Ohne Wlan & mit offenem Fenster: Zurück in die Zukunft mit Flixtrain statt DB

Foto: Morris MacMatzen/Getty Images
Die Deutsche Bahn hat keinen guten Ruf und ist mir deswegen direkt sympathisch. Unzuverlässig, unfreundlich, zu teuer, schlechtes Englisch? Alles Qualitätskriterien in angesagten Berliner Cafés. Vielleicht bin ich der Bahn also immer treu geblieben, damit ich es im Zug genauso habe wie sonst auch. Auf Dauer ist der Spaß mit schlechtem Wlan trotzdem ziemlich teuer. 129 € kostet die einfache Fahrt von Berlin nach Frankfurt und dauert 4 Stunden 19 Minuten. Mit dem Flixtrain, dem neuen Ableger vom Flixbus und Nachfolger von Locomore, ist man gerade mal 33 Minuten später dran und zahlt bei frühzeitiger Buchung 110 € weniger.
Diesen Deal wollte ich mir nicht entgehen lassen. Immerhin hatte ich in Berlin bereits zu viel Geld für Hipster-Kaffee ausgegeben. Außerdem ist der Blick auf die Landschaft ja quasi gleich und die alten IC-Wagen habe ich im Studium schon geliebt. Außer wenn neben mir jemand saß, der drei Stunden bei geschlossenem Fenster Pfeife geraucht hat.
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Trotzdem hätte ich mir nach wenigen Minuten Fahrt direkt hinter Spandau am liebsten selbst eine Zigarette angemacht. Am besten mit offenem Fenster – um meine Mitmenschen so wenig wie möglich zu stören und weil es so filmreif ist. Um jedoch unermahnt an meinem Ziel anzukommen, habe ich letztlich darauf verzichtet. Aber auch ohne Kippe hat sich die Fahrt im Flixtrain hinter fleckigen Polyester-Vorhängen auf samtig-verklebten Sitzen wie eine kleine Zeitreise angefühlt.
Womöglich ging es dem Start-up-Pärchen am Gangplatz ähnlich, die mindestens genauso optimistisch wie ich versuchten, eine Internetverbindung in Gang zu bekommen. Sprich: Wir hackten lange auf unseren Geräten herum und störten unsere Umgebung damit womöglich mehr als mit einer Zigarette. Nur das Seniorenpärchen gegenüber wirkte ganz entspannt: Sie brauchen wahrscheinlich kein Wlan und hören das Hacken und Fluchen womöglich nur dumpf. In Sachen Neuland ähnelt der Zug-Discounter also der Deutschen Bahn: Das Wlan funktioniert kaum bis gar nicht. Und noch eine Gemeinsamkeit: Der Durchsager spricht einen sächsischen Dialekt, der das Abteil bestens unterhält.
Neben Auf-Der-Hand-Argumenten wie dem Preis hat der Flixtrain noch einen Vorteil zur Deutschen Bahn: Die Fenster sind offen, es nervt also keine Lüftung. Während ich mich über die frische Brise freue, liest meine Sitznachbarin die Zeit. Eine Reihe weiter vorne kann ich mich dank InTouch über die Gewichtsprobleme von XY informieren. Doch eigentlich interessiert mich beides herzlich wenig und so widme ich mich weiter dem Abtippen eines Interviews. Offline zu arbeiten ist möglich und funktioniert dank weniger Ablenkung sogar ziemlich zügig.
Doch irgendwann kommt immer der Moment, in dem man auf die Toilette muss. Und obwohl meine Fahrt bisher sehr angenehm war, fürchte ich mich vor den sanitären Anlagen fast so wie bei meinem ersten Festivalbesuch und werde direkt bestätigt. Als ich das Abteil nach links verlasse, funktionieren vier Toiletten nicht. Als ich dann eine gefunden habe, warte ich grob geschätzt 3,5 Stunden, bis ich mich für eine andere entscheide. Es ist also wirklich schon 3 vor eingenässt, doch die Toilette überrascht. Zustand mindestens 3+. Meine Überraschung hat wohl auch der nach mir Wartende bemerkt, als ich die Tür öffnete und mit einem breiten Grinsen herauskam.
Nach gut 2,5 Stunden und zwei ungeplanten Halten kommen wir in Kassel Wilhelmshöhe an, einem Bahnhof, der optisch nicht mal einen Blumentopf verdient hat. Neben Ausblick auf viel Grau darf ich mich hier über neue Sitznachbarn freuen. Ein Pärchen nimmt neben mir Platz. Als sie sich zu mir setzt, lächle ich sie freundlich an. Sie wendet sich von mir ab, vielleicht wurde ich missverstanden. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich meine Chucks vor längerer Zeit ausgezogen habe. Oder ihre Körpersprache hat nichts mit mir zutun, sondern eher mit der Liebe zu ihrem Mann. Ja, im Flixtrain findet sich auch Zeit für Romantik. Vielleicht hängt das auch mit dem fehlenden Wlan zusammen.
Bei der Ankunft in Frankfurt habe ich meine Arbeit trotzdem gemacht und komme weder ent- noch angespannter an. Fast so, als wäre ich mit dem ICE gefahren. Wenn der Flixtrain sein Angebot jetzt noch Richtung München erweitert, ist meine Bahncard so gut wie gekündigt. Vielleicht rauche ich dann bei der nächsten Fahrt auf einer der defekten Toilletten. Fast wie früher in der Uni.
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