9 beeindruckende Trans*frauen, die Geschichte geschrieben haben

Foto: Justin Sutcliffe/AP Foto.
Erinnerst du dich noch an den Geschichtsunterricht und daran, welche Personen dort hauptsächlich behandelt wurden? Wir würden darauf wetten, dass es größtenteils weiße Menschen waren. Weiße, heterosexuelle Männer, höchstwahrscheinlich. Die wenigen Frauen, die erwähnt wurden, waren ebenfalls fast alle weiß und hetero. Auf jeden Fall waren Persönlichkeiten cisgender, haben sich also mit dem biologischen Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren können.
Doch diese ganzen Menschen decken noch lange nicht alles ab. Zeit also, das Schulwissen ein wenig aufzupolieren und etwas über die bedeutendsten Trans*frauen der Geschichte zu lernen. Vor allem so unmittelbar nach der Pride-Hochsaison sollten wir nicht einfach aufhören, über die Protagonist*innen der unterschiedlichen Emanzipations- und Bürgerrechtsbewegungen zu sprechen, sondern ihre Leistungen sichtbar machen und adäquat anerkennen.
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Die folgenden neun Frauen haben sich zwar selbst nicht zwangsläufig als transgender identifiziert, das liegt jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit am damaligen Sprachgebrauch: Die Art, wie wir reden und uns auch selbst bezeichnen, entwickelt sich stetig weiter. Bis in die 2000er wurden beispielsweise eher Wörter wie „transsexuell“ oder „Queen“ verwendet.
Aber ganz gleich, wie sie sich bezeichnet haben: Diese Frauen* haben den Weg für alle transgender und nicht genderkonformen Personen geebnet. Sie waren Pionierinnen, Mütter und Aktivist*innen – alleine wegen ihres Muts zu leben. In der folgenden Slideshow erzählen wir neun ihrer Geschichten.
Die folgende Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und könnte natürlich noch weitergeführt werden! Es gibt sicher noch viele transgender Frauen, die kaum jemand kennt, die unsere Welt aber zu einem interessanteren und inklusiveren Ort gemacht haben.
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Foto: Courtesy of Netflix.
Marsha P. Johnson (1945-1992)

Marsha P. Johnson soll (ebenso wie auch Sylvia Rivera und andere transgender und nicht genderkonforme Personen of Color) maßgeblich zum Start des berühmt-berüchtigten Stonewall-Aufstands im Sommer 1969 beigetragen haben.

Während einer Razzia der New Yorker Schwulenbar Stonewall Inn beschlossen Johnson und ein paar andere, dass sie genug hatten und setzten sich zur Wehr. Der nachfolgende Protest dauerte sechs Tage an und wird als Beginn der modernen LGBTQ+ Bürgerrechtsbewegung gesehen. Im darauffolgenden Jahr fand die erste Pride Parade statt, um den Jahrestag zu feiern.

Nach Stonewall führte Johnson ihre Arbeit als Aktivistin fort und gründete zusammen mit Rivera die Organisation Street Transvestite Action Revolutionaries (STAR) sowie das STAR House. Letzteres war die erste LGBTQ+ Unterkunft für Jugendliche in den USA und die erste Organisation, die von trans* Frauen of Color geleitet wurde. Damit reagierten die beiden Frauen – die beide Prostituierte waren und einen Großteil ihres Lebens auf der Straße lebten – darauf, dass die damaligen Schwulenbewegungen den Bedürfnissen von nicht genderkonformen und obdachlosen Jugendlichen nicht gerecht wurden.

Mit Beginn der HIV/AIDS-Krise in den 80ern begann sie, sich um die*den Geliebte*n ihres Freunds und Aktivisten Randy Wicker zu kümmern. Die Verbindung zur Community führte dazu, dass sie an den ersten Meetings der AIDS Aktivist*innen-Gruppe ACT UP teilnahm.

Bis zu ihrem Tod im Jahr 1992 war sie eine bekennende Aktivistin für Menschen mit AIDS, transgender Personen und obdachlose Jugendliche.
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Foto: Justin Sutcliffe/AP Foto.
Sylvia Rivera (1951-2002)

Genau wie Johnson spielte Sylvia Rivera eine bedeutende Rolle beim Stonewall-Aufstand und war eine der ersten, die die Polizei zur Rede stellten. Zusammen mit Johnson gründete sie das STAR House, um jungen transgender und nicht genderkonformen Personen, die auf der Straße leben, zu helfen. „Marsha und ich beschlossen, dass es an der Zeit war, uns gegenseitig, aber auch anderen Kids zu helfen“, erzählte Rivera gegenüber Leslie Feinberg in einem Interview für das Buch Trans Liberation (1998). „Wir haben ihnen Essen und Kleidung gegeben. Wir hielten das Haus am Laufen“. Das STAR House finanzierten sie und Johnson durch Prostitution. Nach ein paar Jahren schmiss ihr Vermieter sie allerdings raus.

