Mein Verlobter & ich haben Marriage Story gesehen & so fühlten wir uns danach

Image Courtesy of Netflix.
Achtung: Dieser Text enthält Spoiler zum Film "Marriage Story".
„Ich werde Marriage Story garantiert nicht mit meinem Freund schauen“, meinte meine Kollegin letzte Woche zu mir. „Das wäre viel zu unangenehm.“ Ich lachte. Ich hatte den Trailer gesehen und musste ihr zustimmen, dass der Film ganz schön traurig wirkte. Aber ich dachte auch, dass das für meinen Partner B. und mich sicher kein Problem darstellen würde.
B. und ich haben uns gerade verlobt. Das bedeutet, nach zehn gemeinsamen Jahren befinden wir uns plötzlich wieder in dieser Phase der vollkommenen Naivität. „Oh unsere Liebe? Ja, also die ist komplett anders als die von allen anderen.“
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Für den Fall, dass du die letzten Tage damit verbracht hast, in Weihnachtsstimmung zu kommen und fleißig Plätzchen zu backen, statt einen Film über zwei Menschen zu schauen, deren Leben auseinander bricht, fasse ich mal kurz zusammen, worum es im Film geht. Marriage Story ist eine Tragikomödie von Noah Baumbach (Der Tintenfisch und der Wal, Frances Ha). Scarlett Johansson und Adam Driver spielen ein Ehepaar, das sich scheiden lassen will und deswegen versucht, zwei sehr eng miteinander verflochtene Leben zu entwirren. 
Aber wie gesagt: Meine Beziehung ist nicht wie die anderer und deswegen brauche ich mir auch keine Gedanken machen, den Film mit zusammen meinem Verlobten zu schauen. Haben sich unzählige Twitter-User*innen, nachdem sie Marriage Story gesehen haben in den Schlaf geweint? Ja. Hat das was mit mir und meiner Beziehung zu tun? Auf keinen Fall.
Nach den ersten paar Sekunden des Filmes wusste ich, ich stecke in der Klemme – in dem Moment, in dem Charlie (Adam Driver) anfing zu reden. „Was ich an Nicole liebe“, sagt er, „sie hört wirklich zu, wenn jemand mit ihr redet. Manchmal hört sie zu gut und zu lange zu.“ Nicole, sagt er, macht Tee, den sie nicht trinkt. Sie vergisst, die Schranktüren zu schließen. Sie ist gut darin, mit schwierigem Familienkram umzugehen, mit dem er nicht umgehen kann. Laut Nicole zählt zu Charlies besten Charaktereigenschaften, dass er selten besiegt wird und er sich durch die Meinungen, die andere über ihn haben, nicht aufhalten lässt. Sie liebt ihn, obwohl er beim Essen aussieht wie ein hungriges Schwein. „Ein Sandwich muss beim Herunterschlingen erwürgt werden.“
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Ich drücke auf Pause und drehe mich entsetzt zu B. Er hat gerade fast eine komplette Banane in seinem Mund gestopft. Die beschreiben doch nicht uns, oder?
Natürlich nicht. Charlie ist ein autodidaktischer Künstler, ein Theaterregisseur, der sich auf experimentelles Bewegungstheater spezialisiert hat. Seine Arbeit sieht extrem wichtig aus. Er beobachtet Nicole dabei, die auf der Bühne vor einem Schwarz-Weiß-Video ihres Gesichtes steht und Dinge sagt wie „Ich will nicht in Ehre stehen bei gottlosen Männern“ und „Soll ich den Vater entehren, die Schreie unterdrücken, der Trauer Flügelschlag stutzen…Hackk...ey Sack. Hack….eeey Sack, denke ich.
Nicole ist eine Schauspielerin. Am Anfang ihrer Karriere hat sie in einem großen Teeniefilm mitgespielt, überraschte dann aber alle damit, dass sie Hollywood den Rücken zukehrte und nach New York zog, um der Star von Charlies Theatergesellschaft zu werden. Das Paar hat einen Sohn namens Henry. Er ist acht Jahre alt und trägt Kniestrümpfe zu kurzen Hosen weil er es nicht mag, den Wind auf seinen Beinen zu spüren.
Viel Zeit haben wir nicht, nach Vorzeichen des drohenden Verderbens zu suchen, denn in der ersten Szene des Films ist die Scheidung bereits in vollem Gange. Es ist der Beginn einer beschwerlichen Reise voll mit Anwält*innen, Gerichtssälen, Büroräumen mit fluoreszierendem Deckenlicht, Fernreisen und Leben, die auf Eis gelegt werden. Aber es gibt ein paar Sätze, die selbst die stabilsten Paare zusammenzucken lässt. „Kaum bekommen wir ein Baby, sind wir nur noch Mutter und sie haben die Nase voll von uns“, sagt die Anwältin Nora (Laura Dern) zu Nicole. Mir ist schlecht.
