Für Michelle Yeoh ist Everything Everywhere All At Once die große Rückkehr

Foto: Allyson Riggs/A24.
Achtung: Spoiler zum Film Everything Everywhere All At Once direkt voraus!
Es gibt da eine Szene ziemlich zu Beginn von Everything Everywhere All At Once, in der dir klar wird, wie meta dieser Film mit Michelle Yeoh in der Hauptrolle eigentlich ist. In der Szene wird Evelyn Wang (Yeoh) in ein anderes Universum geworfen. Die chinesisch-amerikanische Frau führt einen etwas runtergekommenen Waschsalon, hat eine kaputte Beziehung zu ihrer Tochter und einen Ehemann, der die Scheidung einreichen will – doch plötzlich findet sie sich in einer Parallelwelt wieder, die ihr zeigt, wie ihr Leben hätte sein können, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätte. Eben hing sie noch in einem kalifornischen Finanzamt fest; plötzlich sitzt sie auf dem Rücksitz einer Limo und betritt daraufhin den roten Teppich einer Filmpremiere. Sie ist auf einmal ein Filmstar. 
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Yeoh weiß, was dem Publikum durch den Kopf geht, wenn es diese vieldeutige Szene sieht, die sogar echte Clips von Yeoh bei diversen Filmpremieren verwendet. Sie will aber klarstellen, dass diese Version von Evelyn vielleicht aussieht wie Michelle Yeoh, die beiden aber letztlich nicht dieselbe Person sind.
„[Evelyn] ist ein ältere asiatische Frau mit Migrationshintergrund, die einen Waschsalon, einen Mann und eine Tochter hat. Michelle Yeoh hat all das nicht. Deswegen sollten wir das getrennt halten“, erzählt Yeoh gegenüber Refinery29 via Zoom. Evelyn ist außerdem verzweifelt auf der Suche nach einem anderen Leben, und hat währenddessen kein Problem damit, anderen zu diesem Zweck wehzutun, wie sie auch ihrem Mann nach ihrer Rückkehr aus dem Roter-Teppich-Universum klar macht: „Ich habe mein Leben ohne dich gesehen. Ich wünschte, du hättest es sehen können, es war so schön.“
„Evelyn verdient eine eigene Stimme“, meint Yeoh. „Sie ist eine gewöhnliche Hausfrau, eine eingewanderte Mutter, die ihr Bestes gibt, um über die Runden zu kommen und sich den amerikanischen Traum zu bewahren, den sie sich schon vor Jahren erträumt hat. Gleichzeitig muss sie auch noch ihre Steuern machen.“
Obwohl Yeoh darauf besteht, dass Evelyns Erfahrung nicht wirklich der von Michelle entspricht (oder zumindest nicht komplett), überschneiden sich die beiden doch in einem Punkt: In vielerlei Hinsicht wurden beide enorm unterschätzt – Evelyn von ihrem nächsten Umfeld, der Gesellschaft an sich, und sogar von sich selbst, weil sie ihre Existenz als Frau mittleren Alters als banal abstempelt; Yeoh von der Filmbranche. Obwohl Yeoh eine unglaubliche und vielseitige Karriere hingelegt hat – von Ultra Force 2 bis hin zu James Bond 007: Der Morgen stirbt nie –, hat sie in den letzten Jahren in Filmen wie Crazy Rich und Die Geisha eher das „Privileg der Nebenrolle“ genossen, anstatt selbst die Hauptrolle zu spielen.
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Foto: Allyson Riggs/A24.
„Ich bin schon seit langer, langer Zeit keine Hollywood-Hauptdarstellerin mehr gewesen“, sagt sie. Die Gelegenheit, Everything Everywhere All At Once anzuführen – und das in einer Rolle, die ihr wie auf den Leib geschneidert zu sein scheint –, war für sie wie die Bestätigung, dass auch andere erkannt hatten, was sie selbst schon lange weiß: Sie kann einen Film ganz allein tragen. „Es war so eine Erleichterung, so eine Freude. Ich dachte: Mein Gott, ich glaube, dass sie das für mich geschrieben haben. Da steckt all das drin, was ich schon immer machen wollte.“
Die Rolle hat enorme Tiefe und zahlreiche Facetten, die wir nicht oft von älteren Schauspielerinnen zu sehen bekommen. Im Laufe der späteren Karriere schlüpfen Frauen in Hollywood zum Beispiel häufig in die Rolle der „eleganten Schwiegermutter“ (so auch Yeoh).
