Top Boy zeigt, dass manche Frauen stärker von häuslicher Gewalt betroffen sind

Foto: freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Netflix.
Triggerwarnung: Der folgende Text enthält grafische Details über häusliche Gewalt.
Achtung: Spoiler zur zweiten Staffel von Top Boy direkt voraus!
Die beliebte britische Krimiserie Top Boy kehrte am 18. März auf Netflix zurück und wurde sofort hoch gelobt. In der zweiten Staffel (bzw. der vierten, wenn du die ursprüngliche Serie mitzählst, die zuerst auf dem britischen Sender Channel 4 lief) liefert der urbane Thriller weiterhin genau das hochspannende Drama, das wir von der Serie erwarten. In dieser werden die Leben von hauptsächlich Schwarzen Jugendlichen aus der Arbeiterklasse dargestellt, die Drogen verkaufen, um Geld zu verdienen und der Armut, in der sie leben, zu entkommen. Neben den Themen, die wir aus der ersten Staffel kennen – wie Bandenkriegen, harten Entscheidungen, bisweilen rücksichtsloser Brutalität und einer oft tiefen emotionale Lieben zwischen den Charakteren – wurde in der zweiten Staffel zum ersten Mal auch das Thema häusliche Gewalt ausführlich behandelt.
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Nachdem sie von „Summerhouse“ (der von Ashley Walters Figur Dushane angeführten Gang) verbannt wurde und sie Sully (Kane „Kano“ Robinson) am Ende der vorherigen Serie verriet, lebt Lauryn (gespielt von Saffron Hocking) jetzt in Liverpool und ist schwanger. Ihr Partner Curtis (gespielt von Howard Charles) und seine grausame, bissige Schwester Vee kontrollieren jeden einzelnen ihrer Schritte (eine Erinnerung daran, dass häusliche Gewalt gegen Frauen auch von anderen Frauen ermöglicht werden kann). Im weiteren Verlauf ihrer Geschichte wird bald auf erschreckende Weise klar, dass Lauryn in ihren Umständen gefangen und nicht in der Lage ist, eigenständige Entscheidungen zu treffen oder auch nur eine Stunde nicht zu Hause zu sein, ohne dass sie sofort gefragt wird, wo sie bleibt. Sie hat keine Kontrolle über ihr eigenes Leben.
Da häusliche Gewalt vielerorts seit Beginn der Corona-Pandemie zugenommen hat, könnte diese Storyline nicht relevanter sein. In Großbritannien, wo die Serie spielt, ist das Thema seit 2021 besonders in den Vordergrund gerückt. Diese Entwicklung wurde durch die Ermordung von Sarah Everard durch Wayne Couzens von der Metropolitan Police veranlasst. Außerdem waren es Fälle wie der von Sabina Nessa, einer jungen südasiatischen Frau, die in einem Londoner Park von einem Mann, den sie kannte, getötet worden war und zahllose andere Beispiele von Frauen, die der Gewalt ihrer männlichen Partner zum Opfer gefallen waren, die eine neue Welle der Empörung auslösten. In einem Interview mit Digital Spy beschrieb Hocking, wie wichtig sie es fand, auf dieses heikle Thema aufmerksam zu machen – vor allem angesichts der steigenden Zahlen von gemeldeten Fällen. „Mir war klar, wie wichtig es war, diese Form von Gewalt zu thematisieren, besonders weil die Dreharbeiten zur Serie während der Pandemie und der Lockdowns begannen und häusliche Gewalt zu dieser Zeit deshalb anstieg“, erklärte Hocking. Die Schauspielerin beschrieb auch, wie emotional es war, jemanden zu porträtieren, der:die davon betroffen war, und erklärte, dass sie „unterschätzt“ habe, welche Auswirkungen diese Rolle auf sie persönlich haben würde. „Manchmal war es wirklich herzzerreißend, Lauryn zu spielen“, sagte sie laut Digital Times.
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Lauryns Geschichte zeigt, dass häusliche Gewalt nicht unbedingt körperlich sein muss, um lebensverändernde und extrem gefährliche Auswirkungen auf das Leben einer Person zu haben.

