Kesha: „Was von meinem Herzen übrig ist, ist pures Gold & keiner darf es anfassen!”

Ich weiß, dass das große Teile meines Herzens in der Vergangenheit gefangen gehalten wurden. Aber jetzt nicht mehr. Und was übrig geblieben ist, ist nichts als verdammt pures Gold und niemand darf es anfassen.

Wellenlinie
Ich war wirklich am Boden. Ich hatte Angst und war alleine in einem Rehabilitationszentrum wegen meiner Essstörung, die bei mir völlig außer Kontrolle geraten war. Ich durfte dort nicht arbeiten und keinerlei Technologie benutzen – kein Handy, kein Laptop, kein Texten, kein Social Media. Anfangs durfte ich noch nicht mal ein Instrument bei mir haben. Ich habe sie angefleht, dass ich ein Keyboard behalten darf – sogar so ein Kinderspielzeug-Keyboard. Ich hatte einfach so viele Emotionen in mir und wusste nicht, wie ich sonst mit ihnen umgehen sollte. Songs zu schreiben ist der einzige Weg, den ich kenne, wie ich Dinge verarbeiten kann. Ich war unnachgiebig. Ich kann mich daran erinnern gebettelt und gebettelt zu haben, bis sie schließlich zustimmten, dass ich für eine Stunde am Tag ein Keyboard haben durfte.
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Mein Boyfriend Brad hat mir sein Keyboard geschickt, zusammen mit ein paar beschissenen Kopfhörern, die fast auseinanderfielen. Jeden Tag saß ich also da, auf dem Boden, und habe gespielt. So kam der Song „Rainbow” zustande. Die ganzen Ideen für das Album, die Tour und alles andere kamen nur von dieser einen Stunde, in der ich geweint, gesungen, gespielt und geträumt habe – bis sie zurück kamen und mir das Keyboard wieder wegnahmen. Jeden Tag habe ich geheult und den Song gespielt, weil ich wusste, dass ich irgendwie durch diese unfassbar schlimme Zeit musste. Ich wusste, dass ich mich ändern und lernen musste, auf mich selbst aufzupassen und mich selbst zu lieben. Aber ich wusste nicht mal, wo ich überhaupt anfangen sollte.
„Rainbow” war der Anfang. Der Song und seine Strophen waren so was wie ein Brief an mich selbst, in dem ich mir selbst versprach, auf mich aufzupassen, nach vorne zu schauen und dass alles schon irgendwie wieder gut werden würde.
Seit diesen schweren und emotionalen Tagen in der Reha habe ich angefangen mir auszumalen, eines Tage ein Album heraus zu bringen und es Rainbow zu nennen. Lange Zeit wusste ich nicht, ob diese Idee nur eine Fantasie war, ein Geist, der dafür da war, mich aufzuwecken und irgendwie aus dem Bett zu bekommen, oder wirklich wahr werden könnte. Aber ich habe mich einfach an diese Idee gekrallt, weil sie ehrlicherweise auch alles war, was ich hatte. Ich habe mir immer wieder selbst gesagt: „Ich werde Rainbow herausbringen, ich werde Rainbow herausbringen. Ich werde es schaffen. Ich werde es schaffen. Ich werde es schaffen, ich werde es schaffen.” Diese Idee und die Unterstützung, die ich von meine Fans und total fremden Menschen bekommen habe, waren es, die mich durch jeden Tag brachten. Ich weiß, dass dieses Album mein Leben gerettet hat.
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Ich weiß, dass dieses Album mein Leben gerettet hat.

