Die Krisensituation der verfolgten Rohingya in Myanmar

Photographed by Allison Joyce/Stringer/Getty.
Der UN-Menschenrechtsrat hat einen Bericht zur Verfolgung der Rohingya in Myanmar veröffentlicht. Die Rohingya sind eine staatenlose, vornehmlich muslimische Minderheit im buddhistischen Myanmar, die seit Jahrzehnten diskriminiert wird. Die Regierung sieht sie als illegale Einwanderer an.
Fast ein Jahr ist es her, dass Rohingya-Rebellen mehr als 30 Polizeiposten in Myanmar angriffen und dabei zwölf Sicherheitskräfte töteten. Als Reaktion auf diesen terroristischen Anschlag entfachte eine erneute Gewaltwelle gegen die muslimische Minderheit seitens des Militärs, die sich gegen Zivilisten wendete. Hunderttausende Rohhingya wurden aus der Provinz Nordrhakine vertrieben. Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen beschrieb die Situation als „Musterbeispiel ethnischer Säuberung“. Unabhängige Beobachter hatten sich vor Ort ein Bild von der Lage gemacht und sprechen nun in ihrem Bericht von Vertreibung, dem Niederbrennen ganzer Dörfer, Gruppenvergewaltigungen, Folter und Versklavung. Sie stellten außerdem Anzeichen von Völkermord an den Rohingya fest. Diese Gräueltaten werden von den Vereinten Nationen als Verbrechen an der Menschlichkeit und Kriegsverbrechen nach internationalem Recht eingestuft. Zusammen mit der Veröffentlichung des Berichts fordern die UNO-Experten deshalb eine Anklage des myanmarischen Militärchefs Min Aung Hlaing vor dem Internationalen Gerichtshofes in Den Haag.
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Myanmar war bis 2010 eine Militärdiktatur, und noch heute nimmt das Militär eine Sonderstellung in dem südostasiatischen Land ein. Von Militärseite heißt es, die Rohingya würden die Häuser der myanmarischen Bevölkerung anzünden. Journalisten aus aller Welt berichten vor Ort jedoch vom Gegenteil – die Dörfer der Rohingya werden niedergebrannt, die Mitglieder der Bevölkerungsgruppe werden vergewaltigt und umgebracht. Besonders die Mädchen und Frauen der muslimischen Minderheit sind Opfer dieser systematisch angelegten Vergewaltigungen. Sexuelle Gewalt seitens der Soldaten sind Bestandteil der brutalen Angriffe. Hilfsorganisationen berichten von einem drastischen Anstieg der Geburtenrate, der sich auf die Vergewaltigungen bei den Überfällen zurückführen lässt.

Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen beschrieb die Situation als „Musterbeispiel ethnischer Säuberung“.

