MØ im Interview: „Einfach nur zu schweigen kann dich nicht beschützen“

Foto: PR
Als ich MØ an einem grauen Herbstnachmittag zum ersten Mal treffe, sitzen wir auf einer Couch, gucken aus großen Hotelfenstern auf das dunkle Berlin und sprechen über ihr erstes Album.

Zwei Jahre nach No Mythologies To Follow geben wir uns wieder vor einem Berliner Sofa die Hand. Zwischen unseren beiden Begegnungen liegen jede Menge Singles und ein Sommerhit mit Major Lazer, der im letzten Jahr allen anderen Songs zeigte, wie ein hartnäckiger Ohrwurm funktioniert. Lean On ist mit über einer Milliarde Klicks der meistgestreamte Song in der Geschichte von Spotify und kletterte in Großbritannien, Deutschland und den USA mühelos in die Top 10. Der Song hat MØ zum Star gemacht: Aus Clubbühnen wurde internationales Rampenlicht, in der Tonight Show von Jimmy Fallon ist die 27-Jährige mittlerweile ein gern gesehener Gast. Gerade bereitet sie sich auf ihre Herbsttour durch die USA vor und hat ihre neue Single Drum veröffentlicht.

Innerhalb so kurzer Zeit so viel Erfolg haben, sorgt dafür, dass es um dich herum laut wird. Durchzustarten heißt, nicht nur den Klickzahlen beim Wachsen zuzugucken, sondern auch den Berichten um die eigene Person. Dabei melden sich nicht nur Kritiker zu Wort, sondern auch YouTube-Kommentatoren. „Warum zur Hölle sprichst du auf einmal Moe anstatt MØ aus?“, steht zum Beispiel unter einem ihrer Tonight Show-Videos. Oder auch: „OMG, sie sieht so durchschnittlich aus.“ Darüber sprechen wir heute.

Wie es sich anfühlt, wenn auf einmal jede Silbe und Bewegung kommentiert wird und warum einem Klischees dabei herzlich egal sein können, erzählt MØ hier.
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Wie gehst du mit den Dingen um, die die Leute über dich schreiben?
Ich beschäftige mich nicht so viel damit. Wenn jemand wirklich gemein oder unhöflich ist, werde ich schnell sauer und will mit der Person darüber diskutieren. Nicht, dass ich das noch nie gemacht hätte. Andererseits muss man sich aber auch ins Bewusstsein rufen, dass man eine Angriffsfläche bietet, sobald man sein Innerstes nach Außen trägt. Davon sollte man sich jedoch nicht abhalten lassen. Solange man ehrlich ist und zu dem steht, was man macht, ist das vollkommen okay. Wenn man eine Maske aufsetzt und Leute dann genau dort ansetzen, knickt man vermutlich eher ein.

Natürlich kannst man immer noch mit Hasskommentaren konfrontiert werden, wenn man einfach nur man selbst ist. Aber die Leute kennen dich eben gar nicht. Vielleicht würdet ihr euch sogar super verstehen, wenn ihr euch in echt begegnen würdet. Das Internet ist ein superstranger Filter der Realität. Also sollte man nicht zu viel darauf geben. Ich weiß natürlich, wie sich so etwas anfühlt, denke mir aber dann immer: Einfach nur zu schweigen kann dich nicht beschützen. Es ist viel besser, auszudrücken, was man ist und fühlt.

Kannst du dich an einen Text über dich erinnern, der dich berührt hat?
In diesem Jahr habe ich auf dem Roskilde Festival in Dänemark gespielt – für mich als Dänin war das ein ganz großer Moment. Ich erinnere mich an eine Kritik, die sehr warm und persönlich formuliert war. Es ging einerseits um die Show, aber auch um meine komplette Reise in der dänischen Musikszene. Ich weine jetzt noch fast, wenn ich daran denke. Der Autor hat mich jetzt nicht über den grünen Klee gelobt, sondern auch ganz klar gesagt, was ihm nicht gefallen hat. Aber er hat es genau getroffen und mich damit sehr berührt.

