DIESE SUPERFRAUEN PRÄGTEN DIE KUNSTWELT DER 70ER JAHRE

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Retro-Trends werden nicht so schnell wieder verschwinden.
Wir wissen es schon lange: Retro-Trends werden nicht so schnell wieder
verschwinden. Die It-Girls der Kunstszene lassen sich derzeit modisch von jeder einzelnen Dekade des 20. Jahrhunderts inspirieren. Vielleicht kann man sich so gedanklich einen Ausgleich zum halsbrecherischen Tempo globaler Innovationen schaffen.
Obwohl die Nostalgie für Vintage Content ursprünglich eines der Hauptgebiete von Tumblr war, ist nun auch Instagram mit Accounts gesättigt, welche sich dem nostalgischen Rückblick auf vergangene Zeiten widmen. Ganze Seiten mit Tausenden von Followern beschäftigen sich mit Berühmtheiten der 2000er, mit Standbildern aus der Nouvelle Vague oder auch mit Fotografien der Olsen-Twins.
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In der Mode werden sogar Trends die eigentlich zu hässlich wären für ein Comeback allen Widrigkeiten zum Trotz erfolgreich gefeiert - und ja, damit meinen wir vor allem Hüfthosen. Doch was wird geschehen, wenn uns die Retro-Trends ausgehen? Beginnen wir von vorne? Gehen wir noch einen Schritt weiter in die Vergangenheit zurück? Um allen anderen sicher voraus zu sein, werde ich bald beginnen mich nach mittelalterlicher Bauernmode umzusehen.
Wenn es aber ein Jahrzehnt gibt, dessen Ästhetik uns definitiv nicht zu verlassen scheint, dann sind es die 1970er Jahre. Von der Musik über die Frisuren (Ach du meine Güte, die Frisuren…), das Jahrzehnt des Glam-Rocks bietet immer wieder Nährboden für neue Inspiration.
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Eat your fruits #1970

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Nachdem wir den gesamten @70sdaily Account durchgescrollt hatten, wünschten wir uns sehnlichst eine Zeitmaschine (Wann legst du los, Elon Musk?), weil wir so neidisch waren auf die Frauen welche ihre Blütezeit in dem legendären Jahrzehnt erlebten. Da Zeitreisen aber noch keine gängige Urlaubsvariante sind, bringen wir die 70er ins Hier und Jetzt indem wir uns der damaligen Superfrauen der Kunstwelt erinnern.
Lies weiter und du triffst einige der coolsten Frauen welche die Kunst und die Welt der 70er Jahre geprägt haben.

1) Kim Hastreiter

Als ob es nicht genügen würde, Mitgründerin und Herausgeberin des Paper Magazine zu sein, hat Hastreiter einen bunten Lebenslauf voller kulturhistorischer Momente vorzuweisen. An ihrem Status als eines der coolsten Kunstgirls der 70er Jahre gibt es nichts zu rütteln. Ihre Instagram Bio sagt alles: Kim ist ein "Kultureller Entdecker, notorischer Provokateur, Netzwerker, ein Original der alten Schule, Menschenfreund, Mitgründer PAPER."
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Circa 1977 von Bill Cunningham fotografiert.
Was sie mit "ein Original der alten Schule" meint? Lass es uns erklären. Mindestens drei Artikel der New York Times berichten von Hastreiters Soft Power im "Big Apple": Sie tanzte mit Madonna im Roxy Club bevor sie die berühmte Madonna war, sie war da als Basquiat's Werke auf der Strasse für 200 Dollar verkauft wurden, sie fuhr mit Künstler und Dragqueen Joey Arias in einem Lastwagen namens Dragon Wagon durch das Land. Dagegen kann man nichts sagen.
Nach ihren Bachelor und Master Abschlüssen in Kunst und von niemand geringerem als John Baldessari mentoriert, landete Hastreiter 1976 in New York City. Sie arbeitete als Verkäuferin an der berühmten Madison Avenue und freundete sich mit Bill Cunningham an, welcher ihr dann einen Job als Moderedakteurin für die SoHo Weekly News verschaffte. Für die Zeitschriftenbeiträge arbeitete sie mit Künstlern wie Robert Mapplethorpe, Keith Haring und Kenny Scharf. Später gründete sie ihr eigenes Magazin, PAPER, welches schnell zur angesagtesten Kulturzeitschrift der Stadt avancierte.
Stadt avancierte.IG: @kimpaper

