Süß war nicht gestern: Japans Kanincheninsel hat eine dunkle Vergangenheit

Vom Festland aus dauert es knapp fünfzehn Minuten, um die kleine Insel namens Okunoshima mit der Fähre zu erreichen und damit eine der wohl seltsamsten Inseln Japans zu betreten. Seltsam, weil hier kaum Menschen leben, dafür jedoch umso mehr Kaninchen, die es sich auf dem etwa 1,5 Kilometer langen und knapp 800 Meter breiten Stück Land gemütlich gemacht haben und damit an die Geschichte des Eilands erinnern, das heute auch von den Japanern selbst fast nur noch Usagi Shima gennant wird. Kanincheninsel. Und seltsam auch, weil die Insel noch vor gut 70 Jahren gar nicht existieren durfte, birgt sie doch ein düsteres Kapitel japanischer Geschichte, von der die meisten Besucher jedoch oft erst während ihres Aufenthalts erfahren. Die Hauptattraktion sind allerdings die Kaninchen.

Während die Fähre die letzten Wellen nimmt und schließlich am kleinen Steg von Okunoshima anlegt, werden die Fahrgäste mit bunten Manga-Zeichnungen in höflichem Englisch und noch höflicherem Japanisch darauf hingewiesen, vorsichtig mit den Tieren umzugehen. Bitte nicht auf der Straße füttern, denn Kaninchen sehen schlecht und könnten überfahren werden. Bitte keine Kaninchen mitnehmen und - viel wichtiger - bitte keine eigenen Tiere mitbrigen und auf der Insel aussetzen! Kurz hinter dem Anlegesteg warten währenddessen die flauschigen Akteure bereits auf die Touristen und deren kleine Papierbeutelchen mit trockenem Hasenfutter - bereit, jeden Besucher mit einer Attacke purer Niedlichkeit zum Füttern zu verleiten. Kaum ein Schritt ist möglich, ohne dass die Tiere aus dem Gebüsch gehoppelt kommen und wie kleine Pelz-Zombies über den Träger der Futtertüte herfallen. Wer nicht im Flauschangriff untergehen will, muss Futter und Zuwendung gut dosieren - oder wahlweise flüchten.

Doch ist der erste Ansturm der Schlappohren überstanden und die ersten Hundert Meter des Weges geschafft, offenbart sich die atemberaubende Aussicht aufs Meer, die man von Okunoshima aus genießen kann. Japan hat mehr als 6800 Inseln, viele von ihnen nicht größer als ein paar Quadratmeter und viele von ihnen könnten Geschichten erzählen. Die wohl interessanteste und zugleich düsterste aber erzählen Okunoshima und ihre Kaninchen.
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Es ist eine traurige Geschichte, die gleichzeitig die Herkunft der pelzigen Bewohner offenbart. Denn in den Jahren 1926 bis 1945 wurde Okunoshima als Produktionsstätte für Giftgas genutzt, in dessen Verlauf die Insel 1938 zu militärischem Sperrgebiet erklärt, und gleichzeitig von den Landkarten und aus den Geschichtsbüchern gestrichen wurde. Schiffsrouten wurden geändert und Zugfenster bei der Vorbeifahrt verdunkelt: Niemand sollte erfahren, was auf Okunoshima geschah, ja, dass es Okunoshima gab. Währenddessen waren dort schlecht ausgebildete, zumeist koreanische Arbeiter aber auch Studenten und später sogar Schüler damit beschäftigt, Senfgas und Blausäure herzustellen - viele von ihnen wurden dabei aufgrund der unzureichenden Schutzkleidung und dürftigen Sicherheitsvorkehrungen verletzt und verstarben unter schlechtesten medizinischen Bedingungen noch auf der Insel. Getestet wurde das Giftgas an Kaninchen, die vom Festland in Scharen nach Okunoshima gebracht wurden.

Unter der Aufsicht des amerikanischen Militärs wurde nach dem Ende des zweiten Weltkrieges schließlich mit der Vernichtung des Gases und der Sprengung der Prouktionsanlagen auf Okunoshima begonnen. Zeugnis des Grauens sind die heute überwucherten Ruinen, die auf der Insel als stumme Mahnmale an die vergangenen Zeiten erinnern und nicht so recht ins Bild des lustigen Tagesausflugs passen wollen - und die Nachfahren eben jener Kaninchen, die für Versuchszwecke auf die Insel geschafft worden waren. So zumindest lautet eine von zwei möglichen Erklärungen für das flauschige Treiben, das inzwischen jährlich etwa 100.000 Besucher anlockt. Eine andere Geschichte erzählt, es sei einer Schulklasse zu verdanken, die in den 70er Jahren einige der Tiere auf der Insel aussetzte und somit die heutige Population der Schlappohren zu verantworten hat.

Längst sind die Tiere - die aufgrund der Ausrottung aller natürlichen Fressfeinde in den 20er Jahren nichts zu fürchten haben - nicht nur auf den großen Rasenflächen der Insel zu finden, sondern haben auch den Berg erobert, der das Eiland überragt. Während die in die Erde geformten Stufen den Aufstieg für die wenigen Besucher, die nicht nur der Tiere wegen gekommen sind, mühsam und bei warmen Temperaturen fast unerträglich machen, hoppeln die Kaninchen munter bergauf und bergab. Selbst hier oben, zwischen bunten Blumen und einer beeindruckenden Aussicht, stehen Wasserschalen, aus denen die Tiere trinken können. Es wird sich gekümmert, um die kleinen Bewohner der Insel, die sich nicht nur füttern, sondern auch bereitwillig streicheln lassen. Hoppelnd begleiten sie die Besucher während deren Abstiegs, den geschwungenen Pfad hinunter und zurück zum Anlegeplatz der Fähre. Wer das letzte Schiff verpasst, das am späten Abend von Usagi Shima ablegt, der kann vielleicht in dem einzigen intakten Gebäude der Insel unterkommen; einem gut besuchten Hotel, das ein wenig verloren denjenigen Gästen als Herberge dient, die von Kaninchen gar nicht genug bekommen können. Die meisten jedoch verlassen das Eiland nach einem Tag wieder - im Gepäck eine Überdosis Niedlichkeit, jede Menge Fotos kleiner Schlappohren und viele vielleicht auch mit dem seltsamen Gefühl, einen irgendwie unwirklichen Ort betreten zu haben.
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