Welche drei Dinge haben sich für dich persönlich verändert, seitdem du Lean On herausgebracht hast?
Ich habe meinen Lebensstil geändert. Nicht komplett. Aber heute achte ich zum Beispiel darauf, dass ich genügend Schlaf bekomme. Ich brauche jede Menge Wasser, gesundes Essen und einfach mehr Struktur im Chaos um mich herum. Es passiert gerade so viel. Eigentlich war ich immer gegen Struktur, aber jetzt brauche ich sie, um professionell arbeiten zu können. Für mich ist alles, was gerade auf mich zukommt, so wunderbar, dass ich alles erleben, aber es auch richtig machen möchte.

Außerdem konnte ich früher jedes Wochenende mit meinen Freunden unterwegs sein und was trinken gehen. Das geht jetzt nicht mehr einfach so. Wenn ich durch Kopenhagen laufe, werde ich erkannt und nach Fotos gefragt. Privatsphäre ist jetzt etwas ganz Anderes für mich. Das heißt aber nicht, dass sich etwas für mich verschlechtert hat. Es ist nur einfach anders.

Und dann gibt es jetzt auf einmal so viele tolle Musiker und Produzenten, die mit mir arbeiten wollen. Das ist super. Ich kann mich nämlich noch genau an die Zeiten erinneren, in denen ich in ihrer Position war und all diesen Leuten geschrieben habe, ob wir nicht mal was zusammen machen könnten. Das ist jetzt komplett anders und fühlt sich teilweise immer noch seltsam an, weil ich das noch so genau im Kopf habe.
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Sprichst du überhaupt noch gerne über Lean On oder nervt dich das mittlerweile?
Nein, gar nicht. Mich freut das eher und ich schätze es sehr, damit in die Position gekommen zu sein, in der ich mich jetzt befinde.

Selektierst du, seitdem du bekannter bist, auch mehr, was du online postest?
Ich habe natürlich ein Bewusstsein dafür und teile nicht mehr einfach den Namen des Hotels, in dem ich mich gerade befinde. Aber abgesehen davon ist es ziemlich dasselbe. Es geht alles durcheinander, meine Social-Media-Kanäle sind ein bisschen chaotisch. Ich bin aber genauso chaotisch, vermutlich liegt es daran.

Fühlst du dich als Künstlerin von Klischees über Frauen im Business beeinflusst?
Nicht wirklich. Ich sehe allerdings, dass sehr viele junge Mädchen davon beeinflusst werden. Nehmen wir zum Beispiel die Kardashians – Ich persönlich kann mich davon sehr gut abgrenzen und wusste schon früh, dass ich das einfach nicht bin. Ich bin eher anti (lacht), aber trotzdem offen. Die Kardashians sind, was sie sind und damit glücklich. Deswegen würde ich sie dafür nie verurteilen. Ich bin anders und das ist genauso okay. Du kannst die Frau sein, die du willst, solange du damit glücklich bist.

Gerade arbeitest du an deinem nächsten Album. War das die typische Zweite-Album-Situation, in der du dich erstmal finden musstest?
Oh ja. Zu 100%. Ich habe ehrlich gesagt nicht geglaubt, dass das so schwer für mich sein wird. Als ich mittendrin war, habe ich gemerkt, dass es doch nicht ganz so leicht ist wie ich dachte. Ich habe dann meine Richtung gefunden, trotzdem hat es viel länger gedauert als erwartet.

Du hast in so kurzer Zeit wahnsinnig viel erreicht. Gibt es noch große Dinge, von denen du träumst?
Ich weiß nicht, ob du dieses Gefühl kennst – aber manchmal, wenn du dir etwas sehr wünscht, willst du es nicht laut aussprechen, um den Teufel nicht an die Wand zu malen. So geht es mir gerade. Deswegen kann ich nur sagen: Ja, ich habe noch sehr viele Träume!
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