”This Pussy Grabs Back”: So war der Women's March in New York

Foto: Raffi Asdourian.
Am Samstag, den 21. Januar 2017, ist der Himmel über New York so blau wie nur möglich. Die Sonne strahlt – am ersten Tag nach der Amtseinführung des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald J. Trump. New York ist wach und bereit "zurück zu grapschen". Die Schockstarre der letzten Wochen scheint ihren engen Würgegriff endlich gelöst zu haben.

Ich nehme am Women's March teil, steige in Brooklyn in den L Train nach Manhattan. Nächster Halt: 42nd Street. Ich steige aus der Bahn und gerate in ein rosa Meer, Aufbruch, Protest und Zusammenhalt liegen in der Luft. Frauen, Männer und Kinder, Einwanderer und gebürtige Amerikaner, Menschen jeglicher sexueller Orientierung und Identität – das bunte Völkchen marschiert gemeinsam durch Manhattan und aus Vielfalt entsteht ein unbeschreibliches Gefühl der Einheit. Der Protest beginnt an der Dag Hammarskjold Plaza und endet am Trump Tower.

In New York sind nach ersten Schätzungen 250.000 Tausend Menschen zusammengekommen, um sich mit dem “Women’s March on Washington” solidarisch zu zeigen. Ingesamt haben sich 2,5 Millionen Menschen weltweit dazu entschieden, diesen Samstag auf die Straßen zu gehen.

“This is what democracy looks like” ist nur einer der Sätze, der während des Protests wie ein Weckruf durch die Massen hallt.

Einen Punkt hat der ehemalige Präsident Barack Obama in seiner Abschiedsrede besonders betont: Du bist es; der Bürger ist es, der einen der wichtigsten Posten der Demokratie besetzt.

Dies scheint durch den Wohlstand und den fälschlicherweise für selbstverständlich gehaltenen Liberalismus westlicher Gesellschaften in Vergessenheit geraten zu sein. Erst Brexit, dann Trump. Es ist Zeit aufzuwachen, bestätigt mir auch Gea, als ich sie frage, was ihre größte Hoffnung für die nächsten vier Jahre sei:

“Ich hoffe, dass das ein weltweiter Weckruf war. Ich hoffe, dass wir als Menschheit uns jetzt zusammenschließen und für das Gute kämpfen, stärker und zielstrebiger als zuvor. Und dass wir etwas aus der Erfahrung lernen.“

Ihr Freund Nijal fügt hinzu: „Hoffentlich nehmen die Menschen diese Wahl als Handlungsaufforderung wahr. Man kann nicht mehr länger nur zusehen und hoffen, dass sich die Welt von allein erholt.“

Das ist etwas, was man sich in Anbetracht der bevorstehenden Wahlen in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden und dem Aufschwung rechtspopulistischer Parteien unbedingt ins Gedächtnis rufen sollte.

Jede Stimme zählt. Demokratie, wach auf!
Foto: Raffi Asdourian.
“Women’s rights are human rights” – „Frauenrechte sind Menschenrechte“ ist ein weiterer Satz, den ich an diesem Morgen immer wieder höre.

Als jemand, der bei großen Menschenansammlungen schon mal leicht panisch werden kann, fühle ich mich bei diesem friedvollen Protest außergewöhnlich wohl und gut aufgehoben in der Menge. Im Herzen der Masse finde ich einen Moment der Ruhe und realisiere, wieso ich plötzlich – umgeben von Fremden – dieses Gefühl von Geborgenheit verspüre. Es ist ganz simpel, es ist die Faszination des Endlich-Aktivwerdens, das Ende der Ohnmacht und die Wärme des Zusammenhalts.

Bei diesem Protest geht es nicht nur um die Rechte der Frauen, es geht um Menschenrechte und Aspekte, die uns alle betreffen: unsere Umwelt, unsere Freiheit und unsere Bildung, die politische Kultur der westlichen Welt. Wollen wir wirklich einen Raubtier-Kapitalisten in dieser Machtposition?

Ashley aus New York trägt ein Schild mit der Aufschrift: ”Storms make trees take deeper roots”, etwa „Nach jedem Sturm gehen die Wurzeln der Bäume etwas tiefer“. Auf die Frage, wofür sie persönlich auf die Straße gehe, antwortet sie: „Es ist schwer, nur einen einzelnen Grund zu finden. Ich fühle mich als Frau angegriffen, als Erzieherin, als freie und freiheitsliebende Person. Ich glaube, wir kommen alle aus mehr oder weniger denselben Gründen zusammen.“

Die Abschaffung des “Affordable Care Acts” und der Entzug der Finanzierung für die Organisation “Planned Parenthood” sind nur zwei Beispiele von Trumps konservativen Regierungsplänen, die die Rechte der Frauen stark angreifen und die Kontrolle über den eigenen Körper einschränken werden. Hier geht es unter anderem um finanzierbare Verhütungsmittel, Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten und Hilfe bei ungewollten Schwangerschaften.

Sowohl Männer als auch Frauen kritisieren diese Pläne auf ihren bunten Schildern, die sie an diesem sonnigen Tag quer durch die Stadt tragen.

Die Demonstration endet am Nachmittag, kurz vor dem verhassten Trump Tower in Manhattan. Die Menschenmasse zerläuft, immer noch scheint die Sonne. Winter in Amerika. Was bleibt, ist ein zartes Gefühl der Hoffnung, dass dieses Land groß genug ist, um die Demokratie zu verteidigen. Dass viele Menschen bereit sind, für ihre Werte auf die Straße zu gehen und zu kämpfen, dass wir den Rechtspopulisten nicht das Handeln überlassen dürfen. Dass wir nicht kuschen, sondern unsere Stimme erheben müssen....und ein letztes Mal dringt das gebetsmühlenartig wiederholte Mantra an mein Ohr: “He’s not our president!”
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