So schlecht ist Late Night Berlin gar nicht, wenn Klaas doch nur richtig gendern würde

Foto: Instagram @latenightberlin  
Klaas Heufer-Umlauf trat am gestrigen ersten Ausstrahlungs-Montag seiner neuen Talkshow Late Night Berlin in große Schmidtsche/Raabsche-Fußstapfen und das war dem Moderator mehr als klar. Den Zuschauern gegenüber erwähnte er seine Unsicherheit und Nervosität am laufenden Band. „Hallo, ich bin Klaas und ich bin zwölf Jahre alt”, war seine Begrüßung. Dann musste er erst einmal Luft holen. Oft. Ein selbstsicherer Start als Talkmaster sieht wirklich ganz anders aus, aber irgendwie kann ich ihn auch verstehen. Mir würde auch der Hintern auf Grundeis gehen. Den neuen Sendeplatz auf ProSieben, immer montags um 23 Uhr, muss Heufer-Umlauf nämlich zum ersten Mal allein bestreiten. Langzeit-Kollege Joko Winterscheidt macht jetzt lieber ein Print-Magazin.
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Klaas Heufer-Umlauf noch wenig selbstbewusst

„Wir arbeiten dran, und dann wird sich ein natürliches Late-Night-Gefühl einstellen”, so das Versprechen. Natürlich, das ist ganz normal. Aber dadurch, dass er es immer wieder sagt, hat man das Gefühl, als wäre der Chef selbst noch nicht zufrieden mit dem wenig überraschenden Konzept aus Monologen, Sketchen, Talkgast und Musik. Insgesamt ist alles noch etwas unflüssig und flach. Da muss man sich auch geschlagen geben und Böhmermann zu Recht für seinen Werbepausencrash mit dem Motto #WeLoveToEnterYou die Gag-Krone aufsetzen (Video oben). Sprachlich ist es noch sehr frei, wenig unerwartet und nicht clever genug geschrieben. Satire-Gott Böhmermann und sein geniales Schreiberteam werden bisher nicht zu Fall gebracht. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden, wenn Heufer-Umlauf denn nur selbst dran glaubt.
Aber mein größtes Problem mit der gestrigen Show war das korrekte Gendern, ein brandaktuelles Thema. Gerade heute entschied der Bundesgerichtshof gegen die Klägerin Marlies Krämer, die, leider vergeblich, dafür kämpfte, von der Sparkasse als Kundin angesprochen zu werden. „Es ist mein verfassungsmäßig legitimes Recht, dass ich als Frau in Sprache und Schrift erkennbar bin“, argumentierte sie in Karlsruhe. Der Satz hätte heute auch von Heufer-Umlaufs erster Talkpartnerin Anne Will fallen können. SIE dürfe in Late Night Berlin „derjenige sein, der unterbrochen wird”, so Heufer-Umlauf zu Beginn des Interviews. Aua!

Richtig Gendern bei den Sendern, bitte!

Ich gebe zu, oft muss ich auch nachschauen wie ich alle Gruppen beim Schreiben berücksichtige, doch der Anspruch eine sprachliche Gleichberechtigung zu schaffen ist bei mir und Refinery29 extrem hoch. Noch ist die Gender-Debatte nicht vorbei, noch gibt es viele ungeklärte Fragen, noch fließt das gender-inklusive Deutsch nicht so ganz und viele Schreibweisen sind noch ungewohnt oder sehen falsch aus. Alles Gewöhnungssache. Was man häufig liest, hört und sieht, eignet man sich selbst an und empfindet es mit der Zeit als normal. Das Ziel dahingehend Vorreiter zu sein, sollte auch ProSieben haben.
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Du darfst hier mal ausatmen. Du darfst mal deine menschliche Seite zeigen. Du darfst endlich mal derjenige sein, der unterbrochen wird und nicht derjenige, der unterbricht.

Klaas Heufer-Umlauf
Natürlich passieren beim Sprechen Fehler. Aber Anne Will drei Mal als „der” zu deklarieren ist schon happig und einfach falsch. Das ist Gendern 101 und gar nicht so kompliziert. Was mich aber noch trauriger macht, ist die Tatsache, dass es heute zwar etliche Artikel mit Kommentaren zu der ersten Ausgabe von Late Night Berlin zu lesen gibt, jedoch in keinem einzigen dieser Faux-Pas thematisiert wird. Auch von meiner neuen Heldin Marlies Krämer gibt es bisher keine Stellungnahme dazu, aber die hatte gestern bestimmt genug mit der Prozessvorbereitung zu tun, als dass Zeit zum ProSieben-Schauen geblieben wäre…
Hier könnt ihr euch die ganze Folge Late Night Berlin in der Mediathek anschauen.
Und hier dürft ihr diejenigen sein, die weiterlesen:

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