Netflix’ Do Revenge weiß, dass Frauen wütend sind – & feiert es

Foto: bereitgestellt von Netflix.
Achtung: Spoiler zum Netflix-Film Do Revenge direkt voraus!
Heutzutage eine Frau zu sein, bedeutet quasi Dauerwut – oder zumindest das regelmäßige Bedürfnis, einfach mal sämtlichen Frust rauszuschreien. Genau in einer solchen Situation lernen wir Drea Torres (Camila Mendes) und Eleanor Levetan (Maya Hawke) in Netflix’ Do Revenge kennen, während die beiden – frisch hintergangen von Menschen, denen sie eigentlich vertraut hatten – in Eleanors Oldtimer den Highway hinabrasen und sich ihre Wut von der Seele brüllen. Drea, das eigentliche „It-Girl“ an der Eliteschule Rosehill Country Day School, leidet unter den Konsequenzen eines Sex-Videos, das sie für ihren Exfreund gedreht hatte und unglücklicherweise geleakt wurde. Anfangs noch zaghaft, dann aber immer begeisterter schreit sie ihren Hass in die Welt hinaus. Eleanors Reaktion darauf: „Das musste echt mal raus, oder?“
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Obwohl Eleanor die Wut ihrer neuen Freundin gut nachvollziehen kann, wird weibliche Wut in der Kunst und im wahren Leben – ob berechtigt oder nicht – tendenziell als „hysterisch“ abgestempelt. Der englische Autor William Congreve schrieb dazu vor ein paar Jahrhunderten den berühmt-berüchtigten Spruch „Hell hath no fury like a woman scorned“ (im Deutschen: „Die Hölle selbst kann nicht wüten wie eine verschmähte Frau“) – ein Satz, der seitdem dazu missbraucht wird, sich über berechtige weibliche Wut lustig zu machen. Nehmen wir zum Beispiel mal Lady Macbeth, deren Taten, um ihren Mann auf den Thron zu bringen, in unserer heutigen Vorstellung als selbstsüchtig verurteilt werden. Oder schau dir die Reaktion auf Serena Williams’ Forderung nach einer Entschuldigung an, nachdem sie bei den U.S. Open 2018 von einem Schiedsrichter fälschlicherweise dafür bestraft worden war, betrogen zu haben (was sie leugnete). Auf der Leinwand und dem TV-Bildschirm ist die Rache weiterhin größtenteils Männern vorbehalten, und Schauspieler wie Liam Neeson und Jamie Foxx werden für ihre Darstellung von rachegetriebenen Protagonisten in 96 Hours und Django Unchained gefeiert. 
Do Revenge sieht anders aus, und will all das auf den Kopf stellen. Drea und Eleanor sind ein unerwartetes Duo, das im Tenniscamp durch ein geteiltes Ziel zusammenfindet: pure Rache. Obwohl sich ihre jeweiligen Gründe für diesen Rachewunsch ein wenig unterscheiden, sind sie doch motiviert genug, um sich zusammenzuschließen und sich brutal an ihren jeweiligen Feind:innen zu rächen – indem sie deren Leben ruinieren. Und es ist einfach irgendwie schön zu sehen, wie unverfroren Drea und Eleanor ihre Rache verfolgen, ohne sich für dieses Bedürfnis rechtfertigen oder gar entschuldigen zu wollen. Tatsächlich präsentiert uns der Film diese Rache in ihrer vollen Pracht und fechtet damit all das an, was uns über weibliche Wut bisher vermittelt wird – und zeigt uns damit eine realistischere Darstellung junger Frauen, die zurecht wütend sind.
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Obwohl Do Revenge nicht der erste Film ist, der die Rache einer Frau in den Vordergrund stellt (denk nur an Promising Young Woman, Kill Bill oder Rache ist sexy), kommt dieser besser ohne sexistische Einstellungen gegenüber wütenden Frauen aus. „Wir leben immer noch in einer Welt, in der die Vorstellung weit verbreitet ist, eine Frau sollte möglichst sympathisch und genießbar sein und ordentlich in eine Schublade passen“, erzählt die Drehbuchautorin und Regisseurin Jennifer Kaytin Robinson gegenüber Refinery29.
Foto: bereitgestellt von Netflix.
Diese „Genießbarkeit“ kennt vor allem Drea, die sich ihre Position an einer Eliteschule durch ein Stipendium hart erarbeitet hat und davon träumt, in Yale zu studieren. Sie weiß, wie wichtig es ist, „angenehm“ zu sein – leicht verdaulich eben. Sie ist sich ihres Rufs extrem bewusst und hält ihre Emotionen daher immer stark im Zaum, um nicht aus der Welt geworfen zu werden, in die sie sich gekämpft hat, und um an einer Elite-Uni angenommen zu werden. All das ändert sich jedoch, als ihr Vertrauen von ihrem Fake-Feministen-Freund Max (Austin Abrams) enttäuscht wird, der ihr Sextape veröffentlicht und damit Dreas Ruf ruiniert. Obwohl sie sich bis dahin immer angestrengt zusammengerissen hat, läuft ihr Fass mit diesem Tropfen über. Sie schlägt Max direkt ins Gesicht – und wird dafür bestraft.
Wie die Direktorin der Schule, gespielt von Sarah Michelle Gellar, immer und immer wieder betont, muss Drea einfach cleverer sein als ihre wohlhabenderen Mitschüler:innen. Alle haben ganz eigene bittere Pillen zu schlucken, sagt sie; und Dreas ist eben die Tatsache, dass sie nicht instinktiv handeln darf. Obwohl die Direktorin damit auf Dreas Status als Stipendiatsschülerin anspielt – weswegen es sich Drea an der Schule nicht verscherzen darf –, kritisiert sie damit gleichzeitig Dreas ganz natürliche, menschliche Reaktion: Wut. Diese Message wird umso deutlicher, als die Schulleiterin klarstellt: „Heute hast du dich von deiner Wut kontrollieren lassen. Von jetzt an möchte ich, dass du sie kontrollierst“ – als wolle sie damit sagen: Eine Frau muss ihre Gefühle im Zaum halten. Oder aber: Wenn du schon wütend sein musst, dann mach’s wenigstens auf clevere Art. Und damit beginnt Dreas komplizierter, heimlicher Racheplan.
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Und auch Eleanors Wut wird anfangs als Grund zur Sorge dargestellt, sogar von Drea selbst. Als Eleanor von ihrem Plan erzählt, sich an einer alten Camp-Feindin zu rächen, erklärt sie ihre Absichten ganz deutlich – sie will sich nicht bloß rächen, sondern ihre Kontrahentin in Grund und Boden stampfen. Drea reagiert darauf anfangs schockiert. Anstatt den beiden aber den Wind aus den Segeln zu nehmen, gewährt der Film Drea und Eleanor genau das: freie Bahn für ihre Wut. Bei einem Schul-Event setzen sie ihren kompletten Jahrgang auf Drogen, lassen eine Mitschülerin für die Anpflanzung von Marihuana verhaften und outen Max als Betrüger – alles, um sich zu rächen. Und während sie sich über ihre Erfolge freuen, kann man als Zuschauer:in nicht anders, als selbst zu grinsen. Es ist einfach wahnsinnig befriedigend mitzuerleben, wie sich Leute ihre Gerechtigkeit einfordern.
Das ist erfrischend (wenn natürlich auch ein bisschen unangenehm; immerhin werden hier Leben ruiniert), eben weil es uns so selten gezeigt wird. „Es ist uns immer unangenehm, wenn wir unsympathische oder fehlerhafte weibliche Charaktere zu sehen bekommen“, erzählt Maya Hawke gegenüber Refinery29. „Unsere Welt fühlt sich damit einfach nicht ganz wohl.“ In anderen Worten: Wenn eine Frau nicht schüchtern, brav und lieb ist, bricht sie dadurch mit patriarchalischen Stereotypen dazu, wie sich eine Frau verhalten sollte. Das ist ungewohnt, aber wichtig, und wenn wir unsere Darstellungen von weiblicher Wut einschränken, tun wir damit niemandem einen Gefallen. Unsere Emotionen sind facettenreich und gerechtfertigt – und ja, dazu gehört auch Wut.

Je mehr Kunst und Filme wir über unperfekte weibliche Charaktere erschaffen, desto eher fühlen wir uns mit unperfekten Frauen wohl.

Maya Hawke
Um es klarzustellen: Sowohl Dreas als auch Eleanors Wunsch nach Rache ist damit nicht automatisch lobenswert. Drea wurde von ihrem Exfreund verletzt; Eleanor von einer ehemaligen Freundin, die sie geoutet und fälschlicherweise als übergriffig dargestellt hat. „Im Zentrum der Geschichte steht vor allem die Heilung“, erklärt Robinson. „Klar schlagen die beiden einen sehr finsteren Weg ein – schaffen es aber doch zum richtigen Ziel. Hier geht es um Trauma, das zusammenschweißen kann, und um Heilung. Darum, wie emotional aufreibend es ist, ein jugendliches Mädchen zu sein.“ Für die beiden Heldinnen lautet das Motto nämlich eben nicht „Rache um jeden Preis“ – auch, wenn sie das anfangs noch glauben. „Im Kern dieses Films steht der Versuch von zwei jungen Frauen, ihr Trauma zu bewältigen und dafür den besten Weg zu finden“, meint auch Camila Mendes. 
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Und das ist wichtig! Egal, wie finster und chaotisch ihr Racheplan nämlich schließlich wird, vermittelt Do Revenge nie den Eindruck, die beiden Mädchen hätten kein Anrecht auf ihre Gefühle. Die Situationen, in denen sie landen, ihre teils kriminellen Handlungen und die pastellfarbene Welt ihrer High School, sind definitiv melodramatisch und übertrieben – und doch stellt der Film ihre Wut und ihre Emotionen nie als ungerechtfertigt dar.
Do Revenge ist kein Aufruf dazu, deine Feind:innen auf Drogen zu setzen. Trotzdem ist es wichtig, zwei junge Frauen genau das tun zu sehen, weil es uns vermittelt: Es ist okay, deinen dunkelsten Impulsen zu folgen – oder dich zumindest nicht für sie zu schämen. Am Ende sind es nämlich Zorn und Wut, die die beiden – wenn auch auf Umwegen – zu ihren Schlussfolgerungen und schließlich zur Weiterentwicklung führen. „Filme und Kunst geben uns selbst die Erlaubnis, einfach menschlich zu sein. Und es gehört zur menschlichen Natur dazu, Fehler zu machen und Makel zu haben“, meint Hawke. „Je mehr Kunst und Filme wir über unperfekte weibliche Charaktere erschaffen, desto eher fühlen wir uns mit unperfekten Frauen wohl.“
Do Revenge ist zum Streamen auf Netflix verfügbar.
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