Warum ich 2022 auf To-do-Listen verzichten werde

Foto: Kate Anglestein
„To-do-Liste erstellt“. Abgehakt!
Mein Leben besteht aus einer Menge bunter Listen mit guten Vorsätzen, die ich ausdrucke und in Notizbücher klebe oder nachts um drei Uhr im Schlaf in mein Handy tippe. Ich bin bekannt für meine To-do-Listen, die ich so formatiere, dass die kleinen Kästchen grün werden, sobald ich eine Aufgabe erledigt habe – was für ein Erfolgserlebnis.
Während der ersten Januarwoche 2022 wimmelte es nur so von Artikeln, die uns Zu-erledigen-Listen schmackhaft machen sollten. Ein Großteil der Inhalte, die zu Beginn des Jahres für gewöhnlich auftauchen, stehen unter dem Motto „Neues Jahr, neues Ich“, wie z. B.: „100 Dinge, die du tun, denken und sagen solltest, um im Jahr 2022 ein besserer Mensch zu werden“. Versteh mich nicht falsch, ich verschlinge solche Artikel oder Posts wie alle anderen und vermerke im Geiste jeden Punkt, den ich bisher nicht erledigt habe. Jeder nicht abgehakte Punkt fühlt sich dabei wie ein kleiner Schlag ins Gesicht an. Wie Liana Sayer, Leiterin des Time Use Laboratory der University von Maryland, im Jahr 2021 sagte, kann es uns so vorkommen, als wären wir im Moment beschäftigter denn je, weil wir „das Gefühl haben, dass wir in allen Bereichen die beste Version von uns zu sein haben, weil alles andere als ein Misserfolg gelten würde“.
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Unter meinen sehr beschäftigten und ehrgeizigen Freund:innen sind lange To-do-Listen unbewusst zu einer Art Ehrenabzeichen geworden; ein Indikator für Erfolg. Während der ersten Januarwoche tauschten wir in einer WhatsApp-Gruppe sogar Bilder unserer Listen für diesen Monat aus, was sich wie ein seltsamer Wettbewerb anfühlte: Wer von uns war am beschäftigtsten? Weil meine Liste nicht die längste war, „gewann“ ich diesen Contest nicht, weshalb ich mich nicht wie ein „besserer Mensch“ fühlen konnte. Ich erinnere mich auch an eine traurige Zeit in einem früheren Job, als ich tatsächlich jemandem meine Aufgabenliste als eine Art Statussymbol oder als Beweis dafür, dass ich überfordert war, schickte – heute zucke ich beim bloßen Gedanken daran zusammen.
Aufgabenlisten helfen uns dabei, Dinge anders anzugehen und können sogar förderlich für unser Gedächtnis sein. Das haben die Sozialpsycholog:innen Roy Baumeister und E. J. Masicampo in einer Studie aus dem Jahr 2011 festgestellt: „Sich auf einen bestimmten Plan festzulegen, um ein Ziel zu erreichen, kann daher nicht nur das Erreichen dieses Ziels erleichtern, sondern auch kognitive Ressourcen für andere Zwecke freisetzen.“ Das Verfassen einer Zu-erledigen-Liste wird sogar von der Wohltätigkeitsorganisation Mind in einem 2015 veröffentlichten Leitfaden als potenzielles Mittel zum Stressabbau empfohlen. Es scheint also, dass solche Listen an sich keine schlechte Sache sind.
Es gibt aber einen Haken an der Sache: Ich glaube nicht, dass ich jemals alle Punkte auf einer Liste abgehakt habe – und das fühlt sich mies an. Ich verfasse eine To-do-Liste, um mich kurzfristig so zu fühlen, als hätte ich Kontrolle über mein Leben und um mich davon selbst zu überzeugen, dass ich wichtig und fleißig bin, bevor ich mich aufgrund ihrer Unvollständigkeit zu schämen beginne. Dann gehe ich schnell zur nächsten Liste über, um mich kurzzeitig wieder so zu fühlen, als hätte ich alles im Griff und um mich nicht bedeutungslos zu fühlen. Aus diesem Grund habe ich auch für jeden Lebensbereich eine Liste, die nur darauf wartet, abgearbeitet zu werden.