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Das Thema, das mir jedoch am meisten Angst macht, ist die Sache mit dem Geld. Irgendwie hatte ich gedacht, sobald wir zurück von der Hochzeitsreise sind und aus dem Flieger steigen, haben wir die größten Ausgaben der Ehe hinter uns. Doch verglichen mit einer Scheidung, so scheint es, sind die übertriebenen Mietpreise einer Liege plus Sonnenschirm und Cocktail am Strand ein Witz. 
Marriage Story spielt (hauptsächlich) in Kalifornien, weshalb die Gehälter der Anwält*innen auch dementsprechend hoch sind. Auch wenn ich es nicht genau weiß, gehe ich jetzt mal davon aus, dass eine Scheidung in Deutschland nicht 25.000 Dollar (ca. 22.500 Euro) Anzahlung plus einen Stundenlohn von 450 Dollar (ca. 400 Euro) kosten würde. Superbillig wird die ganze Sache hier aber bestimmt auch nicht sein. Wäre es bei uns auch so krass, müsste ich mir auf jeden Fall noch mal Gedanken über meine Dealbreaker machen (bisher standen auf meiner Liste Sachen wie Fremdgehen, Geldwäsche und Mord)...
Was Marriage Story mir noch mal verdeutlicht hat ist, wie wichtig Kommunikation ist. Die Beziehung zerbrach zwar, weil Charlie fremdgegangen ist (womit er meiner Meinung nach zu einfach davonkommt) und Nicole sich selbst verwirklichen will. Doch wirklich den Bach geht alles eigentlich erst, als die beiden aufhören, miteinander zu reden. Nicole, die vielleicht doch verletzter ist als ihr bewusst ist, weigert sich, bei einem gemeinsamen Gespräch mit einem Mediator auf eine Frage zu antworten. Sie verlässt den Raum und wendet sich kurze Zeit später völlig verzweifelt an die Anwältin Nora Fanshaw (Laura Dern). Dadurch fühlt sich dann wiederum Charlie unter Druck gesetzt, sich einen Anwalt zu suchen. Nora und Jay Marotta (Ray Liotta) stellen die Ehe sehr unterschiedlich dar, denn beide wollen natürlich das Beste für ihre*n Mandant*in rausholen. Sie machen aus jedem kleinen Vorfall, jedem Fehltritt ein Riesending, um den Fall zu gewinnen und möglichst viel rauszuschlagen. Doch das ist eigentlich gar nicht das, was Charlie und Nicole wollten. Weil die beiden es allerdings mittlerweile verlernt haben, zu kommunizieren, wird aus einer traurigen Angelegenheit eine echte Schlammschlacht.
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Sowohl B als auch ich mussten nach dem Film ein bisschen weinen. „Das war einfach nur so traurig“, schluchzte er. Ich hatte ihn bisher nur ein oder zwei Mal weinen sehen, aber gut, er hatte den Abend davor auch ziemlich viel getrunken, also lag es vielleicht auch am Kater oder so. „Ich weiß“, wimmerte ich. Es war das dritte Mal diese Woche, das ich weinte (ich bin einfach die Art Mensch).
Wir saßen noch eine ganze Weile zusammen und unterhielten uns über den Film, unsere Beziehung und darüber, ob er etwas an unserer Entscheidung, heiraten zu wollen geändert hätte. Hatte er nicht. Aber wir beschlossen noch an diesem Abend, unserer Regel, immer über alles zu reden, noch ernster zu nehmen. Wie betonten, wie wichtig Kommunikation ist – besonders, wenn wir wir älter werden und mehr Verantwortung übernehmen müssen. Bis jetzt mussten wir uns noch nicht um viele “Erwachsenendinge“ kümmern. Wir hatten weder Kinder, noch eine Eigentumswohnung, noch alternde Eltern hatten. Vielleicht was das der Grund dafür, dass wir dachten, wir würden so gut kommunizieren...
Marriage Story erinnerte B. und mich daran, dass wir jetzt zwar super happy sind, das aber nicht für immer so bleiben muss. Es ist naiv zu glauben, dass auf uns keine schwierige Zeiten warten. So viel kann passieren, so viel kann schief gehen. Doch auch, wenn wir nicht alles kontrollieren können, gibt es eine Sache, die wir selbst beeinflussen können: wie wir miteinander kommunizieren. Das ist unsere einzige Chance auf eine glückliche gemeinsame Zukunft.

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