Auch nach dem Fall des STAR House setzte sich Rivera weiter für trans* Personen of Color ein. Sie kämpfte gegen den Ausschluss von transgender Menschen im New Yorker Sexual Orientation Non-Discrimination Act, verlor jedoch leider (SONDA schützt Menschen basierend auf ihrer sexuellen Orientierung, aber nicht basierend auf ihrer Genderzugehörigkeit). Sie sprach sich gegen Armut, Rassismus, Homophobie und Gender-Diskiminierung aus.

Rivera starb im Jahr 2002, doch dank des Sylvia Rivera Law Projects sind ihre Arbeit und ihre Mühen unsterblich. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, die politische Stimme und Sichtbarkeit von Wenigverdienenden und POC zu erhöhen, die transgender, intersexuell oder nicht genderkonform sind.
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Foto: Fred Morgan/NY Daily News Archive/Getty Images.
Christine Jorgensen (1926-1989)

1952 war Christine Jorgensen die erste transgender Person in den USA, die eine geschlechtsangleichende Operation durchführen ließ und damit an die Öffentlichkeit ging. Sie wurde in der Bronx geboren und wuchs auch dort auf. Laut des Nachrufs in der New York Times leistete sie Militärdienst. Anfang der 50er hörte sie von einem dänischen Arzt, Christian Hamburger, der Experimente zum Thema Gendertherapie mit Hormonen durchführte. Sie begann, sich Hormone spritzen zu lassen und reiste ein paar Jahre später nach Dänemark, wo sie von Dr. Hamburger operiert wurde. Zu Ehren des Arztes nannte sie sich fortan Christine.

Als Jorgensen aus Dänemark zurückkehrte, schaffte es ihre Geschichte in die nationalen Nachrichten und sie wurde über Nacht zur Sensation der Boulevardpresse. Die Schlagzeile in der NewYork Daily News lautete „Ex-GI Becomes Blonde Beauty“. Anstatt sich zu verstecken, genoss sie die Aufmerksamkeit und begann, in einem Nachtclub zu singen. Ihr größter Hit war I Enjoy Being a Girl.

„Wenn sie mich sehen wollen, dann müssen sie auch dafür bezahlen“, so Jorgensen laut New York Times.

Im Jahr 1989 starb Jorgensen im Alter von 62 Jahren an Krebs.
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Foto: ullstein bild/ullstein bild/Getty Images.
Lili Elbe (1882-1931)

Was Christine Jorgensen für die USA war, war Lili Elbe für Dänemark: Die erste transgender Person, die eine geschlechtsangleichende Operation durchführen ließ – und zwar Jahrzehnte vor Jorgensen! In ihrer Autobiografie Man Into Woman schreibt die dänische Malerin, dass das Gefühl von Geschlechtsidentitätsstörung aufkam, als sie für ihre Ehefrau Gerda, die ebenfalls eine Malerin war, für ein Bild posierte. Gerda wollte eine Frau malen, die sie jedoch versetzte. Also sprang Elbe ein und saß Modell. In der Frauenkleidung fühlte sie sich auf Anhieb wohl, weshalb sie diese immer öfter trug – auch wenn sie nicht modelte. In den 20ern trug sie auch außerhalb der Wohnung und wenn sie Gäste hatte Damenbekleidung. Manchmal ließ sie sich als ihre eigene Schwester vorstellen.

1930 fuhr sie nach Deutschland, um eine sehr experimentelle Geschlechtsangleichung durchführen zu lassen. Damit war sie einer der ersten Menschen, die das jemals versucht haben. Ein Jahr später starb sie an den Folgen einer versuchten Uterustransplantation.

2000 schrieb David Ebershoff den Roman Das dänische Mädchen über Lilis und Gretas Leben, welcher später verfilmt wurde und 2015 uraufgeführt wurde.
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Foto: Keystone­ France/Gamma ­Rapho/Getty Images.
Coccinelle (1931-2006)

Jacqueline Charlotte Dufresnoy war eine französische Schauspielerin und Sängerin. 1953 begann sie, unter dem Namen Coccinelle als Drag-Queen in einem Club zu performen, in dem ihre Mutter Blumen verkaufte. 1958 reiste sie für eine Geschlechtsangleichung nach Casablanca. Als sie zurück nach Frankreich kam, wurde sie zur Sensation. Genau wie Jorgensen und Elbe war sie die erste in ihrem Heimatland, die mit ihrer Transformation an die Öffentlichkeit ging. Sie trat weiterhin als Sängerin auf und wurde außerdem ein Filmstar: Zwischen 1959 und 1968 spielte sie in sechs Filmen mit).

Coccinelle heiratete drei Mal und starb 2006 im Alter von 75 Jahren.
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Foto: Off White Prod./Kobal/REX/Shutterstock.
Angie Xtravaganza (1964-1993)

Obwohl sie bereits im Alter von 28 Jahren starb, schaffte es Angie Xtravaganza bis an die Spitze eines der Häuser der New Yorker Ball Culture: dem House of Xtravaganza. Sie war House Mother (Mentorin) und Vorbild für andere transgender Frauen und schwule Männer ihres Hauses.