Kesha
„Rainbow” war der erste Song, den ich für dieses Album schrieb. Ich wollte aber auch das Album Rainbow nennen, weil es nach einem Sturm oft einen Regenbogen gibt – und in letzter Zeit habe ich mich so gefühlt, als wären einige Dinge, die in meinem Leben passiert sind, wirklich ein Sturm gewesen. Das war also meine Art mir selbst zu sagen, dass ich es schaffen würde. Ich habe die Entscheidung gefällt, das Dollarzeichen aus meinem Künstlernamen zu nehmen. Ich habe meine zynische selbstkritische „Ist mir alles scheißegal”- Attitüde und den dazu passenden Twitternamen @keshasuxx aufgegeben. Ich habe mich selbst 100% aufrichtig, verletzlich und ehrlich in meiner Musik sein lassen. Ich war früher sehr gemein zu mir selbst. Rainbow ist mein Brief der Ermunterung, ein Versprechen, dass ich mit mir selbst ins Gespräch treten, unterstützender und netter zu mir sein möchte.
In den letzten Jahren haben Farben für mich einen symbolischen Wert der Hoffnung bekommen. Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass bunte Farben auch symbolisch für die LGBTQ-Gemeinschaft stehen, als Zeichen der Freiheit, dass man man selbst sein und sich feiern kann, egal was andere darüber denken. Ich habe versucht, mehr Farbe in mein Leben zu bringen, weil deren Licht mich mehr Zufriedenheit und Freude bringt und ich mich dadurch jünger und kindlich fühle. Ich möchte mich selbst wieder mehr mit diesem Teil von mir verknüpfen. Diese Naivität und Freude eines Kindes ist eines der schönsten Dinge auf der Welt – aber manchmal wird man auf dem Weg zum Erwachsenwerden verletzt oder im Herzen gebrochen und schon verliert man ein kleines Stück dieser unbedarften Freude. Aber ich will einfach nicht diese gebrochene Person sein. Und ich bin sie nicht mehr. Ich bin der lebende Beweis für alle da draußen, dass man sich durch Ehrlichkeit und Selbstliebe wieder komplett hergestellt fühlen kann. Egal was du durchgemacht hast und auch wenn vielleicht manchmal Dinge unfair waren und deine Seele verletzt wurde: Das alles muss nicht definieren, wer du bist. Du kannst heute, jetzt, hier die Person sein, die du sein willst.
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Es gibt eine Zeile in „Rainbo”, die ich wirklich liebe: „What's left of my heart is still made of gold“ (Anmerkung der Redaktion, zu Deutsch: Was von meinem Herzen übrig ist, ist immer noch aus Gold). Ich glaube wirklich daran. Es stimmt für mich und es kann auch für andere stimmen. Ich weiß, dass große Teile meines Herzens in der Vergangenheit gefangen gehalten wurden. Aber jetzt nicht mehr. Und was übrig geblieben ist, ist verdammt nochmal pures Gold und niemand darf es anfassen.
Als es endlich Zeit war, ins Studio zu gehen und „Rainbow” aufzunehmen, wusste ich, dass ich etwas Besonderes machen wollte. Alles was ich hatte war dieses Pianostück, das ich selbst aufgenommen hatte. Ich wollte aber, dass der Song orchestral werden würde, so wie das Beach Boy's Album Pet Sounds. Glücklicherweise hat sich mein wundervoller, liebevoller und sehr guter Freund Ben Folds dazu bereit erklärt, den Song mit mir zu produzieren und aufzunehmen. Seit meiner Kindheit bin ich großer Fan von Ben's Musik und er ist wirklich ein musikalisches Genie. Wir haben die Formalitäten geklärt und dann den größten Raum in den Capitol Studios in Los Angeles gemietet – der gleiche Raum, in dem Frank Sinatra aufgenommen hat – und dann sogar ein ganzes Orchester dort hingebracht. Ben wollte, dass ich mich wertvoll genug fühle, solch einen Raum mit meiner Stimme zu füllen. Sein Glaube in mich und seine Ermutigung in den letzten Jahren hat mir wirklich geholfen, mit meiner Stimme und mir selbstbewusster zu werden. Für mich war es ein großer Schritt einfach zu sagen „lasst es uns angehen” und dann wirklich mit einem Orchester aufzunehmen, denn es war so anders zu dem, wie ich davor Musik gemacht hatte. Es war wirklich eine der schönsten Erfahrungen in meinem Leben.
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Mein Bruder Lagan Sebert kam dann noch mit seiner Crew und hat alles auf Film aufgenommen, was dann letztlich sogar das Video zu dem Song wurde. Es ist so besonders, dass wir die echten Stimmen auf Film aufgenommen haben, die man dann auf der Platte hört. „Rainbow” ist der achte Song auf meinem neuen Album – und eine Verbeugung an einen der rührendsten Songs, der jemals geschrieben wurde: „God Only Knows” von Beach Boys, der ebenfalls der achte Track auf dem Album Pet Sounds ist. Als Ben mir endlich einen groben Mix von der Aufnahme geschickt hat, saß ich im Bett und habe einfach geweint. Ich war so nervös gewesen, genau so aufzunehmen wie es meine großen Idole getan hatten und ich war so stolz auf den ganzen Prozess und das Endresultat.
„Rainbow” war der Song, der ein neues Kapitel in meinem Leben eingeläutet hat. Zuvor waren die Meinungen anderer Menschen über mich immer wichtiger und bedeutender. Mit „Rainbow” habe ich das abgelegt und bin lieber mit mir selbst geworden. Es ist eine Erinnerung, dass ich alles überstehen kann. Ich hoffe, dass dieser Song Hoffnung und Selbstliebe ausstrahlt, weil jeder von uns genau das verdient.
Alles Liebe für euch, ich hoffe ihr habt viel Spaß beim Hören von „Rainbow”, mit dem Album Rainbow und der gleichnamigen Tour. Gott weiß, dass es nicht sicher war, dass ich es schaffe, heute hier zu sein. Und ich bin so dankbar, dass ich es trotzdem geschafft habe.
Küsse, K.
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