Häusliche Gewalt ist kein neues Thema. In der Zwischenzeit wurde aber auf eine immer nuanciertere Weise untersucht, was für eine Rolle verschiedene Aspekte unserer Identitäten in diesem Zusammenhang spielen. Top Boy gibt Zuschauer:innen einen seltenen Einblick darin, dass Faktoren wie die Hautfarbe und Gesellschaftsschicht einer Person dazu beitragen, dass häusliche Gewalt marginalisierte Frauen für gewöhnlich härter trifft. Als Zuschauer:innen kriegen wir nie wirklich körperliche Angriffe zu sehen. Curtis kaschiert sein Kontrollverhalten Lauryn gegenüber häufig mit einer fürsorglichen, liebevollen Ausdrucksweise, um so rüberzukommen, als wolle er sie nur beschützen. Seine manipulativen Züge sind anfangs nur schwer zu erkennen, da er die Rolle des anhänglichen Partners auf so eine überzeugende Weise spielt. Erst im weiteren Verlauf der Handlung werden seine unheilvollen Motive deutlich: Es gefällt ihm nicht, wenn sie länger als ein paar Stunden allein unterwegs ist und Zeit mit ihrer Schwester Jaq verbringt. Es ist offensichtlich, dass Lauryn nicht ehrlich sagen kann, mit wem sie sich wirklich trifft. Später wird ihr Telefon von Vee konfisziert und sie kann Curtis nicht einmal dazu bringen, sie ohne ihn shoppen gehen zu lassen.
Curtis' Gewalttätigkeit äußert sich in Form von Gaslighting, ständigem Stalking und schließlich darin, dass er ihr die Möglichkeit nimmt, mit anderen außerhalb seines Kreises in Kontakt zu treten. Ohne dass es zu physischer Gewalt kommt, lauert ständig die Gefahr, dass die Situation jeden Moment eskalieren könnte. Wenn Frauen Fälle von häuslicher Gewalt anzeigen, werden sie häufig aufgefordert, zum Beispiel blaue Flecken vorzuweisen, um zu beweisen, dass sie wirklich misshandelt werden. Lauryns Geschichte zeigt, dass häusliche Gewalt nicht unbedingt körperlich sein muss, um lebensverändernde und extrem gefährliche Auswirkungen auf das Leben einer Person zu haben.
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Ihre Hautfarbe und gesellschaftliche Zugehörigkeit tragen dazu bei, dass Lauryn weniger Optionen bleiben. Lauryn, die jeweils einen Schwarzen und einen weißen Elternteil hat, hat kein Geld, um zu fliehen und ohne Curtis zurechtzukommen. Sie ist finanziell völlig abhängig von ihm und seiner Schwester. Top Boy zeigt damit, dass viele Opfer deshalb nicht aus dieser Gewaltsspirale herauskönnen, da sie nicht über die nötigen Mittel verfügen, um auf eigenen Beinen zu stehen. Frauen und insbesondere Schwarze Frauen verdienen in der Regel weniger und sind daher stärker auf das Geld ihrer Partner angewiesen. Einfach aufzustehen und wegzulaufen wird zu einer unmöglichen Aufgabe, wenn sie kein oder nur wenig Geld zur Verfügung haben. Öffentliche Dienstleistungen für Frauen, die vor häuslicher Gewalt fliehen, sind nicht immer eine Option, da einige Migrantinnen zum Beispiel aufgrund ihres illegalen Aufenthaltsstatus Angst vor einer möglichen Abschiebung haben.

Diese Staffel von Top Boy erinnert eindringlich daran, dass viele Frauen im Angesicht männlicher Gewalt allein dastehen.

