Die Plagiatsvorwürfe gegen Leandra Medine stürzen ihre Fans in ein Dilemma

Foto: Getty Images/Christian Vierig
Warum müssen Vorbilder sich immer verlässlich selbst zerstören? Vor allem in der Unterhaltungs- und Modeindustrie scheint jede*r Akteur*in einen eingebauten Selbstzerstörungsmechanismus zu besitzen, der früher oder später aktiviert wird.
Das erste Mal richtig enttäuscht war ich während der Fashion Week in Berlin im Januar 2015 oder 2016, als ich das vermeintliche Glück hatte auf dem gleichen Event zu sein wie Natalie Joos. Ihres Zeichens US-amerikanische Moderedakteurin und Gründerin des Blogs Tales of Endearment. Ich folgte Natalie schon lange auf Instagram, war verliebt in ihre Vintage-Looks und ihren saucoolen Fashion-Approach, der bunt, verrückt, voller Spaß und sympathisch war. Ganz richtig: war. Denn während ihrer kompletten Anwesenheit umwehte Frau Joos eine Aura von Überheblichkeit, ihr Blick war irgendwas zwischen gelangweilt und genervt und als sie die Fassung verlor, weil jemand es wagte ihren Double-Face Kaschmirmantel von Céline zu berühren, war die Blase endgültig geplatzt. Und ab sofort hinterließ jedes ihrer sorglosen Bilder bei mir einen bitteren Nachgeschmack.
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Wie heißt es so treffend? „You should never meet your heroes.“ Doch man muss seine Idole auch gar nicht unbedingt treffen, um eine ordentliche Backpfeife von der Realität verpasst zu bekommen. Immer wieder beflecken Menschen mit ihrem Verhalten ihr Realness-Erbe. Dass es nun den ultimativen Fels in meiner Mode-Brandung erwischen musste, tut allerdings besonders weh. Vorab: Es gelten auch hier noch die Zweifel zum Wohlwollen der Angeklagten auszulegen und das letzte Wort ist auch noch nicht gesprochen. Eventuell wird es das aber vielleicht auch nie. Dennoch ist die Enttäuschung groß, denn auf der Anklagebank sitzt derzeit niemand geringeres als die Man Repellerin Leandra Medine.
Die Tatwaffe? Ein Schuhmodell aus der neu aufgelegten Schuhkollektion „Leandra Medine“ (ehemalig MR by Man Repeller). Preis: 690 US-Dollar. Material: silbernes Leder und eine Menge Strass. Das Corpus Delicti. Die kleinen Steinchen ergießen sich nämlich in parallelen Bahnen am Absatz hinunter und genau dieses Design hat ein Indie-Fashion Brand namens Area aus New York vor genau einem Jahr während der New York Fashion Week gezeigt.
Man kann nun unken, dass auch Area dieses Rad mit Sicherheit nicht neu erfunden hat. Man kann sich aber auch die Gegenüberstellung der beiden Schuhmodelle auf dem Instagram-Account der Fashion-Polizei Diet Prada anschauen (sie haben den Strassstein überhaupt erst ins Rollen gebracht). Man stößt außerdem nach wenigen Swipes auf den Screenshots eines Artikels auf Man Repeller, geschrieben von Leandra Medine im September 2017. In diesem Artikel feiert Medine Area als neue modische Hoffnungsträger der NYFW im Speziellen und der Modeindustrie im Allgemeinen – nicht ohne jedoch hinzuzufügen, dass die Designs mitnichten ihren eigenen Geschmack treffen.
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Medine musste sich im Laufe ihrer Karriere viele Vorwürfe gefallen lassen, die ich bisher allesamt für übertrieben oder unangebracht hielt. Nur weil jemand aus gutem Hause kommt, sind seine oder ihre beruflichen Errungenschaften nicht unmittelbar zu relativieren. Wenn jemand sehr dünn ist, nimmt es ihm*ihr nicht die Glaubwürdigkeit, wenn er*sie die eigene Seite als Plattform für Body Diversity nutzt.
Diese Schuhsache allerdings lässt mich nicht los. Auch Medines Statement auf ihrem eigenen Instagram-Account konnte die Wogen nicht so recht glätten. Natürlich sitzt man eine Weile an einer Schuhkollektion und es ist logisch, dass Designs schon Monate vor dem eigentlichen Verkaufstermin feststehen. Da es aber nicht der erste Design-Ausflug von Leandra ist und die Kollektion mit dem betreffenden Modell erst im August 2018 in die Läden kam, gilt dieses Argument nicht so recht für mich. Elf Monate vom Entwurf zum fertigen Produkt: Ich traue Leandra Medine eine Infrastruktur zu, die das mehr als möglich macht. Ihr Nachklapp, dass eine Redakteurin von Man Repeller die Kollektionspräsentation der Sommerkollektion 2019 von Area besuchen und eine faire und ehrliche Rezension darüber schreiben wird, wirkt ebenfalls etwas fehl am Platz. Stichwort kleine Brötchen backen.
Auf der anderen Seite steht die Frage, wie man auf solche Vorwürfe reagieren kann und muss. Gerade wenn die Karten zu den eigenen Ungunsten liegen. Vielleicht war es ja wirklich so, wie Leandra sagte und es handelt sich hier um eine Aneinanderreihung von sehr unglücklichen Zufällen. Der Artikel, das Timing, Leandras Background, die Schuhe. Man könnte das alles auch egal vor welchem Background überzogen finden, wäre Man Repeller nicht auch so etwas wie eine moralische Instanz in der Branche, die sich bisher durch mustergültiges Verhalten ausgezeichnet hat. Und wäre nicht der Support von Independent-Brands eine der größten Missionen, der sich die Macher*innen der Seite verschrieben haben.
Vielleicht gestehe ich anderen Menschen aber auch nicht ein, was ich selbst immer einfordere: das Recht auf schlechte Tage, Fehltritte, nervige Angewohnheiten und die Chance auf Einsicht und einer lebenslangen Charakterformung. Oder angelehnt an eine Aussage des verrückten Lagerfeld: mehr Strass und weniger Stress. Natalie Joos folge ich inzwischen auch wieder auf Instagram. Sie hatte vielleicht nur einen schlechten Abend, ist vielleicht aber wirklich eine blöde Kuh. So oder so: Sie inspiriert mich.
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