2) Marian Goodman

Die gebürtige New Yorkerin ist vermutlich die einzige Person auf der Welt, die sich mit Kunst befassen wollte, weil sie dringend Geld brauchte. Frisch geschieden eröffnete sie im Jahr 1977 die nach ihr benannte Galerie. Sie wurde dann nicht nur zu einer der ersten super erfolgreichen weiblichen Galerie-Inhaberinnen der Stadt, sondern der Welt. 
Aber Goodman war weder Opportunistin noch Dilettantin. Während der 60er Jahre  studierte sie Kunstgeschichte an der Columbia University, und war da die einzige Frau in der Vorlesung. Nach dem Studium wurde sie Mitgründerin des "Multiples" Verlags, wo sie Kunstdrucke, Multiples und Bücher von Superstars wie Sol Lewitt, Roy Lichtenstein und Andy Warhol verkaufte.
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Ihre erste Woche als Galeristin nahm eine gute Wendung, als der Sohn von Jackson Pollocks Psychoanalyst sie um Hilfe bat. Er wollte die Gemälde verkaufen, welche Pollock damals zu seinem Vater in die Analyse gebracht hatte. Goodman brachte sie unverzüglich zum MoMA, wo der Kurator sich sofort alle schnappte. Der Rest ist Geschichte: Die Marian Goodman Gallery hat sich kontinuierlich weiterentwickelt und repräsentiert unter anderem die berühmten Künstler Steve McQueen und Maurizio Cattelan. Heutzutage verfügt die Galerie über zwei weitere Standorte in London und Paris und repräsentiert weiterhin einige der wichtigsten Künstler unserer Zeit.

3) Paula Cooper

Paula Cooper überblickt ihr Reich, 1983.
Ein Jahrzehnt vor Goodman eröffnete eine andere Superfrau ihre Galerie in New York. Paula Cooper war eine vielseitige Wegbereiterin und fürchtete sich nicht davor, sich kopfvoran in die Kunstwelt zu stürzen. Die erste Ausstellung in der Paula Cooper Gallery fand 1968 statt und war eine Veranstaltung gegen den Vietnamkrieg, bei der Werke von Donald Judd, Carl Andre, Dan Flavin und Sol LeWitt gezeigt wurden. Sie war ihrer Zeit Jahrzehnte voraus und organisierte als eine der ersten Galerien kreative Soirées wo Musik, Tanz, Poesie und Aktivismus miteinander gelebt wurden. 
Cooper setzte sich in den 70er Jahren als erste Galeristin für die Künstlerinnen Lynda Benglis und Elizabeth Murray ein. Die Kunstzeitung Artforum weigerte sich damals ein Bild zu veröffentlichen, auf dem eine nackte Lynda Benglis einen übergrossen Dildo hält. Kurzerhand kaufte Cooper eine doppelseitige Anzeige, platzierte das Bild auf diese Weise trotzdem in der Zeitung und sorgte so im Jahr 1974 für einen Skandal. Sie hatte gegen das Kunstestablishment gewonnen.
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Tut euch etwas Gutes und schaut euch die wunderbaren Bilder an, welche die Paula Cooper Gallery anlässlich des 50-jährigen Jubiläums gepostet hat.

4) Ileana Sonnabend

Ileana Sonnabend ist nicht einfach nur eine coole Frau der Kunstszene - sie ist die Königin. Sie und ihr Ehemann eröffneten 1961 die Ileana Sonnabend Gallery in Paris. Die Galerie etablierte unter anderem Andy Warhol und Roy Lichtenstein auf dem europäischen Kunstmarkt. Nur mal so nebenbei.
Die Sonnabend Gallery eröffnete 1971 einen Standort in New York im damals aufkommenden Stadtteil SoHo, wo sie weiterhin stetig an ihrem Erfolg arbeitete. Sonnabend zeigte einerseits weltberühmte Künstler wie Jeff Koons, David Hockney und Gilbert & George und führte gleichzeitig Georg Baselitz, Christo und Jannis Kounellis auf dem US-amerikanischen Kunstmarkt ein. 
Ileana Sonnabend liess, ein Beweis für ihr progressives Vorgehen, den Performancekünstler Vito Acconci zwei Wochen lang für seine Aktion "Seedbed" in ihrer Galerie masturbieren. Sie verstarb im Jahr 2007 und hinterliess eine erfolgreiche und wegweisende Galerie in New York.