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Auch wenn viele Menschen darauf schwören, bereiten mir all diese unvollständigen Listen keine Freude. Die Psychologin und Psychiaterin Bluma Zeigarnik war eine der ersten Personen, die sich mit dem Thema Listenschreiben beschäftigte. In ihrer Studie aus dem Jahr 1927 stellte sie fest, dass Menschen sich eher an unerledigte Aufgaben erinnern als an erledigte. Dieser Effekt wurde als „Zeigarnik-Effekt“ bezeichnet und wird heute oft mit Produktivitätsmethoden in Verbindung gebracht. Wenn wir uns aber eher an unerledigte Aufgaben erinnern, bestrafen wir Perfektionist:innen uns vielleicht auch für unser Versagen, sie zu erledigen. Und wenn du fünf oder sechs verschiedene Listen hast, auf denen alle Aspekte des eigenen Lebens aufgeführt sind und die einen großen Teil deines persönlichen Wertes ausmachen, was bedeutet es dann für unser Selbstwertgefühl, wenn wir die Liste nicht vervollständigen können?
Genauso wie auf Neujahrsvorsätze habe ich dieses Jahr versucht, auf To-do-Listen zu verzichten. Ich wollte herausfinden, ob mich meine vielen langen, nicht abgehakten Listen in Form einer Produktivitätsdysmorphie von all den Dingen ablenken, die ich tatsächlich erreicht und abgeschlossen habe. Abgesehen davon wollte ich wissen, ob ich auch ohne sie überleben könnte.
Die Antwort auf die letzte Frage lautet natürlich: Ja. Meine bestehenden Aufgabenlisten zu ignorieren, fühlte sich aber nicht so befreiend an, wie du vielleicht denkst. Ich bin es nämlich gewohnt, Listen zu löschen oder zu versuchen, ihnen keine Beachtung zu schenken. In meiner ersten listenfreien Woche im Januar 2022 erledigte ich alle meine Aufgaben so, wie ich es auch mithilfe von Listen getan hätte: Ich antwortete auf die Nachrichten meiner Freund:innen, führte meinen Hund aus, nahm an Meetings teil, archivierte meine Projekte bei der Arbeit und machte mein Haus sauber (oder so etwas in der Art).
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Als ich alle meine Aufgabenlisten wegschmiss oder löschte, wurde mir klar, dass der Grund dafür, dass ich sie überhaupt erstellt hatte, nichts mit Organisation zu tun hatte: Ich bin von Natur aus kein übermäßig desorganisierter Mensch. Ich hatte deshalb so viele Listen, weil ich meine Angst bekämpfen und mich kurzzeitig so fühlen wollte, als hätte ich Kontrolle über mein Leben. Ich wollte mich selbst davon überzeugen, dass ich Fortschritte mache. Der Drang, neue To-do-Listen zu erstellen, erforderte Zurückhaltung – wie jede Gewohnheit, die du dir abgewöhnen willst. Das ist besonders schwierig, wenn du ständig mit Werbung für digitale Organisationstools und Apps wie Asana, Trello und Monday vor jedem einzelnen YouTube-Video zugeballert wirst (nur ich?). Zielpublikum erreicht, ganz klar.
Dass Millennials verrückt nach Listen sind, ist allgemein bekannt. Im Jahr 2015 gaben 94 Prozent der befragten Millennials Selbstoptimierung als persönliches Ziel an (im Vergleich zu 84 Prozent der Baby-Boomer und 81 Prozent der Generation X). Das hat mit der natürlichen Neigung meiner Generationsgenoss:innen zu tun, auf Inhalte zu klicken, die in Listenform präsentiert werden. Als Konsument:in von Inhalten in den 2010er und 20er Jahren habe ich mehr Listen gelesen, als ich zugeben möchte; als Autor:in habe ich auch einige von ihnen verfasst. Im Nachhinein betrachtet hat das wahrscheinlich nur dazu geführt, dass ich einen Haufen von Listen erstellt habe, durch die ich das Gefühl aufrechterhalten konnte, dass das Abhaken der nächsten, der nächsten und der nächsten Sache der Weg sei, um meinen Selbstwert zu stärken.
Vielleicht lag mein Problem darin, dass ich das Verfassen von Aufgabenlisten falsch angegangen war. Vielleicht sind meine Listen einfach zu lang und zu ehrgeizig und möglicherweise habe ich zu viele davon. Der Experte in der Kunst des Listenschreibens, David Allen (Autor von Getting Things Done: The Art of Stress-Free Productivity), ist der Meinung, dass die Antwort auf „schlechte“ Listen darin besteht, detaillierter zu sein. Anstatt „Mama anrufen“ solltest du lieber schreiben, warum du sie anrufen oder wann du es tun solltest. Aber wie er 2017 in einem Interview mit The Guardian erzählte, bleiben seine Listen, genau wie meine, oft unvollendet. Er sagte: „Neulich fand ich ein altes Notizbuch von vor sechs Jahren, und da stand etwas drin, das ich immer noch nicht erledigt habe.“ Aber wie der Artikel andeutet, hat er auch viele Bücher geschrieben und ist sehr erfolgreich, also kann das Verfassen von Listen doch nicht so schlecht sein, oder?
Ich bin mir nicht so sicher, ob das bei jemandem wie mir, wo das Erstellen von Listen ausschließlich dazu dient, mit meinen Ängsten zurechtzukommen, der Fall ist. Wenn das Nicht-Erledigen der Aufgaben tatsächlich zu mehr Stress führt, sind sie nicht effektiv. Wenn ich die Zeit, die ich mit dem Erstellen endloser Listen verbringe, gegen kleine Pausen eintauschen würde und stattdessen spazieren gehen, schlafen, eine Tasse Tee kochen oder ein Bad nehmen würde, würde ich während meiner eigentlichen „Arbeits“-Zeit wahrscheinlich viel mehr schaffen. Wenn ich noch einen Schritt weiter gehe und meinen Schwerpunkt statt auf Produktivität auf Selbstfürsorge legen würde, könnte ich diesen Kreislauf durchbrechen.
Was ist dann die alternative Option, wenn es dir so geht wie mir und du dich hinter einem Berg voller Listen versteckst? Selbst die Alternativen zu Aufgabenlisten beinhalten nämlich Listen. Es gibt Nicht-zu-tun-Listen, Erledigte-Aufgaben-Listen, 123-Listen, usw. Natürlich hat jede davon ihre Vorzüge. Aber für einen Menschen, der sich zu sehr auf diese eine Methode verlassen hat, war meine listenfreie Woche wirklich aufschlussreich. Was habe ich daraus gelernt? Wenn du Listen erstellst, um dich besser zu organisieren und es für dich funktioniert, dann solltest du dabei bleiben. Wenn du es aber, wie ich, tust, um deine Ängste loszuwerden und sie so aber nicht abnehmen, oder um dich wichtig zu fühlen, weil du dein Selbstwertgefühl von deiner Produktivität abhängig machst, lohnt es sich wahrscheinlich, der Sache auf den Grund zu gehen. Dazu rät auch der Diplom-Sozialpsychologe Dr. Gary Wood, der mir kürzlich verriet, dass wir zuerst den Auslöser für unseren Drang nach Listen verstehen sollten. Mein neuer Vorsatz für 2022? Keine To-do-Listen mehr zu erstellen. Abgehakt!

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