Zusammen mit anderen House Mothers war sie 1990 in der Kult-Dokumentation Paris Is Burning zu sehen. Dort sprach sie über die Gefahren, denen „transsexuelle” (heute würden wir wahrscheinlich transgender sagen) Personen in New York City ausgesetzt sind, nachdem ein*e Freund*in und Drag-Tochter ermordet wurde. 1993 starb sie selbst an den Folgen von AIDS.

„Mehr als zehn Jahre lang lebte sie als ihre eigene Kreation“, so Autor Michael Cunningham nach ihrem Tod. „Eine Naturgewalt, die in Hotelzimmern über einer Bar namens CockRing anschaffte und die Hühnersuppe für ihre Freund*innen, die sie ihre Kinder nannte, machte, wenn sie nach einer langen Nacht nach Hause kamen“.
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Foto: Off White Prod./Kobal/REX/Shutterstock.
Dorian Corey (1937-1993)

Dorian Corey war ebenfalls eine Drag-Mutter in New York City und eine Inspiration für Angie Xtravaganza. Sie gründete und führte das Voguing House of Corey und gewann mehr als 50 Preise in Voguing Balls.

Corey ist genau wie Xtravaganza in Paris Is Burning zu sehen. „Jeder möchte der Welt etwas hinterlassen“, sagt sie im Film. „Einen Eindruck, ein Zeichen. Aber irgendwann denkst du, dass es reicht, wenn du einfach dein Leben meisterst und sich ein paar Menschen an deinen Namen erinnern“.

Corey starb 1993 an den Folgen von AIDS und hat der Welt buchstäblich etwas hinterlassen. Ein paar Monate nach ihrem Tod, entdeckte die Polizei den teils mumifizierten Körper eines verurteilten Vergewaltigers in einem Schrankkoffer in ihrer Wohnung. Er wurde mit 20 Kopfschüssen umgebracht und diente als Inspiration für unzählige Theaterstücke.
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Foto: Hulton­Deutsch/Corbis/Getty Images.
Roberta Cowell (1918-2011)

Roberta Cowell wird als „Britain's first transexual woman“ (Großbritanniens erste transsexuelle Frau) bezeichnet und war – wie Elbe und Jorgensen – eine der ersten Menschen, die eine Geschlechtsangleichung machen ließ. Doch ihr Leben war auch schon vor der OP beeindruckend.

Cowell war Rennfahrerin und Pilotin. Sie war bei der Luftwaffe, wurde abgeschossen und geriet 1944 während des Zweiten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft. Zusammen mit anderen Gefangenen wurde sie nach wenigen Monaten gerettet und ins Vereinigte Königreich zurückgeführt. Ein paar Jahre später verließ sie ihre Familie (eine Frau und zwei Kinder), um gegen ihre Depression anzukämpfen. Mit der Hilfe von Psychiater*innen stellte sie irgendwann fest, dass sie „unterbewusst hauptsächlich weiblich“ war. Sie begann, große Mengen Östrogen zu nehmen und wurde später schließlich vom transgender Medizinstudent Michael Dillon operiert.

Danach flog sie wieder und fuhr Rennen. Sie lebte ein langes Leben und starb 2011 im Alter von 93 Jahren.
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Foto: Gaffney/Liaison.
Renee Richards (*1934)

Lange bevor sich Caitlyn Jenner als Transfrau outete (2015), sorgte die Profi-Tennisspielerin Renee Richards für Aufregung in der Welt des Sports. Noch mehr Aufsehen erregte sie, als sie die United States Tennis Association, die Women's Tennis Association und das United States Open Committee verklagte, weil sie als Frau bei Wettkämpfen antreten wollte.

Obwohl sie eine der ersten war, die den Kampf aufnahmen (und gewann), sieht sie sich selbst nicht als Pionierin. 2015 erzählte sie gegenüber GQ, dass sie – wenn überhaupt – eine „widerwillige Pionierin“ wäre.

„Ich war keine Aktivistin. Es war eine ganz persönliche Entscheidung. Ich machte das, um beruflich vorwärts zu kommen. Ich wollte einfach nur Tennis spielen. Und ich wollte für mich selbst einstehen und allen sagen, was ich bin… Die homosexuelle Community sieht mich als Pionierin und darauf bin ich sehr stolz. Aber liege ich abends im Bett und denke, dass ich eine Pionierin war? Nein, mache ich nicht“.

Richards sagte der GQ, dass sie mehr ist als nur eine transgender Frau und auch nicht nur darauf beschränkt werden möchte. „Ich bin mir sicher, dass die Schlagzeile nach meinem Tod ‚Die Transsexuelle Tennisspielerin Renée Richards ist gestorben‘ lauten wird“, so Richards. „Ich verstehe ja, dass es für andere transgender Personen oder unterdrückte, entrechtete Menschen jeder Art sehr wichtig ist. Aber es macht eben nur einen sehr kleinen Teil meins Lebens aus“.
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