5) Angela Westwater

Angela Westwater hatte schon ziemlich eindrückliche Erfahrungen gesammelt bevor sie mit den europäischen Kunsthändlern Gian Enzo Sperone und Konrad Fischer die Sperone Westwater Fischer Gallery eröffnete. Sie hatte ihre Karriere als Galeristin in der legendären John Weber Gallery begonnen und war danach drei Jahre lang als Chefredakteurin der Kunstzeitung Artforum tätig. Sperone Westwater Fischer (heutzutage noch Sperone Westwater) wurde im Jahr 1975 eröffnet und repräsentierte Künstler wie Tom Sachs, Susan Rothenberg, Bruce Nauman und Julian Schnabel.
Von den 70er Jahren bis zur Gegenwart hat sich Westwater nach und nach zu einer der legendärsten Figuren der New Yorker Kunstwelt entwickelt. Sie nutzt ihre Position um sich für Künstler einzusetzen und vergibt in ihrer Rolle als Präsidentin der Louis Comfort Tiffany Foundation Stipendien und sonstige Finanzhilfen.
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6) Mary Boone

Lange bevor es Charlotte Yorke in Sex and the City gab, war da Mary Boone. Es gibt viele fantastische und ambitionierte Frauen in der Kunstwelt, aber sie ist an der Spitze. Mit ihrer Leidenschaft für Mode und beeindruckenden Persönlichkeit war sie eine der ersten Kunsthändlerinnen die zur Ikone hochstilisiert wurden. 
Ob man sie liebt oder hasst, es ist unbestreitbar dass Mary Boone stets mitten im Scheinwerferlicht der New Yorker Kunstwelt agierte. Seit Mitte der 70er und in den 80er Jahren spielte sie ständig eine wichtige Rolle auf dem New Yorker Kunstmarkt. 
Mary Boone hatte eine schwere Kindheit. Doch trotz aller Widrigkeiten arbeitete sich Boone von ihrem Sekretärinnen Job für die Bykert Galerie hoch zu einem Superstar unter den Kunsthändlern.
New York Magazin, Titelbild April 19, 1982.
Sie bewies ihr Geschäftsgespür und ihren sicheren Instinkt für Marketing von Anfang an: Die Mary Boone Gallery eröffnete in direkter Nachbarschaft zu grossen und bekannten Galerien wie Castelli und Sonnabend. Deren Besucher mussten beim Eintreten zwangsläufig zuerst durch Mary Boones Ausstellungsräume laufen um zum Aufzug zu gelangen. Der Rest ist Geschichte. Nachdem sie Julian Schnabels Karriere ins Laufen gebracht hatte, repräsentierte sie unter anderen auch Basquiat, Francesco Clemente und Barbara Kruger.
Die 70er Jahre waren schon längst vorbei, aber Boone war nie lange weg aus dem Rampenlicht. Ihr Privatleben war immer spannend und stürmisch, und sie bekam für ihre ungewöhnlichen Angewohnheiten viel Aufmerksamkeit von der Presse. Dieses Jahr fand sie sich auch wieder in den Schlagzeilen, die Gründe dafür weniger sexy: Steuerhinterziehung. Im Februar wurde sie wegen Steuerbetrugs zu 2,5 Jahren Haft verurteilt.
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7) Helene Winer

Maureen McFadden, Irving Sandler und Helen Winer (ganz rechts) an der Eröffnung von "Pictures"
Bestens bekannt als Mitgründerin der Galerie "Metro Pictures" im Jahre 1980, hatte Helene Winer sich auch schon vorher im internationalen Kunstmarkt etabliert. Ursprünglich aus Los Angeles, damals als Ort noch relativ unwichtig für die Kunstwelt, hatte Winer ihre Karriere als Assistentin im Los Angeles County Museum of Art gestartet. Später nahm sie einen Umzug über den Atlantik auf sich, um stellvertretende Direktorin der Whitechapel Gallery in London zu werden.
1970 kehrte Winer nach LA zurück und wurde dort Direktorin des Museum of Art des Pomona College, ein renommiertes Liberal Arts College wo sie Kunst lehrte. Im Pomona College stellte sie Künstler wie Jack Goldstein, John Baldessari, Bas Jan Ader, Ed Moses und Hirokazu Kosaka aus.
1975 zog sie noch einmal um, dieses Mal um sich dem geschäftigen Treiben in New York City anzuschliessen. Dort übernahm sie die Führung des "Artists Space", einem nichtkommerziellen Ausstellungsraum. Sie organisierte die Show "Pictures", eine wegweisende Veranstaltung für Künstler der Postmoderne, welche später als "Pictures Generation" bekannt wurden.

