wichtig, zu berücksichtigen, wie diese Themen alle Beteiligten beeinflussen können – die Schauspieler:innen, die Crew und natürlich das Publikum.“
Fakt ist: House of the Dragon ist nicht real. Die Serie stellt nicht unsere echte Welt dar, sondern ist eine Fantasie, die Game-of-Thrones-Autor George R. R. Martin mit viel Mühe erschaffen hat und die die Macher:innen beider Serien zunehmend erweitern und ergänzen. Umso beunruhigender und sogar enttäuschender ist es aber, dass Vergewaltigung und Missbrauch auch hier wieder gezielt in die Story aufgenommen wurden. Ich hatte vorher noch optimistisch geglaubt, dass der Kampf zweier weiblicher Protagonistinnen (Emma D’Arcy und Olivia Cooke) um den Eisernen Thron eine Veränderung einleiten würde. Es wäre so eine tolle Gelegenheit gewesen, zwei mächtige, komplexe und fähige Heldinnen ins Rampenlicht zu rücken. Stattdessen werden ihre Geschichten jetzt von drohendem Missbrauch überschattet.
„Dass [dieses Risiko] historisch akkurat sein muss, obwohl die Serie in einer Fantasy-Welt spielt, ergibt schlichtweg keinen Sinn“, meint Riddle. „Wenn du das Mittelalter wirklich authentisch darstellen möchtest, kannst du dir nicht einfach aussuchen, was du dabei berücksichtigst und was nicht.“
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House of the Dragon ist ab dem 22. August zum Streamen auf WOW verfügbar.
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