Warum der Frust über Trumps Wahlsieg uns nicht zum Slut-Shaming befugt

Photo: Patrick Semansky/AP/REX/Shutterstock.
Der ohnehin schon geladene 9. November ist in diesem Jahr noch bedeutungsträchtiger geworden: Donald Trump wurde zum 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Das hat weltweit für Aufruhr gesorgt. Manche reagierten mit Tränen, andere haben geschrien, weitere wiederum haben sich in Kindchenstellung ins Bett gelegt und gehofft, dass das alles nur ein Alptraum war. Viele waren aber auch an den Bildschirm gebannt und haben versucht, mit den Wellen aus Frust, Schock und Unglaube umzugehen. Und ein paar dieser letzten Persönchen haben sich in kürzester Zeit dazu berufen gefühlt, ihre Wut in Form eines Shit-Storms gegenüber der nächsten First Lady lautzumachen. Und das ist in der Art und Weise, wie es derzeit vollzogen wird, absolut unangebracht.

Melania, 46, ist seit geraumer Zeit das Opfer vieler Clinton-Befürworter gewesen. Und obwohl es dafür durchaus verständliche Grundlagen gegeben hätte, beispielsweise das passagenweise Kopieren der (demokratischen) Rede von Michelle Obama oder die falsche Aussage über ein angeblich abgeschlossenes Studium, das de facto nicht abgeschlossen wurde. Die Argumentation vieler lässt jedoch nicht nur zu Wünschen übrig, sondern ist schier kontraproduktiv.

Diverse Twitter-Nutzer nannten Melania Trump im Zuge des Wahlkampfs eine Schlampe, ein Bimbo und „a dumb cunt“. Sogar die Washington Post reduzierte sie spöttisch auf eine „professional pretty person“. Und das, obwohl die im ehemaligen Jugoslawien geborene Melania Knavs bereits mit 16 Jahren ihre Karriere in der Modeindustrie begann, im Zuge ihrer internationalen Engagements fünf Sprachen erlernte (insgesamt also sechs spricht) und eigenen Schmuck designt.

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„Melania hat an der Trump University studiert, Michelle ging nach Harvard und Princeton. Was soll man von einem solchen Bimbo auch erwarten“

Man möge also meinen, dass sie als gemachte Frau an genau diesen Kriterien gemessen wird. Jedoch stürzten sich in den vergangenen Monaten immer wieder vermeintliche Progressive auf die zukünftige First Lady der USA und verurteilten sie auf der Grundlage von Geschehnissen aus ihrer Vergangenheit, die es nicht zu diskutieren gilt.

Vorweg sei gesagt, dass Kritik notwendig und gut ist, Stichwort: konstruktiv. Vor allem Politiker und ihre Partner und Partnerinnen sollten sich dessen bewusst sein, wenn sie ein Amt antreten. Allerdings muss diese Kritik faktisch basiert sein, und das zum Trotz des weltweiten Wort des Jahres 2016 „postfaktisch“.

Wer sich eigentlich im Fortschritt sieht, sich für #freethenipple-Kampagnen, die flächendeckende Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau einsetzt und gegen veraltete Geschlechterkonventionen ankämpfen möchte, der kann im nächsten Schachzug nicht gegen eine Frau vorgehen, die Nacktbilder von sich hat machen lassen. Das ist kindisch und irrational. Aber vor allem falsch und scheinheilig und, vielleicht zur Überraschung mancher, kein bisschen feministisch.

Wenn man den Namen der Trumps weglässt und den Kern der Story extrahiert, sieht es nämlich gleich ganz anders aus. Es würde eine Frau dazu verdammt sein, niemals eine Führungsposition oder gar Vorbildrolle übernehmen zu können, die schon einmal öffentlich nackt gesehen wurde. Keine Feministin würde das per se unterschreiben – bei Trump tun es jedoch trotzdem viele, obwohl der Schuh eigentlich an einer ganz anderen Stelle drückt.

Durch ihr Slut-Shaming wird klar, dass die vermeintlich „Fortschrittlichen“ nicht ganz so fortschrittlich sind, wie sie denken.


Und das ist in diesem Fall nicht einmal mittelalten, weißen Männern geschuldet. Nein, Slut-Shaming wird in diesem speziellen Fall oft von Frauen vollzogen. Das ist die Doppelmoral des Feminismus: Wir suchen uns aus, wen wir unterstützen wollen und wen nicht. Bei letzteren scheinen oft nicht dieselben Kriterien zu gelten, wie bei denjenigen, die wir auf unserer Seite sehen. Aber so funktioniert es eben nicht, weder in der Schule, noch in politischen Diskussionen und auch nicht bei der Arbeit oder gar in der Gesellschaft.

Nun kann man sich darauf einigen, dass der Umschwung von Michelle Obama zu Melania Trump ein spürbarer sein wird. Das wird jedoch nicht darauf zurückzuführen sein, dass es nur von einer von ihnen Nacktbilder gibt. Es wird lediglich daran liegen, dass Melania Trump ein anderer Mensch ist als Michelle Obama. Sie vertritt andere Werte, andere Ideale und andere Zukunftsvisionen.

Durch ihr Slut-Shaming wird klar, dass die vermeintlich „Fortschrittlichen“ nicht ganz so fortschrittlich sind, wie sie denken. Und wir suggerieren Mädchen und jungen Frauen, dass es gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, sich nackt zu zeigen. Und ist es nicht das, was wir als Frauen überkommen sollten?

Es sagt sehr viel mehr über diejenigen aussagen, die darüber reden, als über die, die ungewollt zum Gesprächsthema werden.
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