8) Ana Mendieta

Die Schaffenszeit der gebürtigen Kubanerin war von tragisch kurzer Dauer. Es gelang ihr dennoch in ihrer Arbeit alle wichtigen Richtungen der Kunstbewegungen der 70er Jahre zu vereinen: Feminismus, Body Art, Land Art und Performance. In ihrer Serie namens "Silueta" die in den 70er Jahren begann, setzte sie ihren eigenen Körper, natürliche Materialien und die Erde selbst ein, um ihre lebendigen 'earth-body' Skulpturen zu kreieren, die ersten ihrer Art. Sie waren teils Video Kunst, teils Performance, und so haben nur Abbildungen und Aufnahmen der temporären Skulpturen der Künstlerin überlebt. Die sensationellste Arbeit involvierte viel Blut: Im Jahre 1972 stand sie nackt an eine weisse Wand gelehnt und liess ein geköpftes Huhn über ihrem eigenen Körper ausbluten. (Untitled, Death of a Chicken).
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Sie gelangte von Kuba, nach einem Umweg über Rom, nach New York City. Dort schloss sie sich der ersten nur von Frauen geführten und besetzten Galerie namens "Artists in Residence an" und hatte eine klare Vision für ihre Kunst. Als Referenz auf die blutige Vergangenheit ihrer Heimat taucht Gewalt häufig in ihrer Kunst auf. Mendieta und ihre Geschwister waren als Flüchtlinge in die USA gelangt. Ihr Vater war ein politischer Gefangener, der gegen das kommunistische Regime protestiert hatte.
Traumatisiert und traurig über den Verlust des Zuhauses und ihrer Heimat Kuba, suchte sie durch ihre Kunstwerke immer wieder eine natürliche und spirituelle Verbindung zur Erde. Trotz ihrer schweren Kindheit und vieler erlebten Widrigkeiten  fand sie Trost und Erlösung in der Natur und ihrer Spiritualität.
ohne Titel (aus der Silueta Serie), 1973-77.
Was sie in ihrer Kunst thematisierte - Gewalt gegen Frauen - holte sie selber ein. 1985, als sie 36 Jahre alt war, fiel Mendieta aus dem 34sten Stock und der Wohnung welche sie mit ihrem Ehemann Carl Andre teilte. Andre sagte aus, dass das Paar gestritten hatte, als sich Mendieta selbst aus dem Fenster stürzte. Bald erhoben sich aber viele Stimmen die aussagten, dass er sie gestossen hatte. Andre wurde schlussendlich frei gesprochen, aber die Kontroverse wirft noch immer ihren traurigen Schatten über das Leben einer genialen Frau.

9) Emma Amos

Emma Amos, eine Künstlerin mit Mut und Durchsetzungskraft, war das jüngste und einzige weibliche Mitglied von "Spiral", einem Kunstkollektiv afro-amerikanischer Kreativer in New York. Sie wuchs im amerikanischen Süden auf und war sich dem ihr wohlbekannten und stets lauernden Rassismus immer schmerzlich bewusst. Dies spiegelt sich in ihren Gemälden wider.
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Als sie nach ihrer Kunstausbildung  nach New York zog, um sich ihrer Karriere als Künstlerin zu widmen, war sie überrascht dass die Situation in der doch eigentlich progressiven Stadt nicht viel besser war für sie. Ausgeschlossen und aufgehalten von Galerien und Kuratoren, musste sie durchhalten bis sie nach vielen Absagen eine Arbeit als Lehrerin an der Dalton School fand.
Sandy und ihr Ehemann, 1973.
Im Laufe der 70er Jahre arbeitete sie tagsüber als Textildesignerin, war abends eine Kunststudentin und malte an den Wochenenden - ein volles Programm. Zusätzlich lehrte sie Textildesign an der "Newark School of Fine and Industrial Arts" und fand Anerkennung für ihre Webkunst. Im Zuge der feministischen Kunstbewegung hatte Textilkunst nach und nach an Popularität gewonnen .
Emma Amos hatte - sie war wirklich schon mit sehr viel anderem beschäftigt - ihre Kunst bis um etwa 1980 nicht als bewusst feministisch verstanden. Sie griff aber von da an die Thematik deutlich auf. Vorher hatte sie nur erlebt wie  Feminismus klar den weissen Mittelklasse-Frauen vorbehalten war. Das änderte sich definitiv als sie sich dem feministischen Kollektiv "Heresies" anschliess, das Kunst und Texte von Frauen publizierte, welche oft vom gängigen Kunstmarkt ausgeschlossen wurden. Als Teil von Heresies schloss sie sich auch zum ersten Mal mit weissen Feministinnen zusammen um sich einem gemeinsamen Ziel zu widmen: Dem Kampf gegen die patriarchalen Strukturen im Kulturbereich.  
Text von Katya Lopatko 
Bildquellen: Zaleb, Paper Magazine, Wall Street Journal, Paula Cooper Gallery, Modernism, Artsy, Mondo Blogo, Hyperallergic, Artists Space, Huffington Post, The Red & Black, The Village Voice.


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