„Bloß weil du jetzt eine ältere Darstellerin bist, denken plötzlich alle: Oh nein, nein, nein, nein, wir sollten die ganze Action den Männern überlassen“, meint Yeoh. „Und Gott sei Dank sahen die Daniels [die Drehbuchautoren und Regisseure Dan Kwan und Daniel Scheinert] das anders. Sie schauten über den Tellerrand hinweg – in ein anderes Universum.“ Wie zu erwarten war, liefert Yeoh ordentlich ab und bewältigt sowohl die emotionalen Nuancen diverser Genres in nur einem Drehbuch (Yeoh erzählte dem New York Times Magazine, sie habe nur mithilfe von Post-its den Überblick behalten) als auch die körperlichen Herausforderungen der Rolle. Trotz Evelyns durchgehender Verwandlungen bleiben ihre Geschicklichkeit und körperliche Kraft bestehen, während die verschiedenen Evelyns mit diversen Kampfkünsten gegen andere universumsdurchreisende Charaktere kämpfen. Evelyn springt über Raumteiler, besteht im Einzel-Faustkampf (unter anderem gegen Jamie Lee Curtis) und besiegt einen Feind sogar nur mit ihrem kleinen Finger.
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Für Yeoh, deren Karriere in der Kampfkunst durchstartete, war es „die pure Freude“, mit diesem Talent auf die große Leinwand zurückzukehren, das den Beginn ihrer Karriere und ihre ersten Rollen bestimmte. „Ich war ein bisschen überwältigt und emotional, als ich [den Film] sah und spürte, dass das Publikum darauf so reagierte wie zu Beginn meiner Karriere“, erzählt sie. „Sie waren total aufgeregt, dass da dieses junge, irre Mädel all das tat, was normalerweise Männer machten.“
Dieser Nervenkitzel zog sich durch ihre ganze Karriere – auch in ihrem weltweiten Durchbruch in Tiger & Dragon von 2000. „Dass ich das heute, als ältere Frau, immer noch machen kann und dieselbe Reaktion bekomme – nicht nur von den Fans, die seit fast 40 Jahren hinter mir stehen, sondern auch von einem viel jüngeren Publikum –, ist einfach der Hammer.“
Foto: Allyson Riggs/A24.
Yeohs Erfahrung zeigt, dass denjenigen, die oft unterschätzt oder übersehen werden, eine enorme Kraft und Stärke innewohnen kann (obwohl man Yeoh wirklich niemals unterschätzen sollte). Es ist alles eine Frage der Perspektive. Diese Erkenntnis teilt Yeoh mit ihrer Rolle: In der letzten Szene des Films, nach über zwei Stunden surrealer und absurder Erfahrungen, liefert uns Everything Everywhere All At Once einen seiner direktesten, emotionalsten Momente, als Evelyn ihrer Tochter Joy (Stephanie Hsu) in einem ernsten Gespräch gegenübertritt. Die ist in den anderen Universen als Jobu Tupaki bekannt und auf Rache an all den Evelyns aus. Evelyn, die bis zu diesem Punkt extrem emotional zurückhaltend war, sagt ihrer Tochter ganz klar, dass sie sich – nachdem sie all die aufregenden Leben gesehen hat, die sie hätte führen können – für diese Existenz entscheidet, weil ihre Tochter darin noch dieselbe ist. Evelyn hat endlich die Schönheit ihres gewöhnlichen Lebens erkannt, dank der Liebe ihrer Familie.
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„Das ganze Drehbuch wurde darauf abzielend geschrieben. In seinem emotionalen Kern steht die Wahrheit, die Ehrlichkeit der Liebe, die wir füreinander empfinden“, sagt Yeoh. „In all den Universen hat Joy ihre Mutter immer geliebt, selbst als Jobu Tupaki. Sie würde alle Universen durchkämmen, um ihre Mutter zu finden. Sie war auf der Suche nach dieser Verbindung.“
Als Joy als Jobu Tupaki gegenüber Evelyn behauptet, nichts sei von Bedeutung, „ist das meilenweit von der Wahrheit entfernt“, meint Yeoh. „Alles ist von Bedeutung. Und ihr war es am wichtigsten, ihre Mutter wiederzufinden.“
Indem sie in einem anderen Universum eine Bindung zu ihrer Tochter aufbaut, wird sich Evelyn der Schönheit ihres jetzigen, gewöhnlichen Lebens bewusst. Und das ist eine Moral, die wir uns alle zu Herzen nehmen sollten.
Everything Everywhere All At Once ist ab dem 28. April im Kino zu sehen.

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