Wie die meisten anderen Figuren in Top Boy denkt Lauryn nicht einmal daran, zur Polizei zu gehen, denn sie vertraut dem Strafjustizsystem nicht. Top Boy zeigt, wie schlecht es um das Verhältnis zwischen der Schwarzen Gemeinschaft und der Polizei bestellt ist; systemischer Rassismus in der Polizei ist oft weit verbreitet. Im Jahr 2021 wurden in Großbritannien zum Beispiel zwei Beamte der Met Police ins Gefängnis gebracht, weil sie Bilder von den ermordeten Schwarzen Schwestern Bibaa Henry und Nicole Smallman aufgenommen und verbreitet hatten. Die Wohltätigkeitsorganisation Refuge (die Hocking auch bei der Vorbereitung auf die Rolle in dieser Staffel unterstützte) hat herausgefunden, dass Schwarze Frauen dortzulande zwischen März 2020 und Juni 2021 mit 14 Prozent geringerer Wahrscheinlichkeit von der Polizei an diese Institution verwiesen wurden als weiße Überlebende von häuslicher Gewalt. Die Polizei nimmt dieses prekäre Thema nach wie vor nicht im Falle von allen Frauen ernst, und viele der Opfer werden selbst der häuslichen Gewalt beschuldigt.
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Es werden Schritte unternommen, um das zu ändern. Vor Kurzem löste eine Petition mit 106.000 Unterschriften für einen Gesetzesentwurf zur Bekämpfung häuslicher Gewalt insbesondere unter Schwarzen Gemeinschaften nach jahrelangen Kampagnen eine Debatte im Parlament aus. Dieser ist nach Valerie Forde benannt, einer Schwarzen Frau, die samt ihrem Baby von ihrem Ex-Partner ermordet wurde, obwohl sie ihn bei der Polizei gemeldet hatte. Diese hatte ihre Anrufe einfach nicht ernst genommen. Dabei wurde ihre Hautfarbe als Hauptgrund angeführt. Dieses Gesetz würde vorschreiben, dass jede Person, die Schwarze Betroffene von Missbrauch unterstützt (einschließlich der Polizei), eine obligatorische Schulung über die Missbrauchserfahrungen von Frauen afrikanischer und karibischer Herkunft erhalten muss.
Es ist klar, dass Lauryns mangelndes Vertrauen gegenüber Autoritäten nicht an den Haaren herbeigezogen ist, da Frauenfeindlichkeit und Rassismus von der Polizei in einem verheerenden Ausmaß aufrechterhalten werden – und das nicht nur in Großbritannien. In der Serie ist Lauryn die einzige Person, die sich selbst von den Qualen ihres Peinigers befreien kann. In der fünften Folge gelingt ihr eine emotionale Flucht: Sie flieht unter Tränen in ein Einkaufszentrum und fleht ihren Taxifahrer an, nicht anzuhalten, als Curtis versucht, sie zu aufzuhalten. Sie flieht zurück nach London zu ihrer Schwester Jaq und bringt die Summerhouse-Gang in große finanzielle Schwierigkeiten, als Curtis ihren gesamten Drogenvorrat stiehlt und die Ware nur im Austausch gegen Lauryns Rückkehr zurückgeben will. Da Lauryn so große Angst davor hat, dass Jaq sie aufgrund all dieser Komplikationen verstoßen könnte, entscheidet sich Lauryn schließlich dazu, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und zu beenden, indem sie Curtis auf erschütternde und blutige Weise ersticht.
Lauryns Story in dieser Staffel von Top Boy zeigt so viele Aspekte häuslicher Gewalt auf – vor allem für marginalisierte Frauen. Neben der fehlenden Unterstützung und dem Stereotyp der „starken Schwarzen Frau“ besteht die Annahme, dass Schwarze Frauen nicht in Gefahr sein können. Das hat zur Folge, dass sie sich selbst verteidigen müssen.
Diese Staffel von Top Boy erinnert eindringlich daran, dass viele Frauen im Angesicht männlicher Gewalt allein dastehen. Auf einfühlsame und nachdenkliche Weise zeigt die Serie die äußerst begrenzten Möglichkeiten auf, die marginalisierte Frauen oft haben, wenn es um häusliche Gewalt geht. Zuletzt bleibt nur zu hoffen, dass betroffene Frauen in Zukunft die Hilfe und Unterstützung bekommen, die sie brauchen.

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