Der Gewaltausbruch am 25. August 2017 markiert den Beginn der Massenflucht von über 700.000 Rohingya aus Myanmar ins benachbarte Bangladesch. Refinery29 sprach mit zwei humanitären Helferinnen, die aktuell in Bangladesch stationiert sind über die Umstände vor Ort und die besonderen Schwierigkeiten, die die geflüchteten Mädchen und Frauen aktuell erfahren. Clementine Novales arbeitet beim Emergency Response Refugee Influx Programme von CARE Bangladesh, Dorothy Sang ist Kampagnenmanagerin für die Rohingya Crisis Response von Oxfam.
Die Gefahr sexueller und anderer körperlicher Gewalttaten
Im April beschuldigte die UNO das myanmarische Militär, Vergewaltigungen und andere sexuelle Gewalttaten als Kriegswaffen gegen die Rohingya einzusetzen, „um sie zu demütigen, zu terrorisieren und kollektiv zu bestrafen. Als Instrument, sie zur Flucht aus ihrer Heimat zu bewegen und ihre Rückkehr zu verhindern.“ Auch nach ihrer Flucht leben die Rohingya-Frauen in Angst vor sexuellen Übergriffen und Gewalt. In den Geflüchtetenlagern kommt es Berichten der Rohingya Crisis Response von Oxfam zufolge jede Woche zu Hunderten von Übergriffen. Außerdem sollen Frauen aus den Lagern verschleppt und zur Prostitution gezwungen werden. „In vielen Lagern gibt es kein elektrisches Licht, und ab etwa sieben Uhr abends ist es komplett dunkel und somit sehr gefährlich für die Frauen. Deswegen verlassen die meisten ihre Unterkünfte ab dem Abend nicht mehr.“, so Oxfam-Kampagnenmanagerin Dorothy Sang.
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Die Angst vor der Periode
Für viele Mädchen und Frauen in den Geflüchtetenlagern ist ihre Periode ein echtes Problem. Zwar bekommen sie mehrfach verwendbare Binden von Hilfsorganisationen gestellt, haben jedoch keinen privaten Ort, um diese zu waschen. Deswegen sind sie gezwungen, kilometerweit zu laufen, um die Binden an einem ungestörten Ort zu reinigen. „In unserem aktuellen Report sagen die Hälfte der Frauen und drei Viertel der Mädchen, dass sie nicht haben, was sie brauchen, um mit ihrer Periode klarzukommen.“, so Sang. Um sich der Beschämung, ihre Kleidung in aller Öffentlichkeit waschen zu müssen, zu entziehen, verlassen insbesondere die Mädchen ihre Unterkünfte während ihrer Menstruation nicht. Stattdessen tragen sie ihre verschmutzte Kleidung weiter und „quälen sich jeden Monat aufs Neue mit Scham und Unbehagen, weil sie einfach nichts haben, um einigermaßen angenehm mit ihrer Periode umzugehen.“
Eingeschränkte Freiheiten und soziale Barrieren
Viele Frauen haben zu viel Angst, nachts auf die Toilette zu gehen, da die Camps ab sieben Uhr abends stockdunkel sind. Das führt dazu, dass viele Nahrung und Wasser verweigern und auch ihre Kinder nicht ausreichend versorgen, um nicht nachts auf die Toilette gehen zu müssen, erklärt die Hilfsorganisation Oxfam. Wenn sie ihre Zelte doch verlassen, müssen sie eine Burka tragen. Da viele Haushalte jedoch nur eine haben, müssen Mütter, die nachts auf die Toilette gehen, ihre Kinder alleine im Zelt zurücklassen.
Sang erklärt: „Ich habe mit vielen Frauen gesprochen. Viele von ihnen – unserem aktuellen Bericht zufolge ein Drittel – fühlen sich nicht sicher, wenn sie ihr Zelt verlassen um Wasser zu holen, Nothilfsgüter zu besorgen oder die Toilette zu nutzen. Die Lager können ein sehr gefährlicher Ort für diese Frauen sein. Jede Woche kommt es zu Hunderten von Übergriffen und Verschleppungen.“ Clementine Novales ergänzt, dass zwar nach und nach immer mehr Hilfe für die Rohingya eintrifft, Mädchen und Frauen aber nur begrenzt davon profitieren können. Das liegt an den sozialen Barrieren, glaubt sie: „Scham, Stigmatisierung und die Angst vor Vergeltungsmaßnahmen sind die sozialen Barrieren, die Mädchen und Frauen, die Gewalt erfahren haben, davon abhalten, sich die Hilfe zu suchen, die sie benötigen.“
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Gesundheitliche Probleme
Essen, sauberes Wasser, Zelte und eine medizinische Grundversorgung sind in den Lagern zwar gewährleistet, aber „die Zustände in den Lagern bleiben insbesondere für Frauen katastrophal und müssen dringend verbessert werden.“, sagt Sang. Oxfam zufolge fehlen weitere 72 Millionen US-Dollar, um den Rohingya-Frauen die Hilfe zuteilkommen zu lassen, die sie dringend benötigen. Viele von ihnen entwickeln während ihres Aufenthalts in den Geflüchtetenlagern gesundheitliche Probleme, die oftmals daher rühren, dass sie Angst davor haben, ihre Zelte zu verlassen. „Die Mangelernährungsrate in den Camps liegt bei 40 Prozent, das ist ein riesiges Problem. Aufgrund der Tatsache, dass viele Frauen sich nicht trauen, regelmäßig auf die Toilette zu gehen, [da sie um ihr Leben fürchten,] entwickeln sich Infektionen und Unterleibsschmerzen.“
Fehlende psychologische Hilfe
Besonders Mädchen und Frauen leiden unter Traumata, wenn sie in den Geflüchtetenlagern ankommen. Doch psychologische Hilfe kann nicht sofort gewährleistet werden. Zunächst geht es darum „den Menschen das bereitzustellen, was sie zum Überleben brauchten. Doch die Traumatisierung, die so viele dieser Frauen erlebt haben, ist allgegenwärtig. Deswegen ist es nun unerlässlich, spezialisierte Hilfestellung für die Gewaltopfer zu gewährleisten.“, sagt Sang.
Die traditionelle Frauenrolle
Alleinerziehende Mütter, deren Ehemänner vermisst werden oder tot sind, machen ein Sechstel der Bewohner in den Geflüchtetenlagern aus, erklärt Oxfam. Sie müssen das erste Mal in ihrem Leben eine gesellschaftliche, öffentliche Rolle einnehmen, die mit dem traditionellen Rollenverständnis kollidiert. Die Hilfsorganisation sagt weiter, dass es deshalb unerlässlich ist, diese besonders angreifbaren Frauen zu unterstützen. Hilfspakete und Dialoge über kulturell geprägte Männer- und Frauenrollen sollen helfen. Aber auch die Frauen selbst trotzen den Stereotypen. Im Juni diesen Jahres fanden das erste Mal Wahlen zu Frauenvertreterinnen in den Camps statt. Für viele Rohingya-Frauen war das die erste Stimmenabgabe ihres Lebens.
Sang sagt, dass die Stimmung in den Lagern stabil sei. Sie ist beeindruckt davon, wie „stark und belastbar“ die Geflüchteten seien, auf die sie getroffen ist. „Sie überleben mit Hilfe von Notversorgungen und unter extrem erschwerten Bedingungen, insbesondere während der Regenzeit. Und trotzdem begrüßen sie einen mit einem Lächeln im Gesicht und sind den Hilfsorganisationen, den Gemeinden und der Regierung in Bangladesch sehr dankbar für die Unterstützung, die sie bekommen. Aber es macht mich auch gleichzeitig traurig, mitansehen zu müssen, wie viel Angst diese Menschen vor der Zukunft haben. Eltern machen sich Sorgen um das Wohlergehen ihrer Kinder, und es ist nicht einfach, ihnen diese Ängste